Philosophie und Wissenschaft

Denn du bleibst

Über Sterne, Atome und die Frage, was von uns bleibt.

An manchen Winterabenden sitze ich nach der Sauna draußen. Es ist still. Über mir stehen die Sterne. Irgendwann kommt fast zwangsläufig dieselbe Frage: Was geschieht eigentlich, wenn wir sterben? Als Arzt habe ich viele Menschen sterben sehen. Als Naturwissenschaftler habe ich gelernt, dass die Natur nichts verschwendet.

Richard Feynman - einer der großen Physiker des 20. Jahrhunderts, der wesentliche Beiträge zum Verständnis der Quantenfeldtheorien geliefert hat - hat diesen Gedanken besonders schön beschrieben. Unser Körper besteht aus Atomen, die Milliarden Jahre alt sind. Sie entstanden im Inneren längst vergangener Sterne, lange bevor es die Erde gab. Kein einziges Atom wurde für uns erschaffen. Und während unseres Lebens gehören sie uns nicht einmal dauerhaft. Mit jedem Atemzug, mit jeder Mahlzeit, mit jeder abgestorbenen Hautzelle tauschen wir ständig Materie mit unserer Umwelt aus. Wir sind keine festen Gebilde, sondern eher ein Fluss von Atomen. Feynman hat seine Überlegungen sehr einleuchtend beschrieben am Beispiel einer Kerze. Was geschieht, wenn sie abbrennt? Wo bleibt das Wachs? Es ist nicht weg, sondern nur woanders, aufgetrennt in die Wachsbestandteile Kohlenstoff und Sauerstoff, die nun in der Luft sind. Irgendwo und irgendwann werden sie woanders wieder eingebaut. Jahrmillionen dauerndes Recycling. Nichts geht verloren.

Mit dem Tod endet deshalb nicht die Existenz dieser Atome. Es endet lediglich ihre besondere Ordnung – das, was wir einen Menschen nennen. Die Atome bleiben. Sie werden Teil der Erde, des Wassers und der Luft. Vielleicht wachsen sie irgendwann in einem Baum, einer Blume oder einem Vogel weiter. Vielleicht gelangen sie über viele Umwege in einen anderen Menschen. Irgendwann kehren sie sogar dorthin zurück, wo ihre Geschichte begann: in das Universum, aus dessen Sternen sie einst entstanden sind.

Mich tröstet dieser Gedanke. Nicht, weil ich glaube, dass ich als Person weiterlebe. Sondern weil ich mich nicht als etwas sehe, das vom Universum getrennt ist. Wir sind ein winziger Augenblick in einer Geschichte, die Milliarden Jahre vor uns begann und nach uns weitergeht.

Wenn ich nachts in den Himmel schaue, habe ich deshalb nicht das Gefühl, auf die Sterne zu blicken. Ich habe eher das Gefühl, nach Hause zu sehen.

Aus diesem Gedanken entstand später die beiden Lieder „Denn du bleibst“ und „Alles und nichts“.