Ein Bier am Lagerfeuer und seine Folgen

Wie eine zufällige Begegnung meine Forschung in Essen mitbestimmte

Ende der 1990erJahre saß ich mit Hilde und Gerd abends bei einem Bier am Lagerfeuer im Yosemite-Nationalpark. Dort kam ich mit einem anderen Besucher ins Gespräch. Er war Wissenschaftler und erzählte mir von einem neuen Unternehmen, das Alejandro Zaffaroni gemeinsam mit Steve Fodor gegründet hatte: Affymetrix. Die Firma wollte DNA-Mikrochips mithilfe von Verfahren herstellen, die ursprünglich aus der Halbleiterfertigung stammten.

Der Name Zaffaroni war mir bereits vertraut. Der Biochemiker und Serienunternehmer hatte an der Entwicklung früher hormoneller Verhütungsmittel und transdermaler Arzneimittelsysteme mitgewirkt, zu denen später auch das Nikotinpflaster gehörte. 1988 hatte er Affymax gegründet. Das Unternehmen nutzte die kombinatorische Chemie, um große Bibliotheken unterschiedlicher Moleküle herzustellen und in kurzer Zeit nach Verbindungen mit einer bestimmten biologischen Wirkung zu durchsuchen. Auf diese Weise sollten neue Medikamente wesentlich schneller gefunden werden.

Ich fand die Idee revolutionär. Von Denis Gospodarowicz hatte ich zusätzlich zu meinem Gehalt ein Stipendium erhalten, und mit einem Teil dieses Geldes kaufte ich über den Discountbroker Charles Schwab Aktien von Affymax. Danach tat ich nichts weiter. Als Glaxo das Unternehmen 1995 übernahm, hatten die Aktien ungefähr das Dreifache ihres ursprünglichen Wertes erreicht. So machte ich meinen ersten Gewinn an der Börse.

Affymetrix ging noch einen Schritt weiter. Auf einer winzigen Oberfläche wurden Hunderttausende künstlich hergestellte DNA-Abschnitte in einem festen Raster angeordnet. Gab man eine entsprechend aufbereitete und markierte Probe hinzu, banden die passenden DNA-Stränge an bestimmte Rasterpunkte. Die dabei entstehenden optischen Signale konnten ausgelesen werden. Damit ließ sich die Aktivität sehr vieler Gene gleichzeitig untersuchen – etwas, das bis dahin kaum vorstellbar gewesen war.

Ich fand diese Idee noch überzeugender als die von Affymax. Als Affymetrix einige Jahre später an die Börse ging, investierte ich meinen gesamten Gewinn aus dem Verkauf der Affymax-Aktien in die neue Firma. Auch das erwies sich als ausgezeichnete Entscheidung. Affymetrix besaß mit seinen GeneChips über Jahre eine nahezu einzigartige Stellung bei der gleichzeitigen Analyse Tausender Gene.

Mich interessierte die Technologie jedoch nicht nur als Anleger. In der Klinik hatte ich immer wieder erlebt, dass Kinder mit einer Leukämie sehr rasch einen Rückfall erlitten und starben, obwohl ihre klinischen Prognoseparameter ausgesprochen günstig gewesen waren. Ich vermutete, dass dahinter bestimmte molekulare Konstellationen standen, die mit den damaligen klinischen und diagnostischen Verfahren nicht zu erkennen waren. Vielleicht ließen sich solche Muster mithilfe der neuen DNA-Chips aufspüren.

In Essen sprach ich darüber mit dem Zellbiologen und Krebsforscher Manfred Rajewsky. Er plante eine von der DFG geförderte Forschergruppe mit onkologischer Ausrichtung und wollte die neue Technologie in das Programm aufnehmen. Innerhalb dieser Forschergruppe ließ sich das Vorhaben noch nicht verwirklichen. Später, als Chefarzt der Universitätskinderklinik in Göttingen, konnte ich mit Unterstützung der VolkswagenStiftung eine Microarray-Anlage von Agilent anschaffen. Auch nach meinem Weggang wurde sie von der Göttinger Fakultät intensiv genutzt.

Die Beschäftigung mit der Technologie hatte aber schon in Essen Folgen. Ich warb immer wieder für ihre Möglichkeiten, und Alex Schramm, Biologe in unserem Labor, begann sich dafür zu interessieren. Schließlich erkannte auch Angelika Eggert das Potenzial der Methode und entschied sich, ihre Neuroblastomforschung um die DNA-Microarray-Technologie zu erweitern. Das war eine gute Entscheidung. Aus diesen Anfängen entwickelte sich eine Forschungslinie, die für die molekulare Charakterisierung des Neuroblastoms außerordentlich erfolgreich wurde.

Beim jährlichen Forschungstreffen der jungen pädiatrischen Onkologen erläuterte ich damals meine Vorstellung, die Neuroblastomforschung, an der ich selbst beteiligt war und die ich im Labor von Manfred Schwab in Heidelberg kennengelernt hatte, auf eine breitere gemeinsame Grundlage zu stellen. Daraus entstanden neue Kooperationen und schließlich ein bundesweit arbeitendes Forschungsnetzwerk. Mithilfe der Microarray-Technologie und späterer molekulargenetischer Verfahren konnten Neuroblastome wesentlich genauer charakterisiert und unterschiedliche Risikogruppen besser voneinander abgegrenzt werden. Am Anfang dieser Entwicklung stand für mich das zufällige Gespräch mit einem Wissenschaftler bei einem Bier im Yosemite-Nationalpark.