Alltag in Heidelberg

Schmitthennerstraße, ein roter Mazda und der Wunsch, manchmal einfach ein Lottobüdchen zu besitzen.

In unserer Wohnung in der Schmitthennerstraße hatten wir uns inzwischen halbwegs eingerichtet. Die Kartons waren ausgepackt, die Möbel standen an ihren Plätzen und unser Leben sah von außen allmählich wieder so aus, wie ein normales Leben eben aussieht. Nach drei Jahren in San Francisco waren wir nach Deutschland zurückgekommen, hatten beide eine Arbeitsstelle und nun auch wieder eine eigene Wohnung. Eigentlich hätte damit alles in Ordnung sein müssen. Es war aber nicht alles in Ordnung. Wir waren beide ziemlich unglücklich in Heidelberg und hatten uns unsere Rückkehr nach Deutschland anders vorgestellt.

Etwas Schönes kam allerdings hinzu. Hildes Schwester Uschi zog von Bonn nach Heidelberg. Natürlich wohnte sie nicht bei uns, sondern hatte ihre eigene Wohnung, aber plötzlich war jemand in der Nähe, der zu uns gehörte. Nach den Jahren in Amerika, in denen Familie immer weit weg gewesen war, tat das gut. Uschi gehörte zu unserem Alltag, wir konnten uns spontan treffen und mussten nicht erst eine Fahrt quer durch Deutschland organisieren. Das wog manches auf, was uns ansonsten in Heidelberg bedrückte.

Hilde war in ihrem Beruf nicht glücklich. Sie hatte eine vorgesetzte Mitarbeiterin, mit der sie überhaupt nicht zurechtkam. Die Frau hatte ein fauliges Gebiss und einen entsprechenden Mundgeruch, was die Zusammenarbeit bereits auf rein körperlicher Ebene nicht erleichterte. Darüber hinaus war sie ein scheues Mauerblümchen, das sich durch Hilde offenbar bedroht fühlte. Da kam plötzlich eine Frau aus den UDSA, sah gut aus, sprach fließend Englisch und brachte Erfahrungen mit, die man in Heidelberg nicht unbedingt vorweisen konnte. Vermutlich fürchtete sie, Hilde könne ihr den Arbeitsplatz oder zumindest ihre Bedeutung streitig machen. So entstanden Spannungen, die Hilde jeden Tag mit zur Arbeit nahm und abends wieder mit nach Hause brachte.

Hilde ging morgens zu Fuß zur Arbeit. Auf dem Weg kam sie an einem kleinen Lottobüdchen vorbei. In ihrer Unzufriedenheit begann sie, dieses Büdchen mit einer Art Sehnsucht zu betrachten. Dort saß jemand hinter einer kleinen Theke, verkaufte Lottoscheine, Zigaretten und Zeitungen und musste sich offenbar weder mit fauligen Gebissen noch mit eifersüchtigen Vorgesetzten herumschlagen. Hilde stellte sich vor, wie schön es wäre, dieses Lottobüdchen zu besitzen. Andere Menschen träumten von einer Karriere, einem großen Haus oder einer Weltreise. Hilde träumte damals von einem Kiosk.

Mir ging es nicht wesentlich besser. Jeden Morgen fuhr ich mit dem Auto zur Kinderklinik und musste dazu auf die andere Neckarseite. Schon auf der Fahrt über die Brücke bekam ich Magenschmerzen. Bei mir hatte sich das Ganze bereits ein wenig somatisiert, denn ich wusste ziemlich genau, was mich am Morgen erwartete. Wissenschaftlich war ich gut ausgebildet, wahrscheinlich sogar besser als viele meiner Kollegen. Von der praktischen Kinderheilkunde hatte ich dagegen noch nicht viel Ahnung. Ich war klinisch ein Anfänger und wusste, dass sich bereits in der Morgenbesprechung eine Situation ergeben konnte, in der meine Unwissenheit vor versammelter Mannschaft sichtbar wurde.

Mein spezieller Freund Nützenadel und einige der anderen Kollegen saßen vorne und schienen, jedenfalls empfand ich es so, ein gewisses Vergnügen daran zu haben, die Anfänger bloßzustellen. Für jemanden, der aus der Grundlagenforschung kam und dort durchaus selbstbewusst gewesen war, war das eine unangenehme Erfahrung. Auf dem Weg über den Neckar wusste ich nie, ob ich an diesem Morgen etwas lernen oder wieder einmal dem Gelächter der anderen preisgegeben würde. Mein Magen entschied sich vorsichtshalber schon vorab für die zweite Möglichkeit.

Immerhin wurden wir etwas mobiler. Das Auto meines Vaters, mit dem ich in den ersten Wochen zwischen Morbach und Heidelberg gependelt war, konnte ich ihm endlich zurückgeben. Von dem Geld, das ich aus den USA mitgebracht hatte, kauften wir uns nach dem Computer unsere zweite größere Anschaffung: einen kleinen roten Mazda 323, fabrikneu. Nach unserem amerikanischen Ford, dem Hirsch, war dieser Wagen fast ein technisches Wunderwerk. Man drehte den Zündschlüssel, und der Motor sprang an. Einfach so. Ohne zwanzigmal Gas zu geben, ohne auf den Magnetschalter einzuhämmern.

Mit dem Mazda konnten wir nun wenigstens die Umgebung erkunden. Sehr viel Zeit blieb dafür allerdings nicht. Bereits damals hatte ich ungefähr jedes zweite oder dritte Wochenende Dienst. Ein Wochenende mit Dienst war kein Wochenende mehr, sondern lediglich eine verlängerte Arbeitszeit mit gelegentlichen Unterbrechungen. Wenn tatsächlich einmal ein ganzes Wochenende frei war, fuhren wir meistens in die alte Heimat, entweder nach Morbach zu meinen Eltern, nach Plein zu Hildes Eltern oder gleich zu beiden Familien. Damit war das freie Wochenende dann ebenfalls weitgehend ausgefüllt.

Wenn nur ein paar Stunden übrig blieben, machten wir kleinere Ausflüge in die Umgebung. Wir fuhren nach Dilsberg oder Mückenloch, manchmal weiter in den Odenwald hinein und erkundeten langsam die Gegend, in der wir nun lebten. Große Unternehmungen waren das nicht. Man fuhr ein Stück, ging spazieren, trank irgendwo einen Kaffee und kehrte am Abend wieder in die Schmitthennerstraße zurück. Nach Rheinhessen und in die Weinorte auf der anderen Rheinseite fuhren wir damals merkwürdigerweise kaum, obwohl es dort wunderschön ist und wir das heute viel häufiger tun. Vielleicht waren wir damals zu sehr damit beschäftigt, in Heidelberg überhaupt erst anzukommen.

Unser Leben bestand in dieser Zeit aus Arbeit, Diensten, Familienbesuchen und kleinen Ausflügen mit dem roten Mazda. Uschi war in der Nähe, und das machte vieles leichter. Trotzdem blieben Hilde und ich zunächst zwei Rückkehrer, die in Deutschland wieder Fuß fassen wollten und dabei feststellten, dass die Rückkehr in die Heimat nicht automatisch bedeutete, wieder zu Hause zu sein.