Klaus-Michael Debatin

Vom anfänglichen Konkurrenten zum Verbündeten im Kampf gegen ein etabliertes System.

Als ich 1987 nach Heidelberg kam, war Klaus-Michael Debatin bereits einer der erfahrenen Assistenten der Kinderklinik. Nach dem Tod von Werner Brandeis war Rolf Ludwig Leiter der Sektion geworden, Klaus-Michael rückte zum Altassistenten auf und ich war der Neue – wissenschaftlich erfahren, klinisch aber ein blutiger Anfänger.

Unsere Beziehung war anfangs nicht ganz spannungsfrei. Klaus-Michael hatte, ähnlich wie ich, am Deutschen Krebsforschungszentrum gearbeitet. Seine wissenschaftliche Bilanz war damals noch nicht außergewöhnlich. Er wusste, dass ich bereits in internationalen Spitzenjournalen publiziert hatte, und ich hatte den Eindruck, dass er mich zunächst als möglichen Konkurrenten betrachtete. Wahrscheinlich fragte er sich, ob da jemand kam, der ihm wissenschaftlich gefährlich werden könnte. Mit der Zeit legte sich diese Spannung. Er merkte schnell, dass ich klinisch noch weit hinter ihm zurücklag und seine Position keineswegs bedrohte.

Dann nahm seine wissenschaftliche Laufbahn eine überraschende Wendung. Im Labor von Professor Peter Krammer arbeitete er an monoklonalen Antikörpern gegen Leukämiezellen. Eigentlich sollten diese Antikörper diagnostischen Zwecken dienen. Bei den Experimenten fiel jedoch auf, dass die Leukämiezellen nach Zugabe der Antikörper regelmäßig abstarben. Zunächst war das eher ärgerlich, denn man wollte die Zellen untersuchen und nicht zerstören. Die entscheidende Frage lautete schließlich aber nicht mehr: Warum funktioniert das Experiment nicht?, sondern: Warum sterben die Zellen überhaupt?

Die Antwort führte Klaus-Michael Debatin auf das damals noch junge Forschungsgebiet der Apoptose, des programmierten Zelltods. Innerhalb weniger Jahre entwickelte er sich zu einem der führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Seine Arbeiten erschienen in den renommiertesten Fachzeitschriften und wurden vielfach ausgezeichnet. Ich habe diese Entwicklung aus nächster Nähe miterlebt. Aus einem Kollegen, der zunächst eher im Schatten anderer stand, wurde innerhalb weniger Jahre einer der international bekanntesten deutschen Forscher auf dem Gebiet der Apoptose.

Zwischendurch arbeitete er an den National Institutes of Health in den USA und leitete später eine Arbeitsgruppe am Deutschen Krebsforschungszentrum, bevor er an die Kinderklinik zurückkehrte. Dort übernahm er schließlich die Leitung der Sektion für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, nachdem Rolf Ludwig die Klinik verlassen hatte. Später erhielt Klaus-Michael den Ruf auf den Lehrstuhl für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Ulm. In dieser Zeit stellten wir fest, dass wir beide mit einem ähnlichen Problem zu kämpfen hatten.

Die pädiatrische Onkologie in Deutschland wurde damals von wenigen großen Zentren dominiert. Berlin, Frankfurt, Münster, Hannover und Tübingen bestimmten weitgehend, wer künftig welche Klinik leiten sollte. Die etablierten Direktoren förderten bevorzugt ihre eigenen Schüler. Wer nicht zu diesem Kreis gehörte, hatte es deutlich schwerer. Klaus-Michael Debatin und ich gehörten nicht zu den Kronprinzen. Wissenschaftlich waren wir gut ausgewiesen, aber wir passten nicht in das bestehende Gefüge. Unsere Berufungen mussten wir uns gegen erhebliche Widerstände erarbeiten.

Besonders deutlich wurde das bei der Neubesetzung der neu geschaffenen Abteilung für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie in Heidelberg. Klaus-Michael Debatin war inzwischen Ordinarius in Ulm, ich Chefarzt in spe, und wir bewarben uns beide auf die neue Professur. Die Berufungskommission setzte Debatin auf Platz eins, mich auf Platz zwei und Andreas Kulozik auf Platz drei.

Eigentlich schien die Entscheidung gefallen. Doch der damalige Dekan Claus Bartram wollte seinen langjährigen Weggefährten Andreas Kulozik unbedingt nach Heidelberg holen. Zunächst wurde Debatin ein Berufungsangebot gemacht, das so unattraktiv ausgestaltet war, dass er es vernünftigerweise ablehnen musste. Danach wäre ich an der Reihe gewesen.

Stattdessen wurde das Berufungsverfahren unter einem Vorwand erneut aufgerollt. Es wurde ein weiteres Gutachten eingeholt. Karl Welte, der dieses Gutachten verfasste, erzählte mir später selbst, wie es dazu gekommen war. Sein Ergebnis lautete sinngemäß, Kulozik und ich seien wissenschaftlich gleichwertig; Kulozik habe zum damaligen Zeitpunkt lediglich etwas mehr Drittmittel eingeworben. Damit war der Weg frei. Kulozik wurde nach Heidelberg berufen. Für mich war das damals eine große Enttäuschung.

In dieser Zeit lernte ich Klaus-Michael Debatin von einer ganz anderen Seite kennen. Obwohl wir Konkurrenten gewesen waren, bot er mir an, ihn jederzeit anzurufen. Das tat ich auch. Wir führten lange Gespräche, und seine Unterstützung half mir sehr, diese Niederlage zu verarbeiten. Aus dem anfänglichen Konkurrenzverhältnis war längst gegenseitiger Respekt geworden. Kurz darauf erhielt ich den Ruf nach Göttingen. Damit waren wir beide schließlich Direktoren großer Universitätskinderkliniken geworden.

Rückblickend denke ich an Klaus-Michael Debatin nicht nur als hervorragenden Wissenschaftler. Er war ein integrer Mensch, der klar sagte, was er dachte, Intrigen verabscheute und auch in schwierigen Situationen zu seinem Wort stand. Vielleicht verstanden wir uns gerade deshalb am Ende so gut. Wir wussten beide, wie es sich anfühlt, als Außenseiter gegen ein etabliertes System anzutreten.