Die Behandlung der ukrainischen Kinder in Berlin funktionierte erstaunlich gut. Dank „Ein Herz für Kinder“ konnten wir vielen Familien helfen, die sich eine Therapie in Deutschland niemals hätten leisten können. Trotzdem hatte ich zunehmend das Gefühl, dass wir nur an den Symptomen arbeiteten. Kaum war ein Kind wieder nach Hause gefahren, stand schon die nächste Familie vor der Tür.
Ich fragte die Eltern immer wieder dieselbe Frage: „Warum kommen Sie eigentlich nach Berlin? Die Behandlung in der Ukraine ist doch kostenlos.“ Die Antwort war fast immer dieselbe: „Die Behandlung vielleicht schon. Aber wir haben kein Vertrauen.“ Dieser Satz blieb hängen.
Abends dachte ich oft darüber nach. Wenn wir im Jahr fünf oder zehn Kinder behandelten, halfen wir fünf oder zehn Familien. Das war gut. Aber was war mit all den anderen Kindern, die nie nach Berlin kommen würden?
Eines Tages zog ich eine Europakarte aus dem Regal. Nicht, weil ich schon einen fertigen Plan hatte. Ich wollte einfach überlegen. Mein Blick wanderte über Europa. Frankreich? Unsinn. England? Ebenfalls. Russland? Dort arbeitete die Charité bereits eng mit mehreren kinderonkologischen Zentren zusammen. Dann blieb mein Finger auf der Ukraine liegen.
Von dort kamen unsere Patienten. Und plötzlich kam mir ein ganz einfacher Gedanke: Wir holen immer die Kinder nach Berlin. Warum holen wir nicht die Ärzte?
Ein Kinderonkologe, der einige Monate bei uns arbeitet, nimmt sein Wissen wieder mit nach Hause. Dort behandelt er nicht nur ein Kind, sondern im Laufe seines Berufslebens Hunderte. Je länger ich darüber nachdachte, desto logischer erschien mir die Idee.
Also nahm ich Kontakt zur ukrainischen Botschaft auf. Ich weiß heute gar nicht mehr, ob ich dort anrief oder eine E-Mail schrieb. Jedenfalls meldete sich eine freundliche Mitarbeiterin mit langen blonden Haaren, die den Besuch des Botschafters organisierte. Wenig später kam Igor Dolgov nach Berlin-Buch.
Dolgov war ein höflicher, eher zurückhaltender Mann. Keiner, der mit großen Reden Eindruck machen wollte. Wir gingen gemeinsam durch die Kinderklinik. Er sprach mit Ärzten, Pflegekräften und ukrainischen Familien. Anschließend setzten wir uns zusammen. Ich erklärte ihm meine Idee: nicht mehr Kinder nach Deutschland zu holen, sondern ukrainische Kinderärzte und Kinderonkologen in Berlin auszubilden.
Er hörte aufmerksam zu, stellte viele Fragen und versprach, das Vorhaben in Kiew zu unterstützen. Einige Wochen später erhielt ich eine Einladung in die Ukraine. Aus einer Idee vor einer Landkarte war plötzlich ein richtiges Projekt geworden.