Unsere Dachgeschosswohnung in der Schmitthenner Straße 47 in Heidelberg-Kirchheim.
Als wir im Frühsommer 1987 nach drei Jahren in San Francisco nach Deutschland zurückkehrten, hatten wir zwar eine Arbeitsstelle, aber noch keine Wohnung.
Unsere kleine Weltreise über Tahiti, Neuseeland, Australien und Südostasien war gerade zu Ende gegangen. Kaum wieder zu Hause, musste ich bereits im Deutschen Krebsforschungszentrum bei Manfred Schwab anfangen. Hilde und ich wohnten deshalb zunächst wieder bei unseren Eltern, sie in Plein, ich in Morbach. Von dort fuhr ich montagmorgens mit dem Auto meines Vaters nach Heidelberg und blieb bis Freitag. Eine Wohnung hatten wir noch immer nicht.
Also brauchte ich zunächst einmal ein Hotel. Viel Geld hatten wir nicht. Nach dem Stipendium in Amerika musste jetzt jeder Pfennig zweimal umgedreht werden. Das Hotel musste deshalb vor allem eines sein: billig. Fündig wurde ich im Gasthaus Zum Goldenen Lamm in der Pfarrgasse in Handschuhsheim.
Das Gebäude gibt es heute noch, wenn auch renoviert. Damals betrat man es durch ein großes Scheunentor. Dahinter führte ein dunkler Durchgang zu den Gästezimmern. Mein Zimmer war klein, altmodisch und ziemlich trostlos. Eigentlich hielt ich mich dort nur zum Schlafen auf. Den ganzen Tag verbrachte ich im Labor, abends fiel ich ins Bett und am nächsten Morgen begann alles von vorn. Einmal kam Hilde zu Besuch. Wir schauten uns an und dachten wahrscheinlich beide dasselbe. Vor wenigen Wochen hatten wir noch in San Francisco gelebt. Jetzt saßen wir in einem billigen Hotelzimmer in Handschuhsheim. Der Kontrast hätte größer kaum sein können. Zum Glück dauerte diese Übergangszeit nur wenige Wochen.
Damals suchte man Wohnungen noch über Zeitungsanzeigen. Irgendwann fanden wir eine Drei-Zimmer-Wohnung in der Schmitthenner Straße 47 in Heidelberg-Kirchheim. Sie lag ganz oben unter dem Dach. Einen Balkon gab es nicht. Keine Terrasse. Nicht einmal eine Möglichkeit, kurz vor die Tür zu gehen. Aber wir waren froh, überhaupt etwas gefunden zu haben. Mit einfachen IKEA-Möbeln der billigen Serie Ivar richteten wir uns ein. Wenig komfortabel, aber wir hatten endlich ein gemeinsames Zuhause.
Die Wohnung bestand aus einem Schlafzimmer, einem Wohnzimmer mit Essecke, einer winzigen Einbauküche und einem weiteren Zimmer, das zunächst mein Arbeitszimmer wurde. Die Wohnung hatte zwei Nachteile. Der erste war die Sommerhitze. Unter dem Dach konnte es unerträglich warm werden. Der zweite stand keine fünfzig Meter entfernt: die Kirche von Kirchheim.
Sie läutete gefühlt ununterbrochen. Anfangs glaubten wir noch, wir würden uns daran gewöhnen. Das Gegenteil war der Fall. Wir wurden fast wahnsinnig von dem ununterbrochenen Gebimmel, gefühlt direkt neben unserem Trommelfell. Was uns aber fast noch mehr fehlte, war der Weg nach draußen. Unsere Vermieter wohnten unter uns und waren freundliche Leute. Eines Tages fragten wir, ob wir gelegentlich ihren Garten benutzen dürften. Vielleicht einfach einmal in die Sonne legen oder ein Buch lesen.
„Nein“, sagten sie freundlich. „Wir haben Eigenbedarf.“
Damit war das Thema erledigt. An schönen Sommertagen blieb uns nichts anderes übrig, als die Wohnung zu verlassen. Drinnen war es heiß, draußen gab es keinen Platz für uns. Also gingen wir spazieren, fuhren irgendwohin oder suchten uns einfach ein schattiges Plätzchen.
Vielleicht wäre uns all das gar nicht so schwer gefallen, wenn wir nicht ständig mit San Francisco verglichen hätten.
Dort hatten wir zuletzt in einem eigenen Haus in der Nähe des Ozeans gewohnt. Es gab Sonne, Offenheit und eine Leichtigkeit, die wir erst vermissten, als sie plötzlich nicht mehr da war. Deutschland fühlte sich nach drei Jahren Amerika zunächst total eng an. Die Menschen wirkten verhärmt, grau und reserviert, das Wetter war noch grauer und vieles schien komplizierter als nötig. Wenigstens gab es keinen Nebel im Sommer!
Auch Hilde fand nur schwer wieder Tritt. Sie begann beim Deutschen Roten Kreuz zu arbeiten, fühlte sich dort aber nicht wohl. Mit einer Kollegin kam sie überhaupt nicht zurecht und ging oft frustriert nach Hause. Ich selbst war mit meiner Arbeit im Deutschen Krebsforschungszentrum dagegen recht zufrieden. Trotzdem hatten wir beide noch lange das Gefühl, eigentlich in Kalifornien zu Hause zu sein.
Eine unserer ersten größeren Anschaffungen war mein Macintosh. Ich hatte während meines Stipendiums etwas Geld zurücklegen können und wollte unbedingt einen eigenen Computer haben. In Deutschland war das damals noch etwas Besonderes. Apple hatte noch keine Verkaufsstelle, sondern nur eine Regionalvertretung in Weinheim, nördlich von Heidelberg. Dort wurden wir vom Regionalgeschäftsführer persönlich empfangen. So, als wollten wir gerade die digitale Zukunft persönlich einläuten. Computer kaufte man damals nicht nebenbei. Der Macintosh war eine kleine Sensation. Er wurde schnell zum Mittelpunkt meines Arbeitszimmers.
E-Mails gab es noch nicht. Aber ich schrieb Anträge, Manuskripte, Vorträge und Korrespondenz darauf. Rückblickend begann dort ein Teil meines späteren Berufslebens. Der kleine Macintosh mit seinem eingebauten Bildschirm begleitete mich viele Jahre und war wahrscheinlich die wichtigste Anschaffung jener Zeit.
1991 änderte sich die Wohnung erneut. Jan wurde geboren. Plötzlich war mein Arbeitszimmer nicht mehr nur Arbeitszimmer. Zwischen Computer und Schreibtisch stand jetzt auch ein Kinderbett. Wenn ich morgens früh oder abends noch am Macintosh arbeitete, war Jan oft dabei. Er lernte Computer kennen, bevor er sprechen konnte.
Mit einem Kleinkind wurden die Nachteile der Wohnung noch deutlicher. Es gab keinen Balkon, keinen Garten und keinen Platz zum Spielen. Hilde ging deshalb oft mit Jan stundenlang auf Spielplätze oder einfach spazieren, damit er draußen sein konnte. Später kamen meine Nachtdienste in der Kinderklinik hinzu. Wenn ich abends Dienst hatte, musste ich tagsüber ein paar Stunden schlafen. Also zog Hilde mit Jan los, damit ich zu Hause wenigstens etwas Ruhe fand und nachts wieder funktionieren konnte.
Rückblickend waren unsere ersten Heidelberger Jahre keine besonders leichte Zeit. Mehr als einmal sprachen wir ernsthaft darüber, wieder in die USA zurückzugehen. Dazu kam es nicht.
Stattdessen wurde die Dachgeschosswohnung in der Schmitthenner Straße langsam doch unser Zuhause. Dort begann meine Heidelberger Zeit. Dort stand mein erster Macintosh. Dort wurde Jan geboren. Und dort lernten wir, dass man sich manchmal erst an einem Ort unwohl fühlen muss, bevor er irgendwann doch Teil der eigenen Geschichte wird.