Als ich Professor Hans Joachim Bremer kennenlernte, verstand ich ihn nicht.
Er war ein verschlossener Mensch. Er sprach wenig, zeigte kaum Emotionen und wirkte auf viele von uns unnahbar. Von sich selbst sagte er gelegentlich, er komme aus Mecklenburg. Man merkte ihm diese norddeutsche Zurückhaltung an. Er war höflich, korrekt und integer, aber nie jemand, der einen mitriss. Für uns Assistenzärzte blieb er meist ein Rätsel.
Damals empfand ich ihn oft als Betonklotz. Nicht laut, nicht ungerecht, nicht cholerisch. Eher unbeweglich. Man wusste selten, woran man bei ihm war. Er war keiner, der einen lobte, aber auch keiner, der jemanden demonstrativ fertigmachte. Das überließ er anderen.
Erst viele Jahre später, als ich nach seinem Tod seine Vita las, begann ich ihn anders zu sehen. Eigentlich hatten wir mehr gemeinsam, als mir damals bewusst gewesen war.
Auch Bremer war zunächst Wissenschaftler gewesen. Lange bevor er Ordinarius wurde, arbeitete er in der Biochemie, baute Forschungslabore auf, habilitierte sich und beschäftigte sich mit Stoffwechselerkrankungen zu einer Zeit, als dieses Gebiet noch echte Pionierarbeit war. Mein Weg verlief anders, führte aber ebenfalls über viele Jahre Grundlagenforschung – zunächst in der Molekularbiologie, später in der Tumorforschung. Vielleicht hätte gerade er verstehen müssen, warum mir Wissenschaft am Herzen lag.
Als ich nach Heidelberg kam, hätte ich aufgrund meiner wissenschaftlichen Arbeiten bereits die Voraussetzungen für eine experimentelle Habilitation erfüllt. Darüber wurde auch gesprochen. Bremer entschied sich jedoch dagegen. Zunächst sollte ich meine Facharztausbildung abschließen. Erst danach unterstützte er meine Habilitation. Er tat das korrekt und loyal, aber nie mit besonderer Begeisterung. Zwischen uns blieb eine Distanz.
Dabei hatte ich nie den Eindruck, dass er mir bewusst Steine in den Weg legen wollte. Eher schien es, als könne er mit mir wenig anfangen. Ich war Onkologe, seine wissenschaftliche Heimat war die Stoffwechselmedizin. Vielleicht redeten wir deshalb tatsächlich manchmal aneinander vorbei. Damals habe ich ihm das übel genommen. Heute frage ich mich eher, ob nicht auch er selbst in einer schwierigen Rolle gefangen war.
Die Heidelberger Kinderklinik bestand aus einer ganzen Reihe ausgesprochen selbstbewusster Oberärzte und Sektionsleiter. Viele wollten ihre Bereiche ausbauen, manche träumten bereits von einer eigenen Abteilung. Jeder hatte seine Interessen. Bremer war kein Machtmensch und kein großer Kommunikator. Konflikte trug er selten offen aus. Wahrscheinlich hoffte er oft, dass sie sich von selbst erledigten. Das taten sie natürlich nicht. Ich glaube heute sogar, dass er unter dieser Situation gelitten hat.
Walter Nützenadel hätte aus meiner Sicht häufiger Grenzen aufgezeigt bekommen müssen. Sein Umgang mit jungen Assistenzärzten war oft unnötig verletzend. Bremer griff kaum ein. Das habe ich ihm damals nicht verziehen. Ein Klinikdirektor trägt Verantwortung nicht nur für Patienten, sondern auch für die Kultur seiner Klinik. Dennoch wäre es falsch, ihn darauf zu reduzieren.
Hans Joachim Bremer gehörte zu den bedeutenden deutschen Stoffwechselmedizinern seiner Generation. Seine wissenschaftlichen Arbeiten, seine internationalen Kooperationen und sein Standardwerk über Aminosäurenstoffwechsel waren außergewöhnliche Leistungen. Er hat die pädiatrische Stoffwechselmedizin nachhaltig geprägt. Was mich aber im Rückblick fast ebenso beeindruckt, ist sein Lebensweg.
Er verließ die DDR nicht aus Karrieregründen, sondern weil von ihm politische Anpassung verlangt wurde. Er schlug wissenschaftliche Angebote aus, weil sie an den Eintritt in die SED geknüpft waren. Das hatte ich damals alles nicht gewusst. Vielleicht erklärt gerade diese Biographie auch einen Teil seines Wesens. Er war kein Mann großer Worte. Vielleicht hatte ihn das Leben gelehrt, vorsichtig zu sein. Vielleicht konnte er Anerkennung einfach schlecht zeigen. Vielleicht lag es aber auch nur in seiner Persönlichkeit. Ich weiß es bis heute nicht.
Ganz am Ende meiner Heidelberger Zeit änderte sich unser Verhältnis ein wenig.
Als ich den Preis der Adam-Stiftung für meine Arbeiten über Lymphgefäße erhielt, hielt Bremer in Frankfurt die Laudatio. Das war keine überschwängliche Rede. So war er nicht. Aber für mich war sie ein Zeichen, dass er meine wissenschaftliche Arbeit doch gesehen und anerkannt hatte. Ich habe mich darüber ehrlich gefreut.
Später, als ich selbst Ordinarius wurde, hätte ich mir gewünscht, dass er ein wenig Stolz zeigte. Viele Professoren empfinden es als Auszeichnung, wenn ehemalige Mitarbeiter selbst einen Lehrstuhl erhalten. Von Bremer kam wenig. Vielleicht entsprach auch das einfach seinem Wesen.
Heute sehe ich Hans Joachim Bremer anders als damals. Ich hätte mir keinen anderen Wissenschaftler wünschen können. Einen anderen Chef dagegen schon.
Vielleicht haben wir tatsächlich ein wenig aneinander vorbeigeredet. Zwei Menschen, die sich ähnlicher waren, als sie selbst bemerkten.
Seine wissenschaftlichen Leistungen stehen außer Frage. Sie haben die Kinder- und Jugendmedizin nachhaltig geprägt. Mir bleibt darüber hinaus die Erinnerung an einen integren Menschen, der nie den einfachen Weg gesucht hat. Dass ihm das Führen von Menschen schwerfiel, schmälert diese Leistung nicht. Es erklärt für mich heute manches besser als damals.