Barbara war eine der ungewöhnlichsten Persönlichkeiten, denen ich in Heidelberg begegnet bin. Sie stammte aus der ehemaligenDDR und hatte ihre Ausbildung an der Kinderklinik Berlin-Buch absolviert. Anders als viele heute vermuten, war damals nicht die Charité das Zentrum der Kinderheilkunde in der DDR, sondern Berlin-Buch. Dort wurden die schweren Fälle behandelt, auch viele krebskranke Kinder. Barbara hatte sich dort bis zur Funktionsoberärztin hochgearbeitet.
Mit dem politischen System der DDR kam sie nicht zurecht. Als sich 1989 die Grenze nach Ungarn öffnete, nutzte sie die Gelegenheit zur Flucht und landete schließlich in Heidelberg. Dort wurde sie Oberärztin der onkologischen Station H7 und damit meine unmittelbare Vorgesetzte.
Barbara war eine ausgezeichnete Kinderonkologin. Sie war sorgfältig und arbeitete mit großem Einsatz, hatte aber ein Problem mit der Priorisierung. Die Differenzierungzwischen dringenden und weniger dringenden Problemen war schwierig. Ihr erschien alles unmittelbar wichtig.
Wenn nachts oder am Wochenende ein neues krebskrankes Kind aufgenommen wurde, wollte sie möglichst die komplette Diagnostik sofort durchführen. Aus heutiger Sicht und auch damals war das oft wenig sinnvoll. Ein schwerkrankes Kind muss zunächst stabilisiert werden. Die aufwendige Diagnostik plant man anschließend in Ruhe, wenn alle beteiligten Abteilungen arbeiten und die Proben ohne Zeitdruck verschickt werden können. Am Wochenende mitten in der Nacht führt hektischer Aktionismus eher ins Chaos. Genau das geschah aber regelmäßig.
Versuchte man, Barbara etwas zu bremsen, verstand sie das nicht als organisatorischen Vorschlag, sondern als mangelnde Fürsorge für den Patienten. Für sie war größtmöglicher Einsatz gleichbedeutend mit bestmöglicher Medizin. Dass manchmal Ruhe und Struktur die bessere Vorgehensweise sind, fiel ihr schwer zu akzeptieren. Sie wirkte auf mich oft gehetzt und unter dem ständigen Druck, bloß nichts zu übersehen. Das machte die Zusammenarbeit nicht einfach.
Jahre später kreuzten sich unsere Wege noch einmal. Inzwischen war ich Chefarzt der Kinderklinik in Berlin-Buch. Genau dort, wo Barbara ihre Ausbildung einst absolviert hatte. Schon irgendwie verrückt. Barbara war nach ihrer Tätigkeit inHeidelberg Chefärztin in Ludwigshafen geworden, hatte ihre Stelle dort jedoch verloren. Da ich eine erfahrene Kinderonkologin suchte, bot ich ihr eine Oberarztstelle in Berlin an. Ich hoffte, dass die gemeinsame Vergangenheit in Heidelberg mir vielleicht ein falsches Bild vermittelt und ihr Verhalten sich zwischenzeitlich geändert hatte.
Leider war das nicht der Fall. Barbara blieb eine außergewöhnlich engagierte Ärztin, geriet aber immer wieder in Konflikte mit ihren Kollegen. Hinzu kam eine tiefe Skepsis gegenüber vielen Mitarbeitern aus der ehemaligen DDR. Ihre eigenen Erfahrungen hatten sie geprägt. Sie glaubte häufig, alte Seilschaften und politische Motive zu erkennen, wo andere lediglich normale Meinungsverschiedenheiten sahen.
Mit der Zeit wurde unsere Zusammenarbeit unmöglich. So musste ich mich schließlich von ihr trennen. Das fiel mir nicht leicht. Barbara Selle war keine schlechte Ärztin – im Gegenteil. Sie wollte ihren Patienten immer das Beste. Aber manchmal genügt fachliche Kompetenz allein nicht. Wer eine Station führen will, muss Prioritäten setzen, Entscheidungen delegieren und mit anderen zusammenarbeiten können. Daran scheiterte sie. Ich bin etwas traurig, dass es keinen besseren Ausgang für uns beide gab.