Kein roter Faden

Wenn man heute auf mein Berufsleben zurückblickt, könnte man glauben, dass es einen Plan gab. Medizinstudium, Wissenschaft, Amerika, Heidelberg, Professur, mehrere Chefarztstellen und am Ende noch ein Ausflug in die Welt der medizinischen Start-ups. Ein Lebenslauf mit einem roten Faden. Es gab aber keinen.

Dass ich überhaupt Medizin studieren konnte, hatte ich einem Losentscheid zu verdanken. Wahrscheinlich war das der größte und unerwartetste Gewinn meines Lebens. Ohne ihn wäre alles, was danach kam, nicht gekommen. Was stattdessen aus mir geworden wäre, weiß ich nicht. Wahrscheinlich irgendetwas Vernünftiges. Jedenfalls kein Kinderarzt.

Im Studium hatte ich mich zunächst hoffnungslos unterlegen gefühlt. Viele meiner Kommilitonen schienen besser vorbereitet, selbstsicherer und für dieses Studium geeigneter zu sein als ich. Dieses Gefühl hätte mich lähmen können. Stattdessen hat es mich aber angetrieben. Ich arbeitete mehr, als ich es mir selbst zugetraut hätte, und legte schließlich mein Examen mit Auszeichnung ab. Der Losentscheid hatte mir den Platz verschafft. Bestehen musste ich allein.

Danach wollte ich eigentlich Anästhesist werden. Ich hatte erfahren, dass man wissenschaftlich arbeiten sollte, wenn man als Arzt an einer Universität bleiben wollte. Besonders geeignet seien dafür die Pathologie oder die Pharmakologie. Von Wissenschaft verstand ich damals null. An der Gießener Klinik für Anästhesiologie unter Professor Hempelmann war vorgesehen, dass einer seiner Mitarbeiter für einige Zeit in der Pharmakologie wissenschaftlich arbeiten sollte. Der Mitarbeiter fiel aus, Hempelmann brauchte Ersatz und fragte mich. So ging ich in die Pharmakologie.

Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einließ. Wissenschaftliche Fragestellungen, Versuchsplanung, Labormethoden und Publikationen waren für mich böhmische Dörfer. Trotzdem sprang ich einfach hinein. Was zunächst nur als nützliche Zwischenstation für eine universitäre Laufbahn gedacht war, begann mir zu gefallen.

Dann schlug Sucharit Bhakdi vor, unsere ersten Ergebnisse an Nature zu schicken. Der Name sagte mir wenig. Für mich war Nature ungefähr das Gleiche wie das Deutsche Ärzteblatt, nur auf Englisch. Wir schickten die Arbeit hin, und sie wurde angenommen. Meine erste wissenschaftliche Publikation erschien mit mir als Erstautor in einem der international renommiertesten Wissenschaftsjournale. Viel besser konnte eine wissenschaftliche Laufbahn nicht beginnen.

Ich hatte Gefallen an der Forschung gefunden. Nur die Endorphine, mit denen ich mich beschäftigte, langweilten mich allmählich. Krebsforschung erschien mir wesentlich interessanter. Dazu kam ein weiterer günstiger Umstand: Meine Schwester Ulli lebte in San Jose im Silicon Valley, etwa sechzig Kilometer südlich von San Francisco. Damit gab es in Kalifornien zumindest einen familiären Anlaufpunkt. Ich bewarb mich deshalb gezielt in der Gegend um San Francisco. Meine wissenschaftlichen Arbeiten aus Gießen öffneten mir die Tür zu einem der damals weltweit führenden Labors für die Erforschung von Wachstumsfaktoren. So kam ich nach San Francisco.

Die erste Zeit dort war alles andere als glücklich. Meine Versuche funktionierten nicht, ich kam wissenschaftlich nicht voran und geriet in eine ziemlich depressive Phase. Zeitweise sah es so aus, als sei der große Sprung nach Amerika vor allem ein Sprung ins Leere gewesen. Irgendwann gelangen die Experimente doch. Von da an wurde San Francisco zu einer der schönsten Zeiten meines Lebens.

