Jekabs Leititis war Pädiater. Bis 1996 arbeitete er ausschließlich klinisch, zuletzt als leitender Oberarzt an der Universitätskinderklinik Freiburg. Seine Schwerpunkte waren die pädiatrische Intensivmedizin und die Nephrologie. Eine eigene Klinik hatte er nie geleitet.
Von Freiburg wechselte er unmittelbar in die medizinische Administration. Die klassische Chefarztstufe ließ er dabei aus. Seither arbeitete er nicht mehr als klinisch tätiger Pädiater, sondern als Ärztlicher Direktor, Vorstandsmitglied oder Medizinischer Geschäftsführer großer Krankenhäuser und Klinikverbünde. Seine erste Station war das Krankenhaus Altona, danach wurde er Ärztlicher Direktor der Universitätsmedizin Göttingen.
Für eine solch herausgehobene Position wären Erfahrungen als Leiter einer großen Klinik sicher hilfreich gewesen. Leititis besaß sie nicht. Gerade für jemanden, der später tief in die Struktur der Göttinger Kinderklinik eingreifen sollte, war das keine ganz unwesentliche Lücke. Eigentlich hätte ich ihm dankbar sein müssen. Leititis und der damalige Dekan Manfred Dröse waren maßgeblich daran beteiligt, meine Berufung nach Göttingen gegen den Widerstand in der Fakultät durchzusetzen. Ohne die beiden wäre ich vermutlich nicht nach Göttingen gekommen. Meine Dankbarkeit hielt sich dennoch in Grenzen. Leititis traf kurz nach meinem Amtsantritt Entscheidungen, die das Verhältnis der drei Kinderkliniken dauerhaft belasten sollten.
Die Göttinger Kinderklinik war nicht hierarchisch aufgebaut, sondern bestand aus drei eigenständigen Kliniken. Meine Klinik war mit Abstand die größte. Der Vorstand hatte jedoch beschlossen, die drei Bereiche einander anzugleichen und Aufgaben, Personal und Zuständigkeiten neu zu verteilen. Leititis setzte diese Neuordnung um.
Seine folgenreichste Entscheidung war die Zerschlagung der Neonatologie. Die neonatologische Intensivmedizin wurde der Klinik von Thomas Paul zugeordnet, die übrige Versorgung der Neugeborenen blieb bei mir. Eine medizinisch und organisatorisch zusammengehörende Einheit wurde damit aufgeteilt. In der neonatologischen Fachwelt verstand kaum jemand diesen Schritt.
Auch die Gastroenterologie wurde aus meiner Klinik herausgelöst und der Pädiatrie II zugeschlagen. Eine überzeugende fachliche Begründung dafür konnte ich nicht erkennen. Auf dem Papier sah das vermutlich nach einer gleichmäßigeren Verteilung der Aufgaben aus. Im klinischen Alltag entstanden daraus unklare Zuständigkeiten, Abhängigkeiten und immer neue Auseinandersetzungen um Personal, Betten, Patienten und Erlöse.
Die Neuordnung war nicht die Ursache aller späteren Konflikte. Aber sie schuf eine Struktur, in der diese Konflikte besonders gut gedeihen konnten. Letztlich war damit das gedeihliche Miteinander der drei Kliniken beendet, noch bevor es sich richtig hatte entwickeln können.
Ich erlebte Leititis als mittelmäßigen Vorgesetzten. Vermutlich trat er mit guten Absichten an. Aber ähnlich wie Hansjörg Seyberth traf er Entscheidungen von erheblicher Tragweite, deren Folgen anschließend andere im Alltag bewältigen mussten. Dass er selbst nie eine große Klinik geleitet hatte, machte sich dabei bemerkbar. Mit meiner Einschätzung stand ich nicht allein. Leititis verlor zunehmend den Rückhalt der Fakultät. Als sein Fünfjahresvertrag 2004 auslief, wurde er nicht wiedergewählt. Anschließend wechselte er als Ärztlicher Direktor zu den Kliniken der Stadt Köln. Auch dort wurde sein Vertrag später nicht verlängert. Weitere Leitungsfunktionen folgten, unter anderem beim Klinikum Region Hannover.
Für Göttingen war Leititis damit verschwunden. Die von ihm geschaffene Struktur blieb uns erhalten.