Die Spritzen im Waschbeutel

Ein kleiner Junge, rätselhafte Blutvergiftungen und ein Verdacht, den zunächst niemand glauben konnte.

Paul* war 19 Monate alt, als er in unsere Kinderklinik kam. Er wurde vom Kinderarzt eingewiesen, weil er kaum an Gewicht zunahm. Die Ursachen der Gedeihstörung sind vielfältig. Trotz vieler - auch eingehender Untersuchungen - konnten wir keine Ursache finden. Auch die künstliche Ernährung über eine Magensonde erbrachte keine Besserung. Letztendlich entschieden wir uns dann, ihn intravenös zu ernähren. Endlich nahm er an Gewicht zu und konnte zunächst nach Hause entlassen werden. Kurz darauf wurde er wieder in unsere Klinik eingeliefert wegen einer Durchfallerkrankung. Er bekam erneut Flüssigkeit über den intravenösen Katheter, und bald ging es ihm besser. Dann entwickelte er plötzlich hohes Fieber. In seinem Blut fanden wir Bakterien, er hatte eine Blutvergiftung. Das kommt bei kleinen und geschwächten Kindern vor. Ungewöhnlich war jedoch, dass wir nicht nur einen Erreger fanden, sondern gleich mehrere. Und es waren alles Keime, die normalerweise im Darm vorkommen.

Wir behandelten Paul mit Antibiotika. Er erholte sich, das Fieber ging zurück, und zunächst schien die Sache ausgestanden zu sein. Einige Tage später begann alles von vorn: wieder hohes Fieber, wieder eine Blutvergiftung und wieder verschiedene Darmbakterien im Blut. Nun suchten wir nach einer Erklärung. Vielleicht gab es irgendwo eine undichte Stelle im Darm, durch die die Bakterien in die Blutbahn gelangten. Vielleicht litt das Kind unter einem seltenen Immundefekt. Wir leiteten ein umfangreiches diagnostisches Programm ein und verschickten Blutproben an Speziallabore in ganz Deutschland. Seltene Erkrankungen gehörten schließlich zu unserem Beruf, und wenn die üblichen Erklärungen nicht ausreichten, musste man auch an sie denken. Wir fanden jedoch nichts. Der Darm war, soweit wir das feststellen konnten, nicht undicht. Auch einen schweren Immundefekt konnten wir weitgehend ausschließen.

Dann bekam Paul zum dritten Mal eine Blutvergiftung. Diesmal war sein Zustand lebensbedrohlich. Er geriet in einen septischen Schock und musste auf die Intensivstation, wo er künstlich beatmet werden sollte. Seine Mutter wollte jedoch nicht, dass wir ihn dorthin verlegten. Das machte mich stutzig. Welche Mutter widersetzt sich in einer solchen Situation einer Behandlung, die ihrem Kind das Leben retten kann? Die Mutter war ständig bei Paul. Sie schlief in seinem Zimmer und wich kaum von seiner Seite. An sich war auch das nicht ungewöhnlich. Viele Mütter bleiben bei ihrem schwer kranken Kind. Zusammen mit den unerklärlichen Blutvergiftungen und ihrem Widerstand gegen die Intensivbehandlung bekam dieses Verhalten für mich jedoch eine andere Bedeutung.

Ich erinnerte mich an einen Fall aus meiner Heidelberger Zeit. Dort hatte eine Mutter ihr Kind absichtlich krank gemacht. Man bezeichnete das als Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Die Betroffenen täuschen bei einem anderen Menschen, meistens beim eigenen Kind, eine Krankheit vor oder führen sie selbst herbei. Anschließend erscheinen sie als besonders fürsorgliche Begleiter und erhalten dadurch Aufmerksamkeit und Anerkennung. Der Gedanke war ungeheuerlich. Trotzdem sprach ich ihn bei einer Visite aus und bat die Schwestern, die Mutter aufmerksam zu beobachten. Was machte sie mit dem Kind, wenn niemand hinsah?

Ich besprach meinen Verdacht auch mit unserem damaligen Geschäftsführer Jörg Reschke. Er riet mir, die Polizei einzuschalten. Ich war kurz davor, zögerte aber noch. Was würde geschehen, wenn wir uns irrten? Vielleicht litt Paul doch unter einer äußerst seltenen Erkrankung, die wir nur noch nicht gefunden hatten. Dann hätte ich eine Mutter, die seit Wochen um ihr krankes Kind bangte, einem schrecklichen Verdacht ausgesetzt. Ich beschloss, eine Nacht darüber zu schlafen, bekam aber nicht viel Schlaf.

Am nächsten Tag kam eine aufgeregte Schwester zu mir. In der geöffneten Waschtasche der Mutter waren ihr mehrere Injektionsspritzen aufgefallen, an deren Ende sich eine braune Flüssigkeit befand. Es war Stuhlgang. Ich nahm die Spritzen an mich und schickte sie sofort in die Mikrobiologie. Darin fand sich das gleiche Spektrum von Darmkeimen, das wir wiederholt im Blut des Jungen nachgewiesen hatten.

Nun verständigte ich Jugendamt, Rechtsmedizin, Polizei und erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Danach bat ich die Eltern zu einem Gespräch. Auch die Großeltern kamen. Es entstand ein gewaltiger Aufruhr. Wie ich die Mutter einer solchen Tat beschuldigen könne, wurde ich gefragt. Ich sagte, dass ich niemanden beschuldige. Jetzt müsse erst ermittelt werden, wer dafür verantwortlich sei.

Die weiteren Untersuchungen bestätigten den Verdacht. In den Spritzen befand sich der Kot der Mutter. Sie hatte ihre eigenen Fäkalien über den Infusionszugang in die Blutbahn ihres Kindes gespritzt und dadurch die wiederkehrenden Blutvergiftungen ausgelöst. Später gestand sie die Taten. Wie oft sie es getan hatte, ließ sich nicht sicher feststellen. Mindestens dreimal musste es geschehen sein, denn Paul hatte dreimal eine Sepsis mit verschiedenen Darmkeimen entwickelt. Beim dritten Mal wäre er beinahe gestorben.

Ich konnte zunächst kaum glauben, was sich in unserer Klinik abgespielt hatte. Wochenlang hatten wir nach seltenen Darm- und Immunkrankheiten gesucht, Proben durch ganz Deutschland geschickt und versucht, eine medizinische Erklärung für die ungewöhnlichen Befunde zu finden. Im Buch The House of God steht sinngemäß der Satz: Wenn du Hufgetrappel hörst, denke zunächst an Pferde und nicht an Zebras. Wir hatten lange nach einem Zebra gesucht. Auf diese Erklärung wäre allerdings kaum jemand gekommen.

Der Vorgang um Paul war auch Gegenstand eines Podcasts von Prof. Michael Tsokos. Der ehemalige Leiter der Rechtsmedizin an der Charité berichtete darüber.

Was den Teil an unserer Klinik anbelangt, so stellen sich die Dinge für mich etwas anders dar. Zwar hat Tsokos´ Institut den letztendlichen Beweis erbracht, dass die Keime im Blut von Paul aus dem Stuhlgang der Mutter stammten, doch kam der entscheidende Hinweis von mir selbst (siehe oben). Seine Oberärztin Dr. Saskia Etzold war damals unsere Ansprechpartnerin aus seinem Institut, die uns maßgeblich begleitete.

* Name geändert.

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