Nach drei Jahren kehrte ich nach Deutschland zurück. Ich wollte weiter Krebsforschung betreiben, gleichzeitig aber endlich eine klinische Ausbildung beginnen. Für diese Kombination kam eigentlich nur Heidelberg infrage. In San Francisco lernte ich Manfred Schwab kennen, der gerade den Ruf in eine eigene Abteilung am Deutschen Krebsforschungszentrum erhalten hatte. Er fragte mich, ob ich Lust hätte, mitzukommen und ich sagte ja.

Nun brauchte ich aber irgendwann eine klinische Stelle. Da sich das DKFZ direkt gegenüber der Heidelberger Kinderklinik befand und ich mich in meiner bisherigen Forschung unbeabsichtigt immer wieder mit pädiatrischen Themen beschäftigt hatte, fragte ich dort nach. Zufällig war eine Stelle frei. So wurde ich Kinderarzt.

Wissenschaftlich war ich zu diesem Zeitpunkt bereits weit gekommen. Klinisch konnte ich dagegen fast nichts. Ich hatte in angesehenen Laboren gearbeitet und in bedeutenden Zeitschriften publiziert, stand aber in der Kinderklinik wieder ziemlich am Anfang. Wie ein Sextaner. Während ich im Labor selbstständig arbeitete, musste ich in der Klinik vieles lernen, was für andere längst selbstverständlich war. Auch diese Zeit ist in den entsprechenden Geschichten ausführlicher erzählt.

Dann kam Marburg. Dort war eine Klinische Forschergruppe geplant, deren vorgesehener Leiter nicht mehr zur Verfügung stand. Hansjörg Seyberth, der die Forschergruppe initiiert hatte, fragte mich, ob ich ihre Leitung und die damit verbundene Professur übernehmen wolle. Das Angebot schien genau zu mir zu passen: Forschung und Klinik unter einem Dach, dazu frühzeitig eine Professur. Ich sagte zu.

Die Forschergruppe scheiterte, und Marburg wurde nicht die glückliche Fortsetzung, die ich mir vorgestellt hatte. Trotzdem blieb etwas davon übrig. Ich gelangte vergleichsweise früh in die Position eines Oberarztes an einer Universitätskinderklinik. Außerdem musste ich mich noch einmal intensiv mit neonatologischer Intensivmedizin beschäftigen. Damals war ich davon nicht begeistert. Später, als ich selbst Kliniken leitete, in denen die Neonatologie eine wichtige Rolle spielte, erwies sich genau diese Erfahrung als ausgesprochen nützlich. Manches, was einem zunächst wie ein Irrweg erscheint, wird erst Jahre später zu einer Abkürzung.

Von Marburg ging ich nach Essen. Dort gab es weniger überraschende Wendungen. Mein Chef Werner Havers unterstützte mich, ich konnte klinisch und wissenschaftlich arbeiten, und es war einfach eine gute Zeit. Auch das kommt in einem Berufsleben vor. Danach begannen die Jahre der Bewerbungen. Ich erhielt mehrere Rufe, aber nicht den einen, den ich besonders gern bekommen hätte: Heidelberg. Schließlich wollte mich der damalige Vorstand der Universitätsmedizin Göttingen als Direktor der Pädiatrie I mit dem Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie haben. Ich nahm den Ruf an.

Göttingen begann verheißungsvoll und endete in einer Katastrophe. Die letzten Jahre dort waren von Auseinandersetzungen geprägt, die mit Medizin nur noch am Rande zu tun hatten. Ich war verzweifelt und zeitweise depressiv. Nach allem, was zuvor gelungen war, geriet ich beruflich in eine Situation, aus der ich keinen vernünftigen Ausweