Privatdozent Dr. med. Günther Bergmann war die Fortsetzung der unsäglichen Ära Leititis. Als Jekabs Leititis 2004 die Universitätsmedizin Göttingen verließ, hinterließ er einen Scherbenhaufen. Die von ihm durchgesetzte Neuordnung der Kinderklinik hatte medizinisch zusammengehörende Bereiche auseinandergerissen und aus drei eigenständigen Kliniken Konkurrenten gemacht. Personal, Betten, Patienten und Erlöse waren zu Verhandlungsmasse geworden. Bergmann erbte dieses Konstrukt. Besser machte er es nicht.
Bergmann war Internist und Facharzt für Psychosomatische Medizin. Bis Mitte der neunziger Jahre arbeitete er als Oberarzt in der Abteilung für Allgemeine Klinische und Psychosomatische Medizin der Heidelberger Universitätsklinik. 1995 wechselte er als Ärztlicher Direktor an die Psychosomatische Klinik Kinzigtal. Im Jahr 2000 wurde er hauptamtlicher Ärztlicher Direktor des LKH-Universitätsklinikums Graz.
Nach dem Weggang von Leititis wurde die Stelle ausgeschrieben. Ich konnte die Bewerberlage selbst sondieren und wusste, wer sich beworben hatte. Die Kandidaten waren allenfalls mittelmäßig. Bergmann war der Einäugige unter den Blinden. Immerhin hatte er bereits Erfahrung im Krankenhausmanagement und zuvor eine psychosomatische Klinik geführt. Das war mehr, als Leititis damals vorweisen konnte. Eine große Universitätsklinik hatte allerdings auch Bergmann nie chefärztlich geleitet. Trotzdem wurde er genommen. Es war wieder keine glückliche Entscheidung.
Ich lernte Bergmann kennen, als er sich mir vorstellte. Er gab sich abgeklärt, ruhig und seriös. Psychotherapeut eben. Es dauerte allerdings nicht lange, bis er mir mitteilte, Andere sähen meine Amtsführung mit Skepsis. Als ich wissen wollte, wer diese anderen seien und was sie konkret beanstandeten, blieb er im Ungefähren. Namen nannte er nicht. Offensichtlich war er vor unserem ersten Gespräch bereits entsprechend instruiert worden. Auch pädiatrisch hielt er sich für einigermaßen versiert. Seine Frau sei schließlich Kinderärztin in Heidelberg, erklärte er mir. Das war eine interessante Qualifikation, allerdings nicht unbedingt seine eigene.
Neutral erschien mir Bergmann von Anfang an nicht. Im Konflikt zwischen den drei Kinderkliniken ergriff er zunehmend Partei für meine beiden „Kollegen“ Jutta Gärtner und Thomas Paul. Die beiden hatten sich zusammengetan und waren vor allem an den Ressourcen meiner wesentlich größeren Klinik interessiert. Bergmann schien deren Sicht der Dinge bereitwillig zu übernehmen. Ob er dabei immer vollständig informiert war, durfte bezweifelt werden.
Im Sommer 2005 hatte ich meinen Urlaub ordnungsgemäß eingereicht und meinen Stellvertreter schriftlich mit meiner Vertretung beauftragt. Als ich aus dem Urlaub zurückkam, warf Bergmann mir vor, ich hätte mich nicht schriftlich abgemeldet. Das entsprechende Schreiben tauchte später wieder auf. Es war im Wust seines Sekretariats untergegangen. Eine Entschuldigung erhielt ich nicht.
Um den Streit zwischen uns drei Klinikdirektoren zu befrieden, setzte Bergmann gemeinsame Sitzungen an. Beginn: 20 Uhr. Eine irre Zeit für dienstliche Besprechungen, aber ich ließ mich darauf ein. Bergmann lebte während der Woche allein in Göttingen und fuhr am Wochenende zu seiner Familie nach Heidelberg. Er hatte abends offenbar Zeit. Ich hatte eine Familie in Göttingen. Im Nachhinein fragte ich mich, wie dumm ich eigentlich gewesen war, mich auf solche Sitzungen einzulassen. Damals glaubte ich noch, man könne Konflikte lösen, wenn man nur lange genug miteinander sprach. Bei einem Beginn um 20 Uhr hatte man dazu reichlich Gelegenheit.
In Bergmanns Amtszeit fielen erhebliche wirtschaftliche Probleme, Sanierungsmaßnahmen und die großen Streiks an den Universitätskliniken. Einfach war seine Aufgabe sicher nicht. Das entschuldigte aber nicht, dass er sich in den Auseinandersetzungen der Kinderklinik früh festlegte und damit einen Konflikt verschärfte, den sein Vorgänger durch seine Strukturentscheidungen überhaupt erst ermöglicht hatte.
Als ich mich schließlich entschlossen hatte, Göttingen zu verlassen, nahm ich einige meiner Unterlagen mit zum Präsidenten der Universität. Sie waren für Bergmann nicht unbedingt schmeichelhaft. Ob sie später zu seinem Ausscheiden beitrugen, weiß ich nicht. Seine fünf Jahre vollendete er jedenfalls nicht. Bergmann hatte sein Amt am 1. Oktober 2004 angetreten und schied zum 30. Juni 2009 aus dem Vorstand aus – drei Monate vor Vollendung einer fünfjährigen Amtszeit. Weshalb er vorzeitig ging, wurde öffentlich nicht erklärt.
In der damaligen Mitteilung der UMG klang sein Weggang vornehm und unbestimmt. Bergmann habe „eine Aufgabe im klinischen Bereich in Süddeutschland übernommen“. Nach einer solchen Formulierung konnte man eine bedeutende Leitungsfunktion vermuten, vielleicht die Direktion einer größeren Klinik.
Tatsächlich wechselte er an das Christophsbad in Göppingen und arbeitete dort als Oberarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Fachpsychotherapie. Das war nach fast fünf Jahren im Vorstand eines großen Universitätsklinikums ein bemerkenswerter Abstieg. Erst zum 1. Mai 2011 übernahm er nach dem Ausscheiden des bisherigen Chefarztes die Leitung der Klinik.
Was Bergmann zu diesem Schritt bewogen hatte, weiß ich nicht. Vielleicht war sein Ausscheiden in Göttingen weniger freiwillig, als die damalige Mitteilung vermuten ließ. Vielleicht wollte er zurück nach Süddeutschland und näher zu seiner Familie. Möglicherweise war auch bereits absehbar, dass die Leitung der Klinik am Christophsbad später frei werden würde und die Oberarztstelle nur eine Übergangslösung sein sollte. Belegen lässt sich nichts davon. Sicher ist nur: Aus dem Vorstand der UMG wechselte Bergmann nicht in eine vergleichbare Leitungsposition, sondern zunächst auf eine Oberarztstelle.
Bummer!