Walter Nützenadel war der Stellvertreter von Professor Bremer und über viele Jahre die prägende Figur des klinischen Alltags an der Heidelberger Kinderklinik. Die meisten Assistenzärzte hatten vor ihm mehr Respekt als vor Bremer. Nicht, weil er der bessere Arzt gewesen wäre. Sondern weil er derjenige war, der den Alltag bestimmte. Für mich war Nützenadel das prägnanteste Beispiel dafür, wie ein Vorgesetzter junge Mitarbeiter nicht führen sollte.
Nützenadel litt an einer schweren Hüfterkrankung und humpelte auffällig. Ob es sich um einen angeborenen Schaden oder eine früh entstandene Arthrose handelte, weiß ich bis heute nicht. Rückblickend frage ich mich manchmal, ob er nicht über viele Jahre unter erheblichen Schmerzen gelitten hat. Vielleicht erklärt das einen Teil seines Wesens. Entschuldigen würde es ihn allerdings nicht.
Nützenadel war ein guter Kliniker. Daran habe ich nie gezweifelt. Gerade während meiner Zeit in der Ambulanz, als ich ihm direkt unterstellt war, habe ich durchaus von ihm gelernt. Er erkannte rasch, wo ein Problem lag, und konnte pragmatische Entscheidungen treffen. Wissenschaftlich dagegen gehörte er nie zu den Großen seines Faches. Seine Arbeiten waren solide, aber nicht wegweisend. Vielleicht hatte er sich mehr erhofft. Ich hatte oft den Eindruck, dass er sein ganzes Berufsleben auf eine ordentliche Professur wartete, die nie kam. Er blieb der "local hero". So nannte ihn einer seiner ehemaligen Oberarztkollegen, dem der Sprung ins Ordinariat gelungen war.
Seine große Zeit war vermutlich der Übergang zwischen Professor Bickel und Professor Bremer. Für kurze Zeit leitete er die Allgemeine Pädiatrie kommissarisch. Später, nach dem überraschenden Tod des Mannheimer Klinikdirektors im Jahr 2004, erhielt er noch einmal die Chance, eine Universitätskinderklinik kommissarisch zu führen. Vier Jahre lang war er dort Klinikleiter. Ich glaube, das war die Position, die er sich immer gewünscht hatte. Als schließlich ein regulärer Nachfolger berufen wurde, musste er den Platz wieder räumen. Ob ihn diese nie ganz erfüllte Karriere verbittert hat, weiß ich nicht. Möglich wäre es. Sein Umgang mit Menschen war jedenfalls schwierig.
Neuen Ideen begegnete er meist mit Skepsis, manchmal sogar mit offener Ablehnung. Junge Assistenzärzte mussten damit rechnen, wegen kleiner Fehler öffentlich kritisiert zu werden. Lob gehörte nicht zu seinem Repertoire. Wer unsicher war, wurde selten sicherer, nachdem er mit Nützenadel gesprochen hatte.
Besonders auffällig war sein Verhältnis zu Professor Bremer. Nach außen war er der loyale Stellvertreter. Hinter den Kulissen hatte ich jedoch oft den Eindruck, dass ihn diese Rolle belastete. Bremer sprach seinen Namen regelmäßig falsch aus und machte aus Walter Nützenadel den „Herrn Nützenagel“. Eine Kleinigkeit eigentlich. Trotzdem fragte ich mich manchmal, ob darin nicht mehr steckte als bloße Nachlässigkeit. Vielleicht fühlte sich Nützenadel nie wirklich anerkannt. Vielleicht richtete sich ein Teil seiner Frustration deshalb gegen diejenigen, die unter ihm standen und sich weniger wehren konnten. Beweisen kann ich das natürlich nicht. Es ist lediglich der Eindruck, der bei mir über die Jahre entstanden ist.
Interessanterweise wurde unser Verhältnis etwas entspannter, als ich längere Zeit in der Ambulanz arbeitete. Dort merkte er offenbar, dass ich nicht nur aus dem Labor kam, sondern durchaus klinisch arbeiten konnte. Freundlich wurde er deshalb nicht. Aber er wurde berechenbarer.
Trotzdem blieb für mich der Eindruck eines Menschen, der ständig gegen irgendetwas kämpfte. Vielleicht gegen seine Schmerzen. Vielleicht gegen seine unerfüllten beruflichen Erwartungen. Vielleicht gegen sich selbst.
Who knows?
Ich weiß nur, dass Walter Nützenadel meine Vorstellung davon geprägt hat, wie man junge Mitarbeiter nicht behandeln sollte. Später, als ich selbst Chefarzt war, habe ich oft an Heidelberg gedacht. Kritik musste sein. Aber sie gehörte für mich unter vier Augen und niemals zur öffentlichen Vorführung. In diesem Sinn hat mich Nützenadel mehr geprägt, als ihm vermutlich lieb gewesen wäre.