Jeden Morgen um acht

Morgenbesprechung, letzte Reihe, Zettel, Bauchschmerzen und der Ursprung von IAG.

In der Heidelberger Kinderklinik begann der Tag mit der Morgenbesprechung. Für gestandene Oberärzte war das vermutlich ein normaler Tagesordnungspunkt. Für mich war es anfangs eher eine tägliche kleine Prüfung mit ungewissem Ausgang. Man saß im Hörsaal, vorne die wichtigen Leute, hinten die Assistenten, und irgendwo in diesem Raum musste man seine Patienten vorstellen, Fragen beantworten und hoffen, dass niemand eine Lücke fand, in die er genüsslich hineinstochern konnte.

Die räumliche Ordnung sagte bereits viel über die Klinik aus. Vorne saßen Professor Bremer, Nützenadel und die Sektionsleiter oder Oberärzte, je nachdem, wer gerade etwas Wichtiges darstellen wollte. Dahinter kamen mehrere Reihen, und hinten saßen wir. Nicht immer freiwillig hinten, aber irgendwie gehörte man als Anfänger dorthin. Man beobachtete, hörte zu und versuchte, möglichst nicht unangenehm aufzufallen.

Ich kam aus der Forschung. Ich konnte über Tumorzellen, Wachstumsfaktoren und Neuroblastome sprechen. Ich konnte ein Experiment erklären und wusste, warum eine Kontrolle notwendig war. Aber in dieser Morgenbesprechung half mir das nur begrenzt. Dort zählten andere Dinge. War die Temperaturkurve bekannt? Welche Antibiotika bekam das Kind? Wie waren die Elektrolyte? Warum war dieser Wert gestern nicht kontrolliert worden? Wieso war die Mutter nicht informiert? Solche Fragen konnten harmlos sein. In Heidelberg waren sie es nicht immer.

Deshalb bereitete ich mich vor. Ich schrieb mir kleine Zettel. Nicht nur Stichworte, sondern manchmal fast Sätze, damit ich im entscheidenden Moment nicht ins Stocken geriet. Ich wollte verhindern, dass mir vor versammelter Mannschaft ein Detail entglitt. Manchmal half es. Manchmal half es nicht. Die Angst saß nicht in den Fakten, sondern in der Atmosphäre. Wer einmal erlebt hat, wie jemand vor allen anderen klein gemacht wird, weiß, dass die nächste Vorstellung nicht dadurch leichter wird, dass man den Kaliumwert auswendig kennt.

Besonders Walter Nützenadel hatte ein Talent dafür, solche Situationen unangenehm werden zu lassen. Er war nicht einfach streng. Strenge kann sinnvoll sein, wenn sie klar, fair und fachlich begründet ist. Nützenadel war anders. Er hatte etwas Missgünstiges, etwas Herabsetzendes. Er konnte einen jungen Assistenten spüren lassen, dass er nichts wusste, und tat das nicht selten mit sichtbarer Genugtuung. Solche Menschen gibt es in Kliniken. Sie verwechseln Autorität mit der Fähigkeit, andere zu demütigen.

Bremer selbst war in diesen Besprechungen oft schwer greifbar. Er war kein Mann großer Emotionen. Ich erlebte ihn als Betonklotz. Wenn er etwas sagte, war es meist nicht laut, aber es stand im Raum. Um ihn herum gab es dann die Oberärzte, die zeigen mussten, dass sie den Chef verstanden hatten, manchmal sogar, bevor er selbst wusste, was er verstanden haben wollte. In solchen Momenten konnte eine Besprechung erstaunlich zäh werden.

Was mich besonders störte, war nicht die fachliche Diskussion. Fachliche Diskussionen braucht eine Universitätsklinik. Mich störte die Art. Viele Gespräche fanden vor viel zu vielen Menschen statt. Fragen, die zwei oder drei Ärzte hätten klären können, wurden vor Assistenten, Schwestern und allen Anwesenden ausgebreitet. Wer vorne sprach, konnte sich darstellen. Wer hinten saß, verlor Zeit oder Würde, gelegentlich beides.

