In diesen Pflanzen entstehen wichtige Wachstumsfaktoren, die noch auf ihre Entdeckung warten: "grass-derived growth factor" und "banana-derived growth factor"
1984–1987
Es ging mir gut. Die Experimente funktionierten immer besser. Ich hatte gelernt, Gewebe zu extrahieren, Proteine über Säulenchromatographie aufzureinigen und anschließend auf biologische Aktivität zu testen. Dazu verwendete ich Kulturen von Gefäßzellen. Unter dem Mikroskop konnte ich erkennen, ob ein Wachstumsfaktor vorhanden war. Anschließend bestimmte ich die Zellzahl mit einem Coulter Counter und konnte die Aktivität sogar messen.
Denis hatte kurz zuvor den basischen Fibroblastenwachstumsfaktor, kurz bFGF, aus Rinderhirn isoliert und als weltweit Erster seine Sequenz bestimmt. Nun stellte sich die Frage, ob dieser Wachstumsfaktor auch in anderen Geweben oder Körperflüssigkeiten vorkam.
Beim Literaturstudium war mir aufgefallen, dass andere Wachstumsfaktoren im Urin nachgewiesen worden waren. Also beschloss ich, im Urin nach bFGF zu suchen. Das Problem war nur: Ich brauchte Urin. Viel Urin. Kurzerhand erklärte ich Hilde, dass wir unseren konzentrierten Morgenurin ab sofort nicht mehr der Kanalisation überlassen würden. Stattdessen wurde er aufgefangen, in Plastikflaschen abgefüllt und im Gefrierfach unseres Kühlschranks eingelagert. Über Wochen füllte sich das Gefrierfach mit orangefarbenen Flaschen.
Irgendwann kamen Ulli und Derek zu Besuch in die 39th Avenue. Derek hatte Durst, öffnete den Kühlschrank, schaute ins Gefrierfach und entdeckte die Sammlung.
„Donnerwetter“, sagte er anerkennend. „Ihr lagert aber viel Orangensaftkonzentrat ein.“
Hilde und ich mussten uns beherrschen, um nicht laut loszulachen. Über den tatsächlichen Inhalt klärten wir ihn lieber nicht auf.
Als genügend Material zusammengekommen war, nahm ich die Flaschen mit ins Labor, taute alles auf und ließ den Inhalt über eine Chromatographiesäule laufen. Sharon erschien. Sie war eine typische WASP – White Anglo-Saxon Protestant. Freundlich, prüde und ziemlich weltfremd. Sie betrachtete mein Experiment mit Interesse und tuschelte im Hintergrund schließlich mit Jenny, unserer chinesischstämmigen technischen Assistentin.
„You know what it iiis?“
Kurze Pause.
„It's Louthaars peeeee!“
Der Tonfall hatte etwas verboten-sensationelles, so als wäre sie einem großen, gut gehüteten Geheimnis auf die Spur gekommen. Jenny reagierte gelassen. Sie war bodenständig und in einem deutlich anderen Milieu als Sharon großgeworden. Mein Versuch blieb erfolglos. Es fand sich kein bFGF im Urin. Aber Spaß hatte ich trotzdem.
Richtig interessant wurde es, als Axel zu Besuch kam. Er hatte sechs Wochen Urlaub. Und war heiß auf das Labor. Abends grillten wir auf unserem Hibachi und tranken bis spät in die Nacht kalifornischen Rotwein. Und dabei hatten wir allerhand - aus unserer Sicht geniale - Ideen.
Andere Wissenschaftler hatten Wachstumsfaktoren aus den verschiedensten Geweben extrahiert und so entstanden Namen wie „bone-derived growth factor" oder "brain-derived growth factor". Auf dem Tisch lagen Bananen und wir philosophierten, ob sie denn vielleicht Wachstumsfaktoren enthielten. Einen Namen hatten wir schon: "banana-derived growth factor" (BDGF). Wir würden reich und berühmt werden. Es galt nur noch, den so gut wie sicher geglaubten Faktor auch nachzuweisen. Für uns kein Problem. Am nächsten Morgen nahmen wir alle Bananen mit ins Labor und jagten den Extrakt über die Säule. Leider wurden wir weder reich noch berühmt. Weshalb? Es gab keinen BDGF. Und bis heute wurde er nicht gefunden.
Aber: ernsthafte Wissenschaftler lassen sich durch Fehlschläge nicht irritieren! Bei einer unserer nächtlichen Weinproben bekamen wir eine super-Idee. Wir hatten nach unserer Heimkehr vom Labor im Garten gesessen und gesehen, wie hoch das Gras inzwischen gewachsen war. Beim Wein wurde uns schlagartig klar: Das Gras konnte nur deshalb so hoch gewachsen sein, weil darin jede Mange Wachstumsfaktoren sein müssten. Den Namen hatten wir bereits festgezurrt: GDGF für "grass-derived growth factor". Am nächsten Morgen wurde die Idee gleich in die Tat umgesetzt. Um 7 Uhr morgens schnappte ich mir den Rasenmäher und mähte das Gras. Hilde wurde wach und fragte, ob ich krank oder übergeschnappt sei. Ich klärte sie auf und begab mich mit Axel ins Labor. Aber die Pflanzen meinten es nicht gut mit uns. Auch der GDGF wurde bis heute nicht gefunden!
Schade. Aber einen Lacher sind die Experimente immer noch wert.