Bernhard Kremens

Ein Kollege mit Erfahrung und Sinn für Brückentage

Bernhard Kremens lernte ich als Oberarzt an der Essener Kinderklinik kennen. Wissenschaftlich hatte er sich vor allem mit dem Neuroblastom beschäftigt. Einen Teil dieser Arbeit hatte er während eines Forschungsaufenthalts am Centre Léon Bérard in Lyon geleistet, einem renommierten Zentrum für Krebsbehandlung und onkologische Forschung.

Nach seinem Stipendium war er an die Essener Kinderklinik zurückgekehrt und Oberarzt bei Werner Havers geworden. Als ich nach Essen kam, arbeitete er dort bereits seit mehreren Jahren. Er kannte die Klinik, ihre Strukturen und ihre Gepflogenheiten. Ich kannte nichts davon und stand, wie schon öfter in meinem Berufsleben, zunächst als der Unwissende daneben. Ich musste mir alles erst aneignen, und das war nicht immer ganz einfach.

Bernhard war ein netter Kerl, mit dem man vernünftig reden konnte. Wir kamen gut miteinander zurecht. Er war zurückhaltender als ich, weniger rheinländisch geprägt, eher konservativ und bedächtig. Außerdem achtete er darauf, pünktlich Feierabend zu machen, denn danach begann für ihn ein anderer Teil des Lebens. Zu seinen Hobbys gehörte der Kirchenchor, und er sang ausgesprochen gut. Einmal hörte ich ihn bei einem Konzert. Das hat mich beeindruckt.

Auch die Freizeit hatte bei Bernhard einen festen Platz in der Jahresplanung. Er wusste frühzeitig, wann Feiertage lagen und welche davon sich mit einem Brückentag verbinden ließen. Da wir beide Oberärzte waren und unsere Urlaubszeiten miteinander abstimmen mussten, fragte er mich oft schon lange vorher, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er an diesem oder jenem Termin Urlaub nähme. Ich sagte meistens gutgläubig zu. Später stellte ich fest, dass er längst genau ausgerechnet hatte, wie sich mit möglichst wenigen Urlaubstagen möglichst lange Freizeit erzielen ließ. Darin war er mir eindeutig voraus.

Klinisch war er mir zunächst ebenfalls voraus. Er arbeitete schon länger in der pädiatrischen Onkologie einer großen Klinik, hatte viel gesehen und verfügte über entsprechende Erfahrung. Davon konnte ich profitieren. Dicke Freunde wurden wir trotzdem nicht. Wir waren Kollegen, die miteinander zurechtkamen und ihre Arbeit gemeinsam erledigten.

Als ich von Essen nach Göttingen wechselte, verlor sich der engere Kontakt. Gelegentlich sahen wir uns noch bei Fachtagungen, darüber hinaus aber nur selten. Nach allem, was ich später hörte, traf ihn irgendwann das Schicksal, das leitende Oberärzte nach einem Wechsel an der Spitze einer Klinik bisweilen ereilt. Ein neuer Direktor kam mit eigenen Vorstellungen und eigenen Mitarbeitern, und für diejenigen, die schon vorher da gewesen waren, wurde der Platz enger. Bernhard geriet offenbar zunehmend an den Rand. Er hatte der Klinik viele Jahre gedient. Am Ende schien das nicht mehr viel zu zählen.

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