Später habe ich genau daraus eine Regel gemacht. Lob darf öffentlich sein. Kritik nicht. Wenn jemand etwas gut gemacht hatte, konnte man das ruhig vor anderen sagen. Wenn jemand einen Fehler gemacht hatte oder etwas Problematisches zu besprechen war, gehörte das unter vier Augen. Wenn ein Gespräch mögliche Konsequenzen hatte, nahm ich einen Dritten hinzu, in Berlin meist meinen Stellvertreter oder Barbara Distler, später Barbara Corinth. Nicht als Drohkulisse, sondern als Schutz für beide Seiten. In Heidelberg hätte ich mir diese Regel oft gewünscht.

Damals half mir diese spätere Einsicht natürlich nicht. Damals saß ich in der Morgenbesprechung, manchmal mit Bauchschmerzen, und hoffte, sauber durchzukommen. Ich war ehrgeizig, aber nicht unverwundbar. Die Vorstellung, gleich aufgerufen zu werden und dann vor der ganzen Mannschaft ins Schwimmen zu geraten, machte mir zu schaffen. Das passte nicht zu dem Bild, das man gern von sich hat, wenn man aus San Francisco zurückkommt und gerade wissenschaftlich erfolgreich ist. Aber Wissenschaftspreise schützen nicht vor klinischer Unsicherheit.

Aus dieser täglichen Mischung aus Hierarchie, Angst und innerem Widerstand entstand irgendwann der Song IAG. IAG stand für „in Amerika gewesen“. Das war die Etikettierung, die mir in Heidelberg immer wieder anhaftete. Da kam einer aus Amerika, glaubte vielleicht, er wisse etwas besser, und musste nun erst einmal lernen, wo in Heidelberg der Hammer hing. In dem Song tauchten Wölfe und Hyänen auf, Morgenbesprechung, Hörsaal, letzte Reihe und all das Rudelverhalten, das ich damals empfand. Es war keine wissenschaftliche Analyse der Universitätsmedizin. Es war eher eine musikalische Notwehr.

Ich habe in Heidelberg viel gelernt. Wirklich. Aber vieles davon lernte ich nicht, weil es mir gut beigebracht wurde, sondern weil ich es mir unter Druck aneignete. Ich lernte, mich vorzubereiten. Ich lernte, klare Informationen zu haben. Ich lernte, dass man einen Patienten nur vorstellen kann, wenn man ihn wirklich kennt. Ich lernte aber auch, dass Angst kein gutes Lehrmittel ist. Sie erzeugt Aufmerksamkeit, ja. Aber sie erzeugt keine gute Kultur.

Vielleicht war genau das eine der wichtigsten Lektionen dieser Morgenbesprechungen. Medizin braucht Genauigkeit, aber keine Erniedrigung. Sie braucht Verantwortung, aber keine Einschüchterung. Sie braucht klare Kritik, aber nicht vor Publikum. Wer junge Ärzte ausbildet, muss sie fordern. Aber er muss sie nicht vorführen. Diesen Unterschied habe ich in Heidelberg sehr genau kennengelernt.

Wenn ich später selbst Morgenbesprechungen leitete, dachte ich nicht jeden Tag an Heidelberg. Aber Heidelberg saß in mir. Ich wollte kurze Besprechungen, klare Entscheidungen und keine akademischen Schauläufe. Ich wollte nicht, dass sich ein junger Arzt morgens fragt, ob er heute vor allen anderen beschädigt wird. Vielleicht habe ich das nicht immer perfekt umgesetzt. Wer führt, macht Fehler. Aber eine Sache war mir wichtig: Niemand sollte wegen mir so in einer Besprechung sitzen müssen, wie ich damals manchmal in Heidelberg saß.

Jeden Morgen um acht begann in Heidelberg also nicht nur ein Arbeitstag. Für mich begann dort eine Ausbildung, die weit über die Pädiatrie hinausging. Ich lernte Patienten vorzustellen, ja. Aber ich lernte auch, wie Hierarchie wirkt, wie Angst entsteht und wie leicht man Macht missbrauchen kann, wenn niemand widerspricht. Das war keine angenehme Schule. Aber sie war wirksam.