Die Heidelberger Universitätskinderklinik war damals keine Klinik im heutigen Sinn, mit mehreren gleichberechtigten Abteilungen, klar getrennten Fachbereichen und hübschen Organigrammen für Internetseiten. Sie war eher ein großes pädiatrisches Reich mit einem Oberhaupt und vielen Provinzen. Das Oberhaupt hieß Professor Hans-Jürgen Bremer.
Bremer war aus Düsseldorf nach Heidelberg gekommen und wurde Ärztlicher Direktor der Allgemeinen Pädiatrie. Allgemeine Pädiatrie klang harmlos, bedeutete aber in Wirklichkeit fast alles, was nicht ausdrücklich Neonatologie war. Die Pädiatrie hatte sich in den Nachkriegsjahrzehnten enorm ausdifferenziert. Was bei Erwachsenen längst eigene Disziplinen waren – Neurologie, Kardiologie, Nephrologie, Endokrinologie, Immunologie, Stoffwechselmedizin –, war bei Kindern noch unter einem großen Dach versammelt.
In Heidelberg hatte man deshalb Sektionen eingerichtet. Das war ein kluger Schritt, weil niemand mehr die gesamte moderne Kinderheilkunde wirklich beherrschen konnte. Es gab eine Neuropädiatrie, eine Endokrinologie, eine Stoffwechselabteilung, eine Infektiologie, eine Nephrologie, eine Hämatologie / Onkologie und weitere Bereiche, die im Alltag halbwegs eigenständig arbeiteten. Aber über allem stand letztlich Bremer. Er hatte das große Reich. Professor Otwin Linderkamp hatte die Neonatologieals eine eigene Klinik neben der Allgemeinen Pädiatrie. Alles andere gehörte mehr oder weniger zu Bremer.
Dieses System hatte etwas Feudales. Die Sektionsleiter waren keine unabhängigen Klinikdirektoren, sondern unterstanden dem Chef der Allgemeinen Pädiatrie. Manche hatten bundesweit hohes Ansehen, andere vor allem ein gutes Sitzfleisch. Die Nephrologie unter Professor Konrad Schärer war zum Beispiel wissenschaftlich und klinisch sehr stark. Schärer, ein Schweizer, hatte auf dem Gebiet der pädiatrischen Nierenheilkunde und der Nierenersatztherapie viel bewegt. Mit Otto Mehls arbeitete dort ein Oberarzt, der ebenfalls hervorragend war. Diese Sektion gehörte zu den Zentren, die man in Deutschland kannte.
In der Stoffwechselmedizin spielte Fritz Trefz eine wichtige Rolle, später auch Georg Hoffmann. Die Endokrinologie wurde von Schönberg geprägt. Die Neuropädiatrie hatte ihre eigenen Figuren, darunter Frau Mittermeier und Christian Benninger. Auf der Intensivstation H4 lag die Verantwortung oft bei erfahrenen Altassistenten und wechselnden Oberärzten. Die Onkologie, die mich später besonders betraf, wurde zunächst von PD Dr. Brandeis geleitet, später von PD Dr. Rolf Ludwig. Es war also kein Mangel an Bereichen vorhanden. Es war eher ein Mangel an moderner Führung.
Bremer selbst war für mich eine schwer zugängliche Person. Ich habe ihn oft als Betonklotz erlebt. Nicht bösartig im engeren Sinn, nicht laut, nicht cholerisch. Eher unbeweglich, schwer lesbar und emotional sparsam bis zur Trockenlegung. Später habe ich erfahren, dass auch ihm in Heidelberg seinen oberärztlichen Platzhirschen übel mitgespielt wurde. Vielleicht erklärt das manches. Es entschuldigt aber nicht alles.
Denn eine Klinik wird nicht nur durch ihre Struktur geprägt, sondern durch ihren Ton. Und der Ton in Heidelberg war häufig unangenehm. Die Hierarchie war steil, die Morgenbesprechungen waren Pflichtveranstaltungen, und Fehler oder Unsicherheiten wurden nicht selten vor Publikum ausgebreitet. Wer schon sicher war, konnte das ertragen. Wer neu war, aus der Forschung kam und klinisch erst wieder Tritt fassen musste, saß dort mitunter ziemlich allein.
