Als ich in Göttingen anfing, hatte ich keine Ahnung, wie die Gemeinschaft der Ordinarien funktionierte. Die Lehrstuhlinhaber einer Fakultät bildeten das sogenannte Kollegium. In früheren Zeiten verstand es sich als eingeschworene Gemeinschaft, die sich dem Wohl der gesamten Fakultät verpflichtet fühlte. Zumindest gehörte das zum eigenen Selbstbild. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war dieser elitäre Anspruch nicht völlig aus der Luft gegriffen. Die deutsche Medizin gehörte tatsächlich zur Weltspitze. In Deutschland wurden wesentliche Grundlagen der modernen Medizin geschaffen, und wer zu einem solchen Kollegium gehörte, bewegte sich in einem internationalen Kreis führender Wissenschaftler. Man arbeitete miteinander, kannte sich und war bei aller Konkurrenz aufeinander angewiesen. Kollegen konnten sogar Freunde sein.
Der Nationalsozialismus zerstörte einen erheblichen Teil dieser Kultur. Jüdische und politisch unerwünschte Ärzte und Wissenschaftler wurden vertrieben oder ermordet. Nach dem Krieg war die deutsche Medizin nicht mehr das selbstverständliche Zentrum der medizinischen Welt. Das Bewusstsein, einer Elite anzugehören, überlebte den Verlust dieser Stellung allerdings recht unbeschadet.
In den oberen Etagen der Universitätsmedizin hielt man sich weiterhin für etwas Besonderes. Gleichzeitig war das Kollegium längst keine geschlossene Gemeinschaft mehr. Statt gemeinsam für die Fakultät zu arbeiten, ging es zunehmend darum, die eigenen Interessen gegen die anderen durchzusetzen: mehr Macht, mehr Personal, mehr Räume und vor allem mehr Geld. Am Ende war jede Fakultätssitzung auch eine Verteilungsveranstaltung. An der Göttinger Medizinischen Fakultät erlebte ich dieses Spiel besonders ausgeprägt. Es gab sogenannte Listen, inoffizielle Zusammenschlüsse von Professoren, die ihre Interessen gemeinsam vertraten. Vor wichtigen Beschlüssen trafen sich die Mitglieder einer solchen Liste und besprachen, wie sie abstimmen würden. Man gehörte nicht unbedingt zusammen, weil man dieselben wissenschaftlichen Überzeugungen teilte. Man gehörte zusammen, weil es nützlich war.
Auch ich wurde von den Sprechern verschiedener Listen gefragt, ob ich nicht beitreten wolle. Ich fand das absurd und sagte allen ab. Ich war nach Göttingen gekommen, um gute Medizin zu machen, zu forschen und möglichst auch eine vernünftige Lehre anzubieten. Fakultäre Lokalpolitik gehörte nicht zu meinen Interessen. Selbst jüngere Kollegen, die das Listensystem für überholt hielten, gründeten schließlich eine eigene Gruppierung. Sie nannten sie die „Neue Liste“. Das Neue bestand im Wesentlichen darin, dass neue Leute dasselbe Alte machten.
Ich hatte allerdings übersehen, dass solche Listen nicht nur Interessen durchsetzten. Sie schützten auch ihre Mitglieder. Wurde einer angegriffen, stellten sich die anderen hinter ihn. Als es für mich später in Göttingen schwierig wurde, gehörte ich zu keiner dieser Gruppen. Vielleicht hätte ich einen solchen Schutz damals brauchen können. Aber schon der Gedanke, dafür vorher einem akademischen Schrebergartenverein beitreten zu müssen, widerstrebte mir.
Die Listen waren für mich Ausdruck einer besonderen Mentalität. Ich hatte von Menschen auf diesem akademischen Niveau Weltoffenheit, Großzügigkeit, Unabhängigkeit und eine gewisse persönliche Souveränität erwartet. Stattdessen begegneten mir oft Engstirnigkeit, Statusdenken, Besitzstandswahrung und eine fast spießige Kleingeistigkeit.
Als neuer Ordinarius wollte ich die Menschen kennenlernen, mit denen ich künftig zusammenarbeiten würde. Deshalb machte ich in den ersten Wochen meine Antrittsbesuche.
