Manchmal begegnet man Menschen völlig unerwartet wieder.
So ging es mir einige Jahre nach unserem ersten Kennenlernen mit Verona Pooth. Es war Vorweihnachtszeit. Ich war am Gendarmenmarkt unterwegs und kam am damaligen Sofitel-Hotel vorbei. Vor dem Eingang war ein roter Teppich ausgerollt, Fotografen warteten, Gäste kamen heraus. Plötzlich stand Verona Pooth vor mir. „Ach, Herr Professor!“ Wir erkannten uns sofort wieder und unterhielten uns ein paar Minuten. Während wir dort standen, musste ich an unsere erste Begegnung denken. Die lag inzwischen einige Jahre zurück.
Damals arbeiteten wir noch in unserer alten Kinderklinik in Berlin-Buch. Das Gebäude hatte seinen ganz eigenen DDR-Charme. Freundlich ausgedrückt. Vieles war in die Jahre gekommen, besonders das Spielzimmer unserer Kinderkrebsstation. Es erfüllte seinen Zweck, aber ein Ort zum Wohlfühlen war es nicht.
Etwa zur gleichen Zeit meldete sich der Verein Kinderlächeln – Förderverein für krebskranke Kinder Berlin-Buch bei mir. Ursprünglich hatte der Verein seine Hilfe der Charité angeboten. Dort bestand jedoch kein Interesse. Also kamen sie nach Buch. Zum Glück.
Aus dieser ersten Begegnung entwickelte sich eine jahrelange Zusammenarbeit. Die Mitglieder des Vereins kümmerten sich mit viel Engagement um unsere kleinen Patienten. Sie erfüllten Herzenswünsche, organisierten Ausflüge, sammelten Spenden und überlegten, wie sie den Kindern den Krankenhausalltag ein wenig leichter machen konnten.
Irgendwann entstand die Idee, das Spielzimmer unserer Station vollständig zu renovieren. Der Verein nahm Kontakt zur Fernsehsendung „Engel im Einsatz“ auf, die damals von Verona Pooth moderiert wurde. Wenig später stand plötzlich ein Fernsehteam vor unserer Tür. Ich lernte Verona damals zum ersten Mal persönlich kennen.
Wer sie nur aus dem Fernsehen kannte, erwartete vielleicht eine Diva. Das Gegenteil war der Fall. Sie lief in Jeans durch die Station, sprach mit den Kindern, mit den Eltern und mit den Pflegekräften ganz selbstverständlich, ohne jede Starallüre. Sie interessierte sich ehrlich dafür, was hier geschah.
Während das Fernsehteam das Spielzimmer komplett umgestaltete, organisierte der Verein für fünfzehn unserer kleinen Patienten einen zweitägigen Ausflug zum Schloss Kröchlendorff. Für kurze Zeit konnten sie Krankenhaus, Infusionsständer und Chemotherapie hinter sich lassen. Nur eine fehlte: Henriette. Ihr Gesundheitszustand war damals bereits so schlecht, dass sie die Station nicht verlassen durfte. Für sie wäre die Reise zu gefährlich gewesen.
Die Mitglieder des Vereins ließen sie trotzdem nicht außen vor. Einige Monate später erfüllten sie Henriette einen ganz besonderen Wunsch. Sie holten sie mit einer weißen Stretchlimousine von der Station ab, fuhren mit ihr durch Berlin und anschließend ins Sea Life Center. Die Berliner Morgenpost berichtete damals ausführlich über diesen Tag. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Foto, auf dem Henriette strahlend aus der Limousine steigt. Für ein paar Stunden waren Krankheit und Krankenhaus einfach verschwunden.
Auch Verona Pooth vergaß Henriette nicht. Zwischen den beiden entwickelte sich eine kleine Brieffreundschaft. Zum Abschied schenkte Verona ihr sogar eine Halskette, die sie selbst lange getragen hatte. Für Henriette war das ein Schatz.
Das eigentliche Wunder geschah allerdings auf unserer Station. Als die Kinder nach ihrem Ausflug zurückkehrten, war aus dem alten, etwas trostlosen Spielzimmer ein heller, freundlicher Raum geworden. Plötzlich wurde dort wieder gespielt, gelacht und gebastelt. Es war erstaunlich, wie sehr ein schöner Raum die Stimmung verändern konnte. Natürlich heilte frische Farbe keinen Krebs. Aber sie machte den Alltag ein Stück freundlicher.
Später begegnete ich Verona Pooth immer wieder bei den Galas von Ein Herz für Kinder. Einmal saß sie direkt vor mir, ein anderes Mal unterhielten wir uns nach der Veranstaltung auf der After-Show Party. Es war immer ein unkomplizierter, herzlicher Smalltalk. Wir erinnerten uns an die Kinderklinik und daran, wie alles damals begonnen hatte.
Als ich sie schließlich am Gendarmenmarkt wiedersah, schloss sich für mich ein kleiner Kreis.
Viele Prominente kommen für einen Termin, machen ein paar Fotos und verschwinden wieder. Verona Pooth gehörte für mich nicht dazu. Sie hatte sich Zeit genommen, war den Kindern unbefangen begegnet und hatte geholfen, aus einem trostlosen Spielzimmer einen Ort zu machen, an dem Kinder wieder Kinder sein konnten. Genau darum ging es.