Jochen Tröger passte ziemlich gut in die Heidelberger Kinderklinik, wie ich sie während meiner Ausbildung erlebte. Das ist nicht unbedingt als Kompliment gemeint. Als ich dort anfing, war ich klinisch noch weitgehend ahnungslos. Oberärztliche Anweisungen gab es kaum, chefärztliche schon gar nicht. Man musste sich selbst helfen und konnte allenfalls einen der älteren Assistenten um Rat fragen. Die Atmosphäre „dort oben“ war vergiftet: durch den Wadenbeißer Nützenadel, den ständig unzufrieden wirkenden Dietrich Schönberg und durch einige Oberärzte, die es verstanden, sich den klinischen Verpflichtungen so weit wie möglich zu entziehen, ohne die gewonnene Zeit etwa für wissenschaftliche Arbeit zu nutzen.
In dieses Feld aus Eitelkeiten und Gehässigkeiten fügte sich Tröger gut ein. Fachlich war er zweifellos kompetent. Seine täglichen Röntgendemonstrationen im Hörsaal, die sich an die akademischen Pseudodiskussionen anschlossen, waren lehrreich. Als menschliches Vorbild taugte er für mich weniger. Er trat gern als jemand auf, der alles wusste und daran auch keinen Zweifel ließ. Ein klassischer Mr. Know-it-all.
Besonders gut erinnere ich mich an eine Episode aus meiner Anfangszeit. Bei einem Patienten war eine Auffälligkeit an einem Bein entdeckt worden, und ich sollte die Röntgenanforderung ausfüllen. Als absolutes Greenhorn dachte ich so, wie ich es aus der Wissenschaft kannte: Man brauchte eine Kontrolle. Also forderte ich zum Vergleich auch eine Aufnahme des gesunden Beines an. Das war natürlich Unsinn. Für die Beurteilung reichte die Aufnahme des erkrankten Beines vollkommen aus. Nur hatte mir das bis dahin niemand erklärt.
Kurz darauf rief Tröger wutentbrannt an und bestellte mich in sein Büro. Dort machte er mich zur Schnecke und gab mir unmissverständlich zu verstehen, wie bescheuert man sein müsse, eine solche Anforderung auszufüllen. Sein Unterton war klar: typisch Wissenschaftler – vom klinischen Alltag keine Ahnung. Ich war einfach nur verdattert. Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, er hätte mir meinen Fehler sachlich erklärt. Das hätte vermutlich zwei Minuten gedauert, und ich hätte etwas gelernt. Doch die Heidelberger Devise lautete häufig anders: Das Gegenüber wurde kleingemacht, damit man selbst umso größer erschien.
Tröger hielt auch große Stücke auf seine wissenschaftlichen Fähigkeiten. Wenn man sich sein wissenschaftliches Werk ansieht, wirkt es allerdings recht überschaubar. Das hinderte ihn später nicht daran, in seiner Funktion als Prorektor mit dem Selbstbewusstsein eines ausgewiesenen Wissenschaftskenners aufzutreten. Jochen Tröger war nicht mein Fall. Ein eitler Fatzke.