Haare auf den Zähnen

Von ProfessorJutta Gärtner hörte ich zum ersten Mal durch meinen Freund und langjährigen Bekannten Klaus Schmitt. Er war Ordinarius für pädiatrische Kardiologie in Düsseldorf und kannte sie aus ihrer damaligen Tätigkeit dort.

Im September 2002 traf ich Klaus auf der Jahrestagung der pädiatrischen Fachgesellschaft. Ich war seit einigen Monaten Ordinarius in Göttingen, und wir unterhielten uns über alles Mögliche, was einem in einem solchen Amt begegnete. Dabei kam auch die zukünftige Ausrichtung der Göttinger Kinderklinik zur Sprache. Als ich erwähnte, dass Jutta Gärtner im Dezember ihren Dienst antreten werde, sah er mich beinahe mitleidig an. „Du Ärmster“, sagte er. „Nimm dich in Acht. Sie hat Haare auf den Zähnen.“ Diesen Satz habe ich nie vergessen. Schon bald wusste ich, was er gemeint hatte.

Jutta Gärtner lebte für ihren Beruf. Persönlich begegnete ich ihr zum ersten Mal bei einer Besprechung im Gebäude des Vorstands. Es ging darum, welche Bereiche meiner Klinik ich an sie abzugeben bereit sei. Schließlich einigten wir uns auf die Gastroenterologie. Rückblickend war das ein Fehler – nicht nur wegen dieses Bereichs, sondern wegen der Aufteilung insgesamt. Ich war noch jung im Amt und konnte mich gegen den von Leititis verfolgten Plan nicht durchsetzen. Ich musste etwas abgeben.

Wie problematisch geteilte Zuständigkeiten werden können, zeigte sich später bei einem jungen Patienten, der mit Bauchschmerzen in ihre Klinik eingeliefert wurde. Als Ursache stellte sich ein fortgeschrittener Darmkrebs heraus. Ich war überzeugt, dass er wegen der onkologischen Expertise in meiner Klinik von uns übernommen werden sollte. Jutta Gärtner sah das anders. Der Patient blieb in ihrem Verantwortungsbereich. Ich hielt das damals für medizinisch falsch. Der Vorgang zeigte mir, dass es bei der Aufteilung einer Klinik nicht nur um Kästchen in einem Organigramm geht. Am Ende geht es um Patienten.

Ein zweiter Konflikt entzündete sich an einem Laborraum. Ich verfügte über ein großes Labor, und Gärtner fragte mich, ob ich ihr vorübergehend einen Raum überlassen könne. Ich willigte ein. Einige Zeit später rief mich der Dekan Manfred Droese an und erkundigte sich nach diesem Raum. Ich erklärte ihm, dass ich ihn ihr leihweise zur Verfügung gestellt hatte. Daraufhin berichtete er mir, sie habe um eine dauerhafte Zuweisung durch Vorstandsbeschluss gebeten. Ich war fassungslos. Aus einer kollegialen Gefälligkeit sollte offenbar eine feste Besitzregelung werden – und das ohne ein Wort mit mir. Ich empfand dieses Vorgehen als hinterhältig.

Dabei hatte alles recht freundlich begonnen. Jutta Gärtner und ich hatten anfangs vermutlich mehr Gemeinsamkeiten miteinander als jeweils mit Thomas Paul. Wir waren wissenschaftlich international orientiert und beruflich wesentlich mobiler gewesen. Unsere Wellenlänge schien zunächst ähnlich zu sein. Als sie nach Australien reiste, schickte sie mir nette Urlaubsgrüße. Es waren die letzten.

Die Auseinandersetzungen um den Laborraum und die klinischen Zuständigkeiten versetzten unserem Verhältnis einen schweren Dämpfer. Nach der sogenannten Briefaffäre war das Vertrauen endgültig zerstört. Von da an waren wir Gegner. Nicht aus einem Missverständnis heraus, sondern weil wir wussten, dass wir einander nicht mehr trauten.

Jutta Gärtner verstand es meisterhaft, ihre Interessen innerhalb der Universitätsmedizin durchzusetzen. Sie war fachlich eng mit Wolfgang Brück verbunden, dem früheren Neuropathologen, der nach dem Weggang von Leititis zunächst kommissarischer Ärztlicher Direktor und später Dekan wurde. Auch mit Günther Bergmann, der auf das Kommissariat folgte, verstand sie sich gut. Sie besaß Einfluss und wusste ihn zu nutzen.

Das bekam ich auch bei der von mir initiierten Klinischen Forschergruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu spüren. Die Fakultät unterstützte das Vorhaben. Jutta Gärtner versuchte jedoch, seine Etablierung im Hintergrund zu behindern: nach außen kaum sichtbar, aber unter der Oberfläche wirksam.

In den folgenden Jahren gewann ich zunehmend den Eindruck, dass innerhalb der Universitätsmedizin gezielt Zweifel an meiner Führungsfähigkeit und meiner klinischen Kompetenz gesät wurden. Was davon auf wen zurückging, konnte ich nicht in jedem Fall belegen. Die Wirkung war dennoch spürbar. Meine Entscheidungen wurden infrage gestellt, meine Stellung wurde geschwächt und aus fachlichen Meinungsverschiedenheiten entstand ein Machtkampf.

Thomas Paul spielte dabei eine Rolle, die ich lange unterschätzt hatte. Gemeinsam bildeten Gärtner und Paul eine Front gegen mich, unter anderem sehr offensichtlich in seinem Briefwechsel mit dem Vorstand (siehe dort).Ob jede einzelne Entwicklung geplant war, weiß ich nicht. Dass beide daran arbeiteten, meinen Einfluss zu begrenzen, war für mich jedoch nicht zu übersehen.

Die Konflikte eskalierten über die nächsten Monate. Sie waren nicht der einzige Grund für meinen späteren Rückzug aus Göttingen, aber ein wesentlicher. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass dieser Kampf mehr Kraft kostete, als ich noch für ihn aufbringen wollte. Klaus Schmitt hatte mich gewarnt. Und er hatte Recht behalten.

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