Der Baron

Eine nächtliche Verhandlung in der Kinderklinik

Es war am späten Abend, und ich hatte oberärztlichen Hintergrunddienst, als mich die diensthabende Assistenzärztin anrief. Sie bat mich dringend um Unterstützung, und so machte ich mich auf den Weg in die Kinderklinik.

Dort war eine Sinti-Familie mit ihrem Kleinkind vorstellig geworden. Das Kind hatte eine idiopathische thrombozytopenische Purpura, kurz ITP. Bei dieser Erkrankung werden die Blutplättchen durch einen immunologischen Prozess zerstört. Sinkt ihre Zahl stark ab oder beginnt der Patient zu bluten, muss das Kind überwacht und behandelt werden. Im schlimmsten Fall können lebensbedrohliche Blutungen, auch ins Gehirn, auftreten.

Die Assistenzärztin hatte den Eltern deshalb dringend geraten, ihr Kind in der Klinik zu lassen. Damit waren sie jedoch nicht einverstanden. Außerdem hielten sie die junge Kollegin offenbar nicht für einen richtigen Arzt. In diesem Familienverband war die Vorstellung wohl fest verankert, dass in einer ernsten Angelegenheit ein männlicher Arzt entscheiden müsse. Sie verlangten deshalb nach einem Mann.

Während der Diskussion hatte sich der Flur der Kinderklinik allmählich gefüllt. Es kamen Verwandte und Bekannte, immer mehr, bis die Assistenzärztin einer beachtlichen Menschenmenge gegenüberstand. Bei dieser Familie war die Erkrankung des Kindes nicht allein eine Angelegenheit der Eltern. Die Verwandten fühlten sich verpflichtet, der Familie beizustehen und das Kind nicht allein zu lassen. Was als familiärer Beistand gemeint war, brachte den üblichen Ablauf einer Kinderklinik allerdings rasch an seine Grenzen.

Als ich eintraf, waren die Eltern mit dem kranken Kind, die Verwandtschaft und die inzwischen ziemlich verzweifelte Assistenzärztin versammelt. Unter ihnen befand sich ein bereits etwas älterer, bärtiger Mann mit einem beeindruckenden Hut und einem nicht minder beeindruckenden Habitus. Das war der Baron. So wurde der Mann genannt, der für die Familie sprach. Er hörte sich die verschiedenen Seiten an, vertrat die Familie nach außen und besaß zugleich genügend Autorität, um eine Entscheidung innerhalb der Gruppe durchzusetzen. Statt mit allen Anwesenden gleichzeitig zu diskutieren, musste man mit ihm verhandeln.

Solche Situationen waren mir aus meiner Kindheit und Jugend in Morbach nicht völlig fremd. Mir war klar, dass es keinen Sinn hatte, vor dem versammelten Flur einen medizinischen Vortrag zu halten. Der Baron und ich setzten uns zusammen, und ich erklärte ihm, was eine ITP war, weshalb die niedrige Zahl der Blutplättchen gefährlich werden konnte und warum ich dringend empfahl, das Kind in der Klinik aufzunehmen. Er hörte aufmerksam zu und sprach anschließend ein Machtwort: Das Kind blieb in der Klinik.

Der Baron fand allerdings auch, dass die Eltern sich nicht richtig verhalten hatten. Schließlich hatte Dr. Schweigerer am späten Abend eigens in die Klinik kommen müssen und sich um alles gekümmert. Außerdem war einem Doktor nicht der gebührende Respekt entgegengebracht worden. Dafür müsse es eine Wiedergutmachung geben. Sein Urteil lautete, dass die Eltern mir für die erlittenen Unannehmlichkeiten einen Teppich schenken mussten.

Ich wehrte ab und sagte, ich brauche nichts dafür und schon gar keinen Teppich. Darauf ließ sich der Baron jedoch nicht ein. Er hatte sein Urteil gesprochen, und sein Wort galt. Ich wollte mich nun auch nicht noch mit dem Baron anlegen und akzeptierte.

Das Kind blieb bei uns, wurde behandelt und wieder gesund. Einige Zeit später bekam ich tatsächlich einen kleinen Perserteppich. Na ja, sagen wir: einen Bettvorleger in der Art eines Perserteppichs.

So endete ein ziemlich gewöhnlicher Hintergrunddienst in Essen: Das Kind war gesund, die Eltern waren zufrieden, der Baron hatte für Ordnung gesorgt – und ich war Besitzer eines Bettvorlegers geworden. Ich verschenkte ihn später weiter. An wen, das habe ich mittlerweile vergessen.

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