Philosophie und Wissenschaft

Warum gibt es überhaupt etwas?

Es gibt Fragen, die uns irgendwann im Leben einfach überfallen. Meist passiert das ganz unvermittelt. Zum Beispiel wenn man nachts auf der Terrasse sitzt und in den Sternenhimmel schaut. Dann frage ich mich manchmal: Warum gibt es das alles eigentlich? Warum existieren Sterne, Galaxien, Planeten und wir selbst? Oder noch radikaler: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht einfach garnichts?

Je länger man darüber nachdenkt, desto verrückter erscheint die Frage. Zunächst scheint sie banal zu sein. Natürlich gibt es etwas. Wir leben schließlich mittendrin. Aber gerade das ist der Punkt. Wir haben uns so sehr an unsere Existenz gewöhnt, dass wir sie für selbstverständlich halten. Dabei wäre doch das Einfachste, könnte man meinen, dass überhaupt nichts existiert. Kein Universum, keine Materie, kein Licht, keine Zeit und kein Raum. Gar nichts.

An dieser Stelle lässt uns unsere Vorstellungskraft im Stich. Die meisten Menschen stellen sich unter dem Nichts einen dunklen, unendlich großen Raum vor. Aber das ist schon kein Nichts mehr. Ein leerer Raum ist immer noch ein Raum. Man könnte sich in ihm bewegen oder Licht durchschicken. Ein wirkliches Nichts wäre viel radikaler. Es gäbe weder Raum noch Zeit, weder Materie noch Energie und nicht einmal Naturgesetze. Einfach NICHTS. Eigentlich können wir uns ein solches Nichts gar nicht vorstellen. Unser Gehirn ist wohl nicht dafür gebaut.

Man könnte meinen, die Wissenschaft habe diese Frage längst beantwortet. Vor etwa 13,8 Milliarden Jahren hat der Urknall stattgefunden, und damit sei alles erklärt. Tatsächlich beschreibt die Urknalltheorie ziemlich genau, wie sich unser Universum seit frühester Zeit entwickelt hat. Sie erklärt aber nicht, warum überhaupt ein Universum existiert. Das ist ungefähr so, als würde ein Botaniker die Entwicklung eines Apfelbaums vom Samen bis zur reifen Frucht beschreiben. Am Ende weiß man viel über den Baum, aber immer noch nicht, warum überhaupt ein Samen vorhanden war.

Hier bringt man häufig die Quantenphysik ins Spiel. In populärwissenschaftlichen Büchern liest man, das Universum sei aus dem Nichts entstanden. Das trifft aber nicht den Punkt. Wenn Physiker vom Vakuum sprechen, meinen sie nicht das absolute Nichts. Ein Quantenvakuum besitzt Eigenschaften und folgt Naturgesetzen. Es ist eher eine leere Bühne als gar keine Bühne. Die Schauspieler fehlen zwar noch, aber das Theater steht bereits. Die eigentliche Frage ist dann: Warum gibt es überhaupt eine Bühne?

Bertrand Russell, der Begründer der analytischen Philosophie, hat diese Frage 1948 ganz locker so beantwortet: "Ich würde sagen, das Universum ist einfach da, und das ist alles." Vielleicht existiert das Universum einfach. Russell weist dabei auf etwas hin, das wir im Alltag ständig übersehen. Wir gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass alles eine Ursache haben muss. Geht eine Scheibe zu Bruch, suchen wir den Stein. Springt das Auto nicht an, suchen wir den Defekt. Dieses Denken hat uns weit gebracht, denn es bildet die Grundlage jeder Naturwissenschaft. Daraus folgt aber nicht zwangsläufig, dass auch die Existenz des Universums selbst eine Ursache besitzen muss. Vielleicht endet jeder Erklärungsversuch irgendwann bei einer Tatsache, die sich nicht begründen lässt.

Mich fasziniert an dieser Überlegung vor allem eins. Die Wissenschaft ist heute in der Lage zu erklären, wie Sterne entstehen, wie Galaxien wachsen und wie sich auf einem kleinen Planeten Leben entwickeln konnte. Sie kann sogar beschreiben, was in den ersten Augenblicken des Universums geschah. Aber auf die vielleicht einfachste aller Fragen hat sie bis heute keine Antwort. Warum gibt es überhaupt etwas? Ich finde das nicht als Schwäche der Wissenschaft, sondern als ihre größte Stärke. Sie weiß extrem viel, behauptet aber nicht, alles zu wissen.

Vielleicht werden unsere Enkel einmal über diese Frage lächeln, so wie wir heute über die Menschen lächeln, die Blitze für göttliche Zeichen hielten. Vielleicht werden sie aber auch feststellen, dass manche Fragen grundsätzlich unbeantwortbar sind. Im Augenblick weiß das niemand. Sicher ist nur eines: Von allen Fragen, die wir Menschen stellen können, erscheint mir keine größer als diese. Nicht weil sie beantwortet werden kann, sondern weil sie uns bewusst macht, wie erstaunlich es überhaupt ist, dass wir existieren und in der Lage sind, sie zu stellen.