Jan

Ein Spaziergang vor der Frauenklinik, eine zufällige Begegnung und der Beginn einer Familie.

Nach den ersten Wochen der Freude wurde die Schwangerschaft schwieriger, als wir es uns vorgestellt hatten.

Bereits etwa ab dem vierten Schwangerschaftsmonat bekam Hilde vorzeitige Wehen. Anfangs hofften wir noch, dass sie wieder verschwinden würden, doch sie kamen immer häufiger und blieben. Hilde musste ihre Arbeit aufgeben und fast zwei Monate zu Hause bleiben. Wehenhemmer gehörten ebenso zu unserem Alltag wie die Hoffnung, dass unser Kind sich mit seiner Geburt noch etwas Zeit lassen würde. Die Behandlung zeigte Wirkung. Die Schwangerschaft ging weiter, und mit jedem Tag, den Jan länger aushielt, wurden wir etwas entspannter. Ganz bis zum errechneten Termin ging es dann doch nicht.

Es war Sonntag, der 16. September 1991, als morgens die Fruchtblase platzte. Wir fuhren in aller Ruhe zur Universitäts-Frauenklinik Heidelberg und meldeten uns im Kreißsaal an. Nach der Untersuchung meinte die Hebamme, wir hätten noch reichlich Zeit. Wir sollten ruhig noch ein wenig im kleinen Park vor der Frauenklinik spazieren gehen.

Das machten wir. Es war ein warmer und sonniger Sonntagmorgen. Wir schlenderten durch den Park und plötzlich stand Peter Nawroth, mit dem ich mein Labor teilte, vor uns. Überraschung! Wir sprachen über das Labor, über die Arbeit und über alles Mögliche. Dass wir uns eigentlich auf dem Weg zur Geburt unseres ersten Kindes befanden, schien für einen Moment fast in den Hintergrund zu treten. Mitten im Gespräch sagte Hilde ganz ruhig:

„Ich glaube, jetzt geht es los."

Das war das Ende unseres wissenschaftlichen Gedankenaustauschs. Wir verabschiedeten uns hastig und gingen zurück in den Kreißsaal. Wenig später war unser Sohn Jan geboren.

Nach all den Monaten des Wartens, Hoffens und Bangens war plötzlich alles vorbei. Oder besser gesagt: Alles begann. Dieser kleine Mensch, auf den wir so lange gewartet hatten, lag nun vor uns. Wir versuchten zu begreifen, dass wir gerade Eltern geworden waren.

Nach der Geburt wollte Hilde aufstehen und zur Toilette gehen. Wahrscheinlich war es noch zu früh. Jedenfalls versagte ihr plötzlich der Kreislauf, und sie sackte zusammen. Wir erschraken zunächst, doch als Mediziner wusste ich, was zu tun war. Ich lagerte die Beine hoch und bald erlangte Hilde wieder das Bewusstsein.

Später erzählte sie mir, wie sie diesen Augenblick erlebt hatte. Sie sei irgendwo zwischen Schlafen und Wachen gewesen und habe ein unbeschreiblich angenehmes Gefühl gehabt. Am liebsten wäre sie einfach in diesem Zustand geblieben. Erst langsam nahm sie ihre Umgebung wieder wahr. Als sie die Augen öffnete, sah sie mich mit Jan auf dem Arm neben ihrem Bett stehen.

Ich glaube, das war der Augenblick, in dem wir wirklich eine Familie geworden waren. Hilde musste in der Klinik bleiben und ich fuhr gegen Nachmittag nach Hause. Ich hatte die Neckarbrücke überquert und stand vor einer roten Ampel.

Mir wurde plötzlich bewusst, dass sich unser Leben innerhalb weniger Stunden vollständig verändert hatte. Da war jetzt ein kleiner Mensch, für den wir beide nun Verantwortung tragen würden. Gleichzeitig dachte ich daran, dass ich eines Tages nicht mehr da sein würde, Jan aber schon. Zum ersten Mal wurde mir richtig bewusst, dass ein Teil von Hilde und mir in diesem kleinen Jungen weiterleben würde. Damals hätte ich diese Gedanken nicht in Worte fassen können. Sie blieben irgendwo in meinem Kopf und begleiteten mich über viele Jahre. Erst lange später wurden daraus ein Text und eine Melodie.

Aus diesen Gedanken entstand viele Jahre später das Lied „Unsterblich“.