Silberne Hochzeit

Ein Schiff auf der Spree, Horst Schlämmer am Ufer und Karaoke bis tief in die Nacht.

Als Hilde und ich 1984 heirateten, hätten wir wohl beide nicht gedacht, wo wir fünfundzwanzig Jahre später einmal sein würden. Hinter uns lagen Heidelberg, Marburg, Essen, Göttingen und schließlich Berlin. Vor allem aber lagen schwierige Jahre hinter uns. Die Zeit in Göttingen hatte viel Kraft gekostet und der Abschied war unerfreulich gewesen. Berlin fühlte sich endlich wieder leicht an. Die neue Kinderklinik nahm langsam Gestalt an, die ersten Ideen für das Elternhaus entstanden und beruflich hatten wir beide das Gefühl, endlich angekommen zu sein. 2009 feierten wir Silberne Hochzeit. Und wir beschlossen, dieses Jubiläum nicht mit einem Abendessen in irgendeinem Restaurant zu begehen. Wenn schon fünfundzwanzig Jahre, dann wollten wir mal wieder so richtig auf den Brei hauen.

Wir luden keine Kollegen ein, keine Vorgesetzten und keine Menschen, die man aus Höflichkeit einlädt. Auf der Gästeliste standen ausschließlich Menschen, die uns in diesen Jahren wirklich ans Herz gewachsen waren: unsere Geschwister, einige Verwandte, enge Freunde und meine amerikanischen Verwandten. Als Ort hatten wir uns etwas Besonderes ausgesucht: ein ganzes Fahrgastschiff auf der Spree.

An einem sonnigen Samstag trafen wir uns zunächst bei uns zu Hause im Edelhofdamm. Gemeinsam fuhren wir mit der S-Bahn zur Friedrichstraße, wo unser Schiff bereits auf uns wartete. Kurz darauf legten wir ab. Es war einer dieser Berliner Sommertage, an denen einfach alles passte.

Kaum hatten wir die Friedrichstraße hinter uns gelassen, entstand am Ufer plötzlich Aufregung. Dort stand Hape Kerkeling in seiner Rolle als Horst Schlämmer, damals gerade mit seinem Wahlkampfslogan „Isch kandidiere!“unterwegs. Natürlich erkannten ihn alle sofort. Wir winkten ihm vom Schiff aus zu. Er winkte zurück und rief ein paar seiner typischen Sprüche herüber. Wir antworteten ebenso laut und lieferten uns für eine Minute ein kleines Wortgefecht quer über die Spree. Die Leute am Ufer und auf unserem Schiff lachten. Danach setzte Horst Schlämmer seinen Wahlkampf fort und wir unsere Silberne Hochzeit.

Unser Schiff auf der Spree
Unser Schiff auf der Spree.

Unsere Route führte zunächst spreeabwärts bis zum Kanzleramt und anschließend hinaus zum Müggelsee. Stundenlang glitt Berlin an uns vorbei. Auf der Spree herrschte Hochbetrieb. Überall kreuzten Ausflugsschiffe, auf manchen spielten Livebands, überall wurde gelacht, getanzt und gefeiert. Auch auf unserem Schiff war die Stimmung bestens.

Es gab keine steife Feier und kein durchorganisiertes Programm. Mein Schwager sang ein Ständchen, ich hielt eine kleine Ansprache, andere erzählten Geschichten aus den vergangenen fünfundzwanzig Jahren. Dazwischen wurde gegessen, getrunken und viel gelacht. Genau so hatten wir uns das vorgestellt.

Als wir am Abend vom Müggelsee zurückkamen, zeigte sich Berlin noch einmal von seiner schönsten Seite. Entlang der Spree begann überall das Nachtleben. An vielen Uferstellen hatten sich Menschen spontan zum Feiern getroffen. Manche grillten, andere tanzten zu Musik aus mitgebrachten Lautsprechern. Vor alten Fabrikgebäuden wurde zu Technobeats getanzt. Über allem ragte der Fernsehturm in den Abendhimmel. Berlin hatte damals diese wunderbare Fähigkeit, gleichzeitig geschniegelt und völlig verrückt zu sein. Doch der Tag war noch lange nicht zu Ende.

Karaoke bei der Silbernen Hochzeit
Karaoke nach der Schiffsfahrt. Von linke nach rechts: Axel, mit dem ich im Labor in Giessen und San Francisco herrliche Zeiten verbrachte. Gerd, mein Kumpel aus Morbach, mit dem ich viele Episoden im und nach dem Urlaub verbrachte. Und schließlich Manni mit Perücke und vollem Einsatz. Er ist weiterhin einer meiner engsten Freunde.

Hinter unserem Haus hatten wir ein großes Festzelt aufgebaut. Dort wartete bereits die zweite Hälfte der Feier. Wir hatten eine Karaoke-Anlage aufgestellt. Wie das bei Karaoke immer ist, dauerte es zunächst eine Weile, bis alle leicht einen sitzen haben oder sonstwie aufgetaut sind. Wie immer, wenn wir Karaoke machen, hatten wir diverse Perücken verfügbar, die den Auftritt noch einmal glanzvoller machten. Die Jugend war zunächst etwas zurückhaltend und ließ den Älteren den Vortritt. Bald wurde ihnen aber der Spaßfaktor bewusst und schließlich gab es kein Halten mehr. Es wurde mitgesungen, gelacht und applaudiert.

Karaoke bei der Silbernen Hochzeit
Karaoke nach der Schiffsfahrt. Die Jugend ist mit dabei. Von links nach rechts: Ullis Tochter Gina, Jan, Resi mit Tochter Miri und Sohn Marko, Markos Freundin und Gaby.

Natürlich hatten wir auch alle Nachbarn eingeladen. Das war nicht nur höflich, sondern ausgesprochen praktisch. Wer mitfeiert, beschwert sich später nicht über den Lärm. Die Feier dauerte bis tief in die Nacht.

Ich denke gerne an unsere Silberne Hochzeit zurück. Es war kein perfekt organisiertes Fest aber wir hatten ein Schiff auf der Spree, Horst Schlämmer am Ufer, einen Sommerabend mit dem Fernsehturm im Hintergrund, ein Festzelt voller singender Menschen und viele Gesichter, die uns über Jahrzehnte begleitet hatten. Das war ziemlich gut.

Karaoke bei der Silbernen Hochzeit
Wolfgang aus Giessener Zeiten und Hilde haben großen Spaß.

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