Medizin heute
Man fragt sich, weshalb die Suche nach geeigneten Chefärzten heute so mühsam ist.
In der Vergangenheit bedeutete die Position des Chefarztes, beruflich alles erreicht zu haben: Unabhängigkeit, Gestaltungsspielraum, gesellschaftliches Ansehen und ein attraktives Einkommen. Begehrt und nahezu unerreichbar war ein Lehrstuhl als ordentlicher Professor an einer Universität. Dieses Ideal hat sich grundlegend gewandelt.
Zweifellos war eine Reform des Gesundheitswesens angesichts der erheblichen Ineffizienzen im damaligen System notwendig. Doch die Veränderungen, die folgten, führten zu einem deutlichen Verlust an Attraktivität des Chefarztberufs. Der Weg zur Professur war anspruchsvoll, belastend und entbehrungsreich: Nach einem zwölfsemestrigen Studium und den abschließenden Examina folgten meist Jahre intensiver Forschung, häufig in renommierten Kliniken und Laboren im Ausland. Nach der Rückkehr begann der Wettbewerb mit Kolleginnen und Kollegen, die sich in dieser Zeit bereits klinisch weiterqualifiziert hatten. Hinzu kamen Anforderungen in Lehre, Patientenversorgung und Forschung, oft verbunden mit der eigenständigen Organisation und Finanzierung einer Arbeitsgruppe. Man musste zugleich Wissenschaftler, Lehrer und Arzt sein – und in allen Bereichen Exzellenz zeigen.
Mit dem Einstieg privater Träger in die Krankenhausfinanzierung verschärfte sich die Situation. Die klassische ärztliche Hierarchie wurde durch wirtschaftliche Strukturen ersetzt: An die Stelle eines medizinisch erfahrenen Vorgesetzten traten Geschäftsführer, deren Perspektive primär ökonomisch geprägt war. Für Chefärzte bedeutete dies, zusätzlich betriebswirtschaftliche Kompetenz auf höchstem Niveau vorweisen zu müssen. Nicht selten entstanden dabei Spannungen und Situationen, die von vielen als unerfreulich oder sogar entwürdigend empfunden wurden.
Diese Entwicklungen haben das Verhalten potenzieller Nachwuchskräfte deutlich beeinflusst. Immer wieder habe ich hochqualifizierten Oberärztinnen und Oberärzten geraten, sich auf Chefarztstellen zu bewerben. Meist ohne Erfolg. Viele lehnten ab, um den beschriebenen Konflikten aus dem Weg zu gehen. Ähnliches zeigt sich auch im universitären Bereich: während früher zahlreiche Bewerbungen auf einen Lehrstuhl eingingen, berichten Kollegen heute von deutlich geringerer Resonanz – selbst bei renommierten Positionen. Zunehmend werden solche Stellen intern besetzt, was früher kaum vorstellbar war und die Innovationskraft ganzer Kliniken beeinträchtigen kann.
Wie geht es also weiter mit dem Chefarztberuf? Seine Attraktivität gründete sich einst weniger auf das Einkommen als vielmehr auf Unabhängigkeit und Gestaltungsmöglichkeiten. Wenn diese wieder gestärkt werden, könnte die Position auch künftig wieder an Bedeutung gewinnen.