Besonders auffällig war der Abstand zwischen oben und unten. In den Morgenbesprechungen saßen vorne die Professoren und Sektionsleiter, dahinter oft viele leere Reihen, und irgendwo weiter hinten die Assistenten. Das war nicht nur eine räumliche Anordnung. Es war eine Botschaft. Die da vorne waren die, die wussten. Die da hinten waren die, die besser aufpassen sollten.
Walter Nützenadel, Bremers Stellvertreter, trug viel zu dieser Atmosphäre bei. Er hatte selbst nie die Ausstrahlung eines großen Chefs, aber genug Macht, um das Leben junger Assistenten unerfreulich zu machen. Wir nannten ihn wegen seines Hüftproblems Hinkefuß. Das war nicht nett, aber die Kinderklinik war auch kein Ort übertriebener Zartheit. Für mich wurde Nützenadel später eines der wichtigsten Negativbeispiele dafür, wie man Mitarbeiter nicht behandelt.
Gleichzeitig war die Klinik fachlich natürlich ein Ort, an dem man viel lernen konnte. Man sah alles. Schwer kranke Kinder, seltene Stoffwechselerkrankungen, Nierenerkrankungen, neurologische Krankheitsbilder, Frühgeborene, onkologische Patienten, Intensivmedizin, Notfälle, Routine, Tragik und banalen Unsinn in derselben Nacht. Eine Universitätskinderklinik ist eine Schule, ob man will oder nicht. Die Frage ist nur, ob sie ihre Schüler stärkt oder klein macht.
Ich kam in diese Klinik als jemand, der aus San Francisco und aus dem DKFZ kam. Wissenschaftlich hatte ich schon einiges erlebt, klinisch war ich aber wieder Anfänger. Das war eine ungünstige Kombination. Wer aus der Forschung kam, wurde von manchen Klinikern schnell als theoretisch, weltfremd oder unpraktisch eingestuft. Und wer klinisch unsicher war, bot dafür leider genug Angriffsfläche.
Trotzdem war Heidelberg für meine Entwicklung entscheidend. Nicht weil es angenehm war, sondern weil es mir die Pädiatrie in ihrer ganzen Breite zeigte. Ich lernte, wie eine große Universitätskinderklinik funktionierte, wie Stationen miteinander verbunden waren, wie Nachtdienste organisiert wurden, wie Intensivmedizin roch, wie Onkologie einen verändert und wie viel Schaden schlechte Führung anrichten kann.
Vieles von dem, was ich später anders machte, hat hier seinen Ursprung. Ich wollte keine endlosen Besprechungen, in denen alle zuhören mussten, während zwei Oberärzte ein Fachgespräch führten. Ich wollte keine öffentlichen Demütigungen. Ich wollte nicht, dass ein junger Arzt mit Bauchschmerzen in eine Morgenbesprechung geht, nur weil irgendein Vorgesetzter seine schlechte Laune an ihm auslassen könnte. Kritik gehörte für mich später unter vier Augen. Wenn ein Gespräch dienstrechtliche Konsequenzen haben konnte, nahm ich einen Dritten hinzu. Nicht um jemanden vorzuführen, sondern um beide Seiten zu schützen.
In Heidelberg hätte ich mir so etwas oft gewünscht. Dort herrschte eine andere Kultur. Sie war nicht nur schlecht. Es gab auch gute Ärzte, großzügige Kollegen und Menschen, von denen ich viel gelernt habe. Hansjörg Seyberth zum Beispiel war als Oberarzt ein ganz anderer Typ, wissenschaftlich stark, angenehm, menschlich zugewandt. Aber die Grundatmosphäre blieb hierarchisch und misstrauisch.
Wenn ich heute an diese Kinderklinik zurückdenke, sehe ich deshalb keine einfache Schwarz-Weiß-Zeichnung. Ich sehe eine große, fachlich starke, historisch gewachsene Einrichtung, die in einer Übergangszeit steckte. Die moderne Pädiatrie war längst da, aber die Führungsstrukturen stammten noch aus einer älteren Welt. Für jemanden wie mich, der zwischen Labor und Station pendelte und vieles hinterfragte, war das kein bequemes Umfeld.
Aber bequem war Heidelberg selten. Nützlich war es trotzdem.