Der Dschungel

Über Förderer, Kronprinzen, Macht und den langen Weg eines Einzelkämpfers.

Wer glaubt, Universitätskliniken seien Orte, an denen allein Leistung, Anstand und wissenschaftliche Qualität über Karrieren entscheiden, der überschätzt das System. Natürlich gibt es dort außergewöhnliche Menschen – fachlich brillant und menschlich vorbildlich. Ich hatte das Glück, einigen von ihnen zu begegnen. Aber sie prägen nicht zwangsläufig die Spielregeln.

Schon der Weg zu einer Professur gleicht einem Dschungel. Von außen wirkt alles transparent: Ausschreibung, Gutachten, Berufungskommission. Tatsächlich beginnen viele Entscheidungen lange vorher. In fast jedem Fach gibt es einige wenige Meinungsführer. Sie telefonieren miteinander, treffen sich auf Kongressen oder sitzen gemeinsam in Fachgesellschaften. Dort entsteht häufig ein stilles Einvernehmen darüber, welcher ihrer Zöglinge welchen Lehrstuhl bekommen soll. Die späteren Berufungsverfahren bestätigen diese Entscheidungen oft eher, als dass sie sie treffen.

Wer einen solchen Förderer besitzt, hat erheblichen Vorteile. Fehlt einem künftigen Bewerber beispielsweise Erfahrung in der Neonatologie oder Knochenmarktransplantation, wird er für einige Monate auf die entsprechende Station versetzt. Ob er dort tatsächlich gearbeitet oder den größten Teil der Zeit woanders verbracht hat, spielt später kaum noch eine Rolle. Im Lebenslauf steht die Station jedenfalls drin.

Auch wissenschaftlicher Wettbewerb ist nicht immer nur wissenschaftlich. Manchmal landet ein Forschungsantrag ausgerechnet bei einem Gutachter, dessen eigener Kandidat mit dem Antragsteller konkurriert. Manchmal verschwindet ein Manuskript nach einer vernichtenden Begutachtung für viele Monate in der Schublade. Als junger Oberarzt versteht man solche Zusammenhänge zunächst überhaupt nicht. Man wundert sich lediglich, warum Manches scheinbar grundlos scheitert. Erst Jahre später erkennt man, dass wissenschaftliche Auseinandersetzungen nicht selten Stellvertreterkriege sind. Getroffen werden nicht die Professoren selbst, sondern ihre Schüler.

Ich hatte in diesem System einen entscheidenden Nachteil: Ich gehörte keiner der großen Schulen an. So ging es auch Klaus-Michael Debatin. Unsere Alma mater Heidelberg verfügte damals noch nicht über eine der einflussreichen pädiatrisch-onkologischen Schulen, wie sie in Hannover, Münster oder Tübingen existierten. Wir hatten keinen Fürsprecher, der zum Telefon griff und unseren Namen ins Spiel brachte. Wir mussten uns unsere Positionen ohne solche Netzwerke erarbeiten.

Vielleicht war ich dafür auch einfach der falsche Mensch. Ich war nie besonders geschickt darin, mich anzupassen. Ich konnte schlecht taktieren, schlecht intrigieren und noch schlechter Beziehungen pflegen, nur weil sie meiner Karriere nützen könnten. Ich war eher ein Einzelkämpfer. Für die Wissenschaft war das manchmal hilfreich. Für akademische Karrieren eher nicht.

Als ich schließlich selbst Ordinarius wurde, lernte ich die andere Seite kennen. Erst dann versteht man wirklich, wie Fakultäten funktionieren. Man erlebt Bündnisse, Loyalitäten, alte Rechnungen und persönliche Feindschaften, die manchmal Jahrzehnte überdauern. Nach außen treten alle höflich und kollegial auf. Hinter verschlossenen Türen wird jedoch mit einer Härte gekämpft, die mich immer wieder überrascht hat.

Meine Berufung nach Göttingen wurde vom damaligen Vorstand gegen den Wunsch der Fakultät durchgesetzt. Den Konflikt trug man allerdings nicht offen aus. Stattdessen erschienen zahlreiche Kollegen nicht zu meiner Antrittsvorlesung. Man ließ sich entschuldigen. Offiziell hatte man wichtigere Termine. Dieses Verhalten begegnete mir später immer wieder. Offene Auseinandersetzungen waren selten. Viel häufiger kämpfte man indirekt. Man sprach nicht über Professor Müller oder Professor Meier, sondern über „Professor X“. Jeder wusste, wer gemeint war. Niemand musste Verantwortung für seine Worte übernehmen. Aus meiner Sicht ziemlich feige. Ich bin deshalb mit dieser Kultur nie so richtig warm geworden. Vielleicht war ich dafür nicht akademisch genug. Oder einfach zu naiv.

Ich habe Menschen kennengelernt, die hervorragende Ärzte, Wissenschaftler und Führungspersönlichkeiten waren. Ich habe aber auch erlebt, dass manche ihren Lehrstuhl mit derselben Konsequenz verteidigten, mit der andere ihr Revier verteidigen. Nicht die Medizin stand dann im Mittelpunkt, sondern Macht, Einfluss und die eigene Stellung. Diese Welt war nie meine.

Als ich später Göttingen verließ und nach Berlin ging, spielten viele Gründe eine Rolle. Einer davon war die Erkenntnis, dass mir meine Gesundheit wichtiger war als meine Position. Einige Kollegen sagten damals zu mir: „Das würde ich auch gern tun.“

Sie blieben trotzdem.