Wenn man eine Fernsehgala wie Ein Herz für Kinder im Fernsehen sieht, glaubt man, Prominente würden auch hinter der Bühne so wirken wie vor den Kameras: gestylt, kontrolliert und immer darauf bedacht, den perfekten Eindruck zu hinterlassen.
Nach meiner ersten Aftershow-Party wusste ich, dass das nicht so ist. Es sind ziemlich normale Menschen mit ziemlich normalem Verhalten.
2009 war ich zum ersten Mal dabei. Kurz zuvor hatte ich zusammen mit Thomas Gottschalk und Vitali Klitschko auf der Bühne gestanden und über unser Projekt für krebskranke Kinder aus der Ukraine gesprochen. Anschließend ging es hinüber zur Aftershow-Party. Hilde, meine Schwester Marlene und ich betraten eine Welt, die wir bis dahin nur aus Illustrierten kannten.
Der erste, der mir auffiel, war Karl Dall. Er hatte sich bereits an der Bar eingerichtet und schien den Abend ziemlich entspannt anzugehen. Kurz darauf kam Boris Becker dazu. Sein Anzug war schon etwas verlottert, hinten hing das Hemd heraus, und man hatte nicht den Eindruck, dass dies sein erstes Bier des Abends gewesen war. Jenny Elvers war irgendwann mit von der Runde. Ihr Kleid war freizügig und die Fettröllchen quollen seitlich hervor. Die drei saßen da wie alte Bekannte in der Eckkneipe. Die Getränke waren frei.
Ich war gerade dabei, drei Gläser Wein für Hilde, Marlene und mich zu holen, als mich plötzlich jemand von hinten ansprach. „Schöner Auftritt! Lass uns einen zusammen trinken.“ Es war Heino. Also setzte ich mich mit meinen drei Gläsern zu ihm in die Sofaecke. Ich glaube, seine Hannelore war ebenfalls dabei. Wir unterhielten uns etwas über meinen Auftritt und ein paar andere Theman. Nichts bedeutendes, smalltalk halt. Heino war ausgesprochen freundlich, gut gelaunt und hatte schon ziemlich einen im Tee. Ich hielt mich nicht allzu lange auf, schließlich warteten Hilde und Marlene auf ihre Getränke.
Auch Gerit Kling lernte ich an diesem Abend näher kennen. Sie hatte unseren Auftritt gesehen, saß in einer Ecke am Rande und winkte mich zu sich rüber. Wir kamen schnell ins Gespräch. Sie erzählte von ihrer Tochter und zeigte mir sogar ein Foto. Ich berichtete von meinem Sohn Jan und zeigte ihr ein Foto von ihm. Sie war begeistert und meinte: „Ist der aber hübsch. Vielleicht sollte sich meine Tochter in ihn verlieben?“ Wir könnten die beiden ja einmal miteinander bekannt machen. Wir hatten Spaß miteinander. Gerit sollte ich später wieder in unserer Kinderklinik wiedersehen.
Etwas enttäuscht war ich von Eckart von Hirschhausen. Er war damals noch kaum bekannt. Er kam auf mich zu mit einem freundlichen „Hallo Herr Kollege“. Wir sind beide Kinderärzte. Ich erzählte ihm von unserer Kinderklinik und fragte, ob er nicht einmal für ein paar Zauberkunststückchen zu uns kommen wolle. In unserem Theater auftreten. Für unsere schwer kranke Kinder wäre das eine wunderbare Abwechslung gewesen. Er fand die Idee nett, geblieben ist es allerdings bei diesem Gespräch. Schade eigentlich. Die Kinder hätten ihn gemocht.
Mit Kai Diekmann unterhielt ich mich ebenfalls eine ganze Weile. Er trug damals seinen auffallend langen Bart, und wir kamen über ganz unterschiedliche Themen ins Gespräch.
Ganz anders verlief meine Begegnung mit Guido Westerwelle. Er war zu dieser Zeit Außenminister und bewegte sich mit einigen Begleitern und Jungs durch den Saal. Ich wollte ihn als Unterstützer unserer Klinik und der Ideen gewinnen. Schließlich hatte ich noch vor, eine sogenannte Elternoase in der Klinik zu errichten. Dafür konnte ich aus den Erfahrungen mit dem Elternhaus noch Fürsprecher gebrauchen. Als ich ihn ansprach, hatte ich das Gefühl, eher zu stören. Jede Antwort fiel knapp aus, vieles wurde an Mitarbeiter delegiert. Er wirkte auf mich kühl und arrogant. Jahre später war er kein Außenminister mehr, sondern ein schwerkranker Mann, der um sein Leben kämpfte. Mein Kontaktversuch wäre zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht etwas anders ausgegangen.
Eine Szene ist Hilde, Marlene und mir bis heute besonders im Gedächtnis geblieben. Udo Jürgens hatte offenbar ein Auge auf Simone, die damalige Frau von Oliver Kahn geworfen und ging zu ihr hinüber. Im selben Augenblick setzte sich ein ganzes Rudel Fotografen in Bewegung. Es war ähnlich wie in der Serengeti: die Fotografen stürzten sich wie die Hyänen auf die beiden. Sie sprangen auf Stühle und Tische, um das eine Foto zu bekommen, das am nächsten Tag überall zu sehen sein würde. Die Geschwindigkeit, mit der sich diese Hyänen bewegten, war fast beeindruckender als das Motiv selbst. Wir standen nur daneben und amüsierten uns über den Haufen Irrer. In dem Moment waren nicht die Prominenten die Attraktion, sondern die Fotografen.
An diesem Abend wurde mir klar, wie unterschiedlich die beiden Welten waren. Vor den Kameras entstand eine perfekt inszenierte Fernsehshow. Hinter den Kulissen saßen Menschen zusammen, tranken Wein oder Bier in mehr oder minder großen Mengen, erzählten von ihren Kindern oder machten Witze. Manche waren sympathischer, als ich erwartet hatte, andere weniger. Aber fast alle wirkten ohne Kameras sehr viel normaler als im Fernsehen. Vielleicht war gerade das das Interessanteste an diesen Abenden.