Unsere Wohnung

Meine erste Unterkunft in Marburg war eine Wohnung im Gästehaus der Universität. Sie lag sehr schön, mit einem weiten Blick über das Tal. Für den Anfang gefiel es mir dort ausgesprochen gut. Dann kam die ominöse Begutachtung unserer Klinischen Forschergruppe – und anschließend die Ablehnung.

An den Abend danach kann ich mich noch gut erinnern. Ich war allein in Marburg, Hilde war in Heidelberg, und wir telefonierten miteinander. Ich war völlig niedergeschlagen. Mit einem Mal gefiel mir auch die Wohnung im Gästehaus nicht mehr. Dabei konnte sie nichts dafür. Der Blick über das Tal war noch derselbe. Nur meine Stimmung hatte sich gründlich verändert.

Zurück nach Heidelberg konnten wir nicht einfach. Dort waren die Zelte bereits abgebrochen, die Wohnung war gekündigt, und wir suchten nach einem neuen Zuhause in Marburg. Als Fastprofessor wurde man damals noch ein wenig hofiert. Das hatte immerhin den Vorteil, dass man bei der Wohnungssuche gelegentlich Angebote bekam, die nicht jedem zugänglich waren.

Zunächst besichtigten wir eine Wohnung in einem der kleinen, engen Täler, die sich in Marburg zwischen die Hügel schieben. Wo genau sie lag, weiß ich heute nicht mehr. Sie war etwas dunkel, aber wir wollten sie trotzdem nehmen. Dann ergab sich im letzten Moment über Bekannte oder Freunde von Hannsjörg Seyberths Frau eine andere Möglichkeit. In der Lutherstraße 6 wurde eine Wohnung frei. Sie lag direkt unterhalb des Schlosses und neben dem Haus einer Burschenschaft.

Die Wohnung befand sich im Erdgeschoss eines alten Herrenhauses. Über uns lebten noch zwei weitere Mietparteien. Sie war groß und hatte jenen Grundriss, wie man ihn aus älteren Häusern kennt: repräsentativ gedacht, aber nicht unbedingt für die Bedürfnisse einer Familie am Ende des 20. Jahrhunderts.

Wenn man die Wohnung betrat, gelangte man zunächst in einen zentralen Flur. Links lag ein Zimmer, das wir später als Büro und Gästezimmer nutzten. Dazu gehörte ein kleiner Balkon. Dahinter befand sich unser Schlafzimmer mit Blick in Richtung Tal. Vom Flur ging es außerdem in das Wohnzimmer. Daran schloss sich ein weiteres Zimmer an, das wir zum Kinderzimmer machten. Zunächst wohnte dort Jan, später kam Kaja dazu.

Auf der rechten Seite des Flurs lag die Küche. Von dort gelangte man in das Badezimmer und zur Toilette. Man musste also jedes Mal durch die Küche, wenn man ins Bad wollte. Das war etwas ungewöhnlich, hatte aber wohl mit der ursprünglichen Aufteilung des Hauses zu tun. Früher hatte man sich vermutlich im Schlafzimmer gewaschen. Die Speisekammer hinter der Küche war erst später zum Badezimmer umgebaut worden. Für heutige Verhältnisse war das keine besonders elegante Lösung. Aber sie funktionierte.

Ein richtiges Esszimmer gab es ebenfalls nicht. Also stellten wir den Esstisch in den Flur. Das Wohnzimmer blieb Wohnzimmer, die übrigen Räume behielten ihre vorgesehenen Aufgaben, und gegessen wurde eben im Durchgangsbereich. Man gewöhnte sich daran.

Auch in der Küche fehlte ein brauchbarer Tisch. Dort war so wenig Platz, dass ein normales Modell nicht hineinpasste. Also baute ich selbst einen. Es wurde eine Maßanfertigung, oval geformt und an die Wand gerückt. An diesen Tisch kann ich mich bis heute gut erinnern. Wahrscheinlich nicht, weil er besonders schön war, sondern weil ich ihn selbst zusammengezimmert hatte und er tatsächlich in die Küche passte.

Die übrigen Möbel kauften wir in Heidelberg und Mannheim zusammen, unter anderem bei Mann Mobilia, wie das damals noch hieß. Wir nahmen das Billigste vom Billigen. Das galt auch für die Elektrogeräte. Waschmaschine und Spülmaschine gehörten nicht gerade zur Oberklasse deutscher Ingenieurskunst. Sie sollten funktionieren und möglichst wenig kosten.

Nach dem Scheitern der Klinischen Forschergruppe war uns klar, dass Marburg für uns eine Zwischenstation bleiben würde. Deshalb bestand wenig Anlass, viel Geld in Möbel und Geräte zu investieren, die wir möglicherweise schon bald wieder einpacken mussten. Unsere Einrichtung war zweckmäßig. Mehr musste sie nicht sein.

Das Schönste an der Wohnung war der große Garten. Er lag am Hang und war für Jan und später auch für Kaja ein kleines Spielparadies. Es gab eine Rutsche und einen Baum, auf den man klettern konnte. Die Kinder hatten dort viel Platz, und wir mussten nicht jedes Mal das Haus verlassen, wenn sie draußen spielen wollten. Wie in Heidelberg.

Vom Garten und von der Wohnung aus blickte man hinunter ins Tal. Der Nachteil dieser Lage war, dass aus dem Tal auch jedes Geräusch nach oben drang. Wenn unten ein Zug vorbeifuhr, hörte man ihn bis zur Lutherstraße. Das Tal wirkte offenbar wie ein großer Schalltrichter. Man hatte einen schönen Ausblick und bekam die passende Geräuschkulisse gleich mitgeliefert.

Trotz ihres etwas eigenwilligen Grundrisses war die Wohnung für uns in Ordnung. Sie bot Platz, einen großen Garten und eine schöne Lage unterhalb des Schlosses. Für die drei Jahre, die wir schließlich in Marburg verbrachten, wurde sie unser Zuhause. Unser endgültiges sollte es nicht werden.

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