† 1976
Über Heiner habe ich in den Geschichten über meine Kindheit und Jugend bereits viel erzählt. Er war damals mein bester Freund. Wir besuchten gemeinsam das Gymnasium in Bernkastel, bis Heiner nach der mittleren Reife die Schule verließ. Ich blieb auf dem Gymnasium, er ging nach Frankfurt und begann dort eine Lehre beim Fernmeldeamt. Ziemlich bald merkte er jedoch, dass das auf Dauer nicht das Richtige für ihn war.
Nach seiner Zeit beim Fernmeldeamt leistete Heiner zunächst seinen Wehrdienst ab. Anschließend kehrte er nach Frankfurt zurück, besuchte eine Abendschule und begann, sein Abitur nachzuholen. Danach wollte er Architektur studieren. Das hätte gut zu ihm gepasst. Heiner hatte eine ausgeprägte künstlerische Ader, konnte sehr gut zeichnen und hatte in Frankfurt Freude daran gefunden, kleine Figuren zu modellieren. Auf dem Foto hält er eine davon in der Hand.
An den Wochenenden kam Heiner häufig nach Morbach. Wir hatten damals eine gemeinsame Plattensammlung und kauften unsere Langspielplatten zusammen. Heiner hatte in Frankfurt natürlich einen großen Vorteil. Dort kam er viel leichter an die neuesten Platten heran als ich in Morbach. So entstand mit der Zeit eine beachtliche Sammlung, die wir an den Wochenenden gemeinsam hörten. Manchmal hörten wir die Musik auch bei den Amerikanern in einer der kleinen Hütten oben im Deckerdorf. Sie hatten die neuesten Stereoanlagen aus den USA. Da klangen „Dazed and Confused“ oder „Whole Lotta Love“ von Led Zeppelin noch einmal ganz anders als auf unseren eigenen, scheppernden Lautsprechern. Und mit Haschisch im Blut klang das alles noch einen Tick besser. Damals fühlten wir uns als Freaks. Die langen Haare hatten wir jedenfalls auch schon.
Irgendwann während seiner Zeit an der Abendschule bekam Heiner Beinschmerzen. Zunächst hatte ich davon gar nicht viel mitbekommen. Auch sonst wirkte er etwas kränklich. Es waren eher banale Infekte, die er aber nie mehr so richtig loswurde.
Eines Tages kam es zur Katastrophe. Heiner stieg im Elternhaus Unter der Lay die Treppe hinunter, sackte ein und stürzte. Er hatte fürchterliche Schmerzen und konnte nicht mehr auftreten. Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass sein Oberschenkelknochen gebrochen war. Bei einem jungen Mann von etwa 21 Jahren ohne entsprechendes Trauma war das extrem ungewöhnlich.
Im Brüderkrankenhaus in Trier erkannte man bald, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Fraktur handelte. Im Knochen befand sich eine Geschwulst, die dort nicht hingehörte und den Oberschenkel so stark geschwächt hatte, dass er ohne einen entsprechenden Unfall gebrochen war. Heiner wurde deshalb an die Orthopädische Universitätsklinik in Frankfurt überwiesen.
Dort wurde er operiert. Soweit ich mich erinnere, erhielt er dabei ein künstliches Hüftgelenk. Die feingewebliche Untersuchung bestätigte, dass es sich um einen bösartigen Tumor handelte. Zunächst blieb jedoch unklar, um welche Tumorart es sich handelte und woher die Geschwulst ursprünglich gekommen war.
Schließlich fand man einen Tumor in der Ohrspeicheldrüse. Ob dies noch in Trier oder erst in Frankfurt geschah, lässt sich heute nicht mehr sicher sagen. Ich glaube, dort war auch eine kleine Schwellung zu erkennen. Der Tumor sollte entfernt werden. Vor der Operation hatte Heiner große Angst. Durch die Ohrspeicheldrüse verläuft der Gesichtsnerv. Wird dieser Nerv bei einer Operation verletzt oder muss er durchtrennt werden, kann eine Hälfte des Gesichts gelähmt bleiben.
Fast noch schlimmer als die medizinischen Probleme war der damalige Umgang mit einer solchen Krankheit. Heiner war erwachsen, aber man sagte ihm nicht offen, was mit ihm los war. Besonders seine Mutter konnte mit der Vorstellung, dass ihr Sohn möglicherweise sterben würde, kaum umgehen. Vielleicht wollte sie ihn nur schützen mit einer Art magischem Denken: Wenn man es nicht ausspricht, existiert es auch nicht. Hinzu kam, dass Krebs damals noch stärker als heute mit einem Makel verbunden war. Schon als Heiners Großvater 1964 an Lungenkrebs starb, war die Krankheit mit Scham und Verschweigen verbunden gewesen.
Heiners Mutter hätte in dieser Situation wohl selbst Beistand gebraucht. Besonders viel bekam sie davon offenbar nicht. Der Pastor versuchte sie mit dem Satz zu trösten: „Wen Gott besonders liebt, den holt er besonders früh zu sich.“ Besonders hilfreich war das nicht. Um Heiner herum entstand so eine Atmosphäre der Geheimniskrämerei. Natürlich wusste er längst, dass er keine harmlose Erkrankung hatte. Er spürte, wie schlecht es um ihn stand. Trotzdem wurde hinter verschlossenen Türen gesprochen, während man ihm gegenüber so tat, als dürfe das Entscheidende nicht ausgesprochen werden.
Auch wir Freunde sollten mit Heiner nicht offen über seine Krankheit reden. Für mich war das eine schlimme Situation. Als Außenstehender wollte ich mich nicht über den Willen seiner Mutter hinwegsetzen. Gleichzeitig merkte ich, dass wir Heiner mit diesem Schweigen keinen Gefallen taten. Zwischen ihm und den Menschen, die ihm nahestanden, entstand eine Wand. Wir waren bei ihm, konnten aber nicht über das sprechen, was ihn am meisten beschäftigte.
Als es Heiner schon sehr schlecht ging, wollte er noch einmal Silvester von 1975 auf 1976 mit seinen Freunden feiern. Wir trafen uns bei ihm zu Hause. Heiner lag im Bett, und etwa zehn von uns saßen um ihn herum. Wir versuchten, fröhlich zu sein, machten unsere Scherze und gaben uns Mühe, eine möglichst normale Silvesterfeier daraus zu machen. Es war nicht leicht. Wir wussten alle, wie krank Heiner war. Es wurde sein letztes Silvester.
Ich besuchte ihn später noch einmal, als die Metastasen bereits überhandgenommen hatten. Eine davon lag hinter seinem Auge und drückte es nach vorne. Als ich ihn sah, kam er mir beinahe wie ein Fremder vor. Für ihn selbst muss es noch viel schlimmer gewesen sein. Er wusste, dass sein Leben zu Ende ging, und trotzdem sprach niemand offen mit ihm darüber. Seine Schwester Waltraut schrieb mir später, dass es Mut und Liebe gebraucht habe, ihn damals noch zu besuchen. Ich habe darüber nie auf diese Weise nachgedacht. Heiner war mein Freund. Trotzdem zeigt ihre Bemerkung, wie schwer es damals für alle war, ihm in dieser letzten Zeit zu begegnen.
Im Februar 1976 starb Heiner. Er war gerade einmal 23 Jahre alt.
Bis heute tut es mir leid, dass ich damals nicht offen mit ihm sprechen konnte. Ich hätte ihm gerne gesagt: „Ja, Heiner, du musst diesen schweren Weg gehen. Aber wir wissen darum, und wir stehen dir bei.“ Stattdessen blieb diese Wand zwischen ihm und uns.
Manchmal frage ich mich, ob meine spätere Berufswahl wirklich so zufällig war, wie ich lange geglaubt habe. Ich hatte mich nicht bewusst deshalb für die pädiatrische Onkologie entschieden, weil Heiner an einem bösartigen Tumor gestorben war. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass ich später genau dort landete, wo ich mir damals einen anderen Umgang mit einem schwer kranken jungen Menschen gewünscht hätte.
In meinem Berufsleben habe ich versucht, es anders zu machen. Jugendliche und junge Erwachsene müssen wissen, woran sie sind. Sie müssen in die Gespräche und Entscheidungen einbezogen werden und dürfen nicht das Gefühl bekommen, dass hinter ihrem Rücken über sie getuschelt wird. Offenheit bedeutet nicht, einem Menschen jede Hoffnung zu nehmen. Wenn die Wahrscheinlichkeit zu überleben nur zwanzig Prozent beträgt, kann man trotzdem zu diesen zwanzig Prozent gehören und wieder gesund werden. Aber auch eine solche Hoffnung kann nur auf Ehrlichkeit beruhen.
Das gilt ebenso für die Eltern. Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher fragt: „Werde ich sterben?“, darf man dieser Frage nicht ausweichen. Man muss ehrlich antworten – in einer Sprache, die dem Alter und der Situation entspricht. Der Patient muss spüren, dass er nicht ausgeschlossen wird und den Weg nicht allein gehen muss.
Als ich Waltraut diese Geschichte schickte, schrieb sie mir, dass die Erinnerungen auch nach so langer Zeit noch immer sehr aufwühlend für sie seien. Hilfreich sei es, sich an die schönen Episoden zu erinnern. Deshalb gehört zu dieser Geschichte nicht nur der schwer kranke Heiner in seinem Bett. Zu ihr gehört auch der Heiner mit den langen Haaren, den neuesten Platten aus Frankfurt, seinen Zeichnungen und den kleinen Figuren, die er modellierte.
Heiner war ein toller Mensch. Er ist viel zu früh von uns gegangen. Und so schlimm seine Krankheit war: Auch die Art, wie damals mit ihm darüber gesprochen – oder besser gesagt nicht gesprochen – wurde, ist mir bis heute geblieben.