Einer der Ersten war Eckhardt Grabbe, Leiter der Diagnostischen Radiologie. Er war ein netter älterer Herr, etwas unbeholfen und ausgesprochen förmlich. Am Ende unseres Gesprächs wollte er mich hinausbegleiten. In früheren Zeiten hatte jeder Ordinarius sein eigenes Gebäude. Man führte den Gast bis zur Haustür und verabschiedete ihn dort. Nur gab es im Göttinger Großklinikum keine Haustür seiner Klinik. Alles ging ineinander über. Grabbe wusste deshalb nicht so recht, bis wohin er mich begleiten sollte. Er geriet etwas durcheinander und beendete das Geleit schließlich an der zweiten Ecke hinter seiner Bürotür. Dort wurde ich gewissermaßen wieder in die Freiheit entlassen. Ich dachte: merkwürdig! Was es nicht alles gibt...
Ein weiterer Antrittsbesuch führte mich zu Lorenz Trümper, meinem Pendant in der Erwachsenenmedizin. Ich erschien pünktlich zum vereinbarten Termin. Wer nicht erschien, war Trümper. Er ließ mich mehr als eine halbe Stunde warten. Eine Entschuldigung gab es nicht, lediglich den Hinweis, er habe sich mit einem Patienten noch etwas verplaudert. Ich empfand das nicht unbedingt als Zeichen kollegialen Respekts. Mein eigener Terminkalender funktionierte damals bereits so weit, dass ich Gäste nicht dreißig Minuten vor meiner Tür altern ließ.
Es blieb nicht bei beruflichen Treffen. Man lud sich auch privat ein. Mit Ehefrau, klar. Die meisten dieser Abende waren zum Abgewöhnen. Sie verliefen steif und förmlich, ohne das lockere Miteinander, das ein privates Treffen eigentlich von einer Fakultätsratssitzung unterscheiden sollte. Es erinnerte mich an das Kennenlernen einiger Mitstudenten im ersten Semester. Wenigstens verabschiedete man sich nicht mit „Gehab dich wohl“. Wenn ich daran zurückdenke, verspüre ich noch heute ein leichtes Brechgefühl. Es war nicht meine Welt und schon gar nicht die von Hilde. Wir waren zwei einfache Hanseln, einer aus dem Hunsrück und eine aus der Eifel. Wir mochten offene Gespräche, bei denen gelacht und gelegentlich auch ein derber Witz erzählt wurde. Solche Abende waren dafür eine ausgesprochene No-go-Area.
Einmal wurde ausgezeichnetes Essen serviert. Auf unsere Frage, wie die Hausherrin dieses wunderbare Gericht zubereitet habe, wusste sie es nicht mehr so genau. Wahrscheinlich stammte alles vom Cateringservice. Damit war zumindest das Rätsel um die Qualität gelöst.
Bei einem anderen Lehrstuhlinhaber gab es zum sonntäglichen Mittagessen Bratkartoffeln. Gegen Bratkartoffeln ist nichts einzuwenden. An diesem Sonntag waren sie allerdings der lebendigste Gesprächsbeitrag.
Ein Thema, an dem damals niemand vorbeikam, war die große MoMA-Ausstellung in Berlin. Die Göttinger Provinz machte sich nahezu geschlossen in die Bundeshauptstadt auf und ergötzte sich an moderner Kunst. Wer nicht dort gewesen war, konnte nicht mitreden und war kulturell erledigt. Hilde und ich gehörten zu diesen bedauernswerten Kunstbanausen.
Als wir selbst einmal einluden, boten wir Kost aus unserer Heimat an: Hunsrücker Spießbraten. Das kam nur mäßig an, weil das Fleisch sichtbare fettige Anteile enthielt. Ein ordentlicher Hunsrücker Spießbraten besteht nun einmal nicht aus Tofu. Man half sich über die kulinarische Zumutung hinweg, indem man wieder über die MoMA sprach. Aber auch das war keine elegante Lösung. Schließlich waren wir Kunstbanausen.
Es gab Ausnahmen. Nicht alle Lehrstuhlinhaber waren kleingeistig, statusfixiert oder opportunistisch.
Clemens Hess, der die Strahlentherapie leitete, stammte aus meiner weiteren Heimat. Schon an seinem Dialekt hörte man die Mosel. Ich mochte und bewunderte ihn wegen seiner Offenheit und Furchtlosigkeit. Besonders während der häufig langatmigen Fakultätsratssitzungen sprach er Klartext. Er redete nicht erst eine Viertelstunde um einen Gegenstand herum, bevor er ihn schließlich vorsichtig berührte.
Auch Wolfgang Steiner, der Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik, war ein Charakter. Nichts Weichgespültes, sondern ein echtes Original. Bei ihm waren Hilde und ich ebenfalls eingeladen. Es gab hervorragendes Essen, ausgezeichneten Wein und vor allem kurzweilige Gespräche. Kein Herumdozieren über die MoMA, sondern ein wirklich angenehmer Abend. Dazu trug auch der nette Friedrich Schöndube bei, der die Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie leitete.
Ähnlich angenehm war eine Einladung bei Kurt von Figura, der damals bereits Universitätspräsident war. Wir waren zu fünft: von Figura und seine Frau, Hannelore Ehrenreich vom Max-Planck-Institut sowie Hilde und ich. Es war ausgesprochen ermutigend zu hören, dass von Figura einen ähnlichen Weg hinter sich hatte wie ich. In der Schule war er eher faul gewesen. Erst im Medizinstudium hatte er zum ersten Mal richtig gelernt und gearbeitet. Außerdem mochte er guten Rotwein. Für mich ist das bis heute ein Qualitätsmerkmal. Und am Ende des Abends hatten wir alle leicht einen sitzen.
Wie wenig akademischer Rang mit innerer Unabhängigkeit zu tun hatte, zeigte sich bei einem Besuch des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff. Er sprach in der Göttinger Aula, und alles, was innerhalb der Fakultät etwas auf sich hielt, war erschienen. Hilde und ich setzten uns gemeinsam mit Günter Emons, dem angenehm bescheidenen Leiter der Frauenklinik, in die hinteren Reihen.Vorne tummelten sich die drei Zampanos. Die Lehrstuhlinhaber von Onkologie, Kardiologie und Neurologie wirbelten wie aufgeregte Wiesel um Wulff herum. Man konnte förmlich zusehen, wie aus Professoren innerhalb Minuten Höflinge wurden. Emons und ich sahen uns an. Diese demonstrative Anbiederei war uns peinlich. So viel zur inneren Unabhängigkeit der Zampanos.
Die angenehmen Begegnungen blieben leider die Ausnahme. Ein erheblicher Teil des Kollegiums wirkte auf mich außerhalb der eigenen beruflichen Rolle total unsicher, humorlos und substanzarm. Viele waren hervorragend darin, ihre Karriere zu organisieren. Für ein eigenständiges Leben jenseits von Klinik, Fakultät und Statussymbolen schien danach nicht mehr viel übrig geblieben zu sein. Manche hatten sich nicht nach oben gearbeitet, sondern nach oben angepasst – so gründlich, dass schließlich kaum noch erkennbar war, wofür sie persönlich standen. Sie verwechselten Rang mit Statur, Förmlichkeit mit Würde und die Größe ihrer Klinik mit der eigenen. Der Beruf war bei ihnen nicht Ausdruck einer gereiften Persönlichkeit. Er war der Ersatz.
Es war nicht meine Welt. Diese Welt war geprägt von einer akademischen Schrebergartenmentalität: die eigene Parzelle verteidigen, den Grenzzaun kontrollieren und genau darauf achten, dass der Nachbar keinen Quadratmeter mehr bekam. Besitzstandswahrung, Engstirnigkeit, Kleinlichkeit und Opportunismus gehörten zum Handwerkszeug.
Hilde und ich sprechen noch heute gelegentlich über diese Zeit. Den akademischen Kleingärtnerverein haben wir nicht vermisst. Im Gegenteil. Wir sind froh, dass wir ihn nur vier Jahre ertragen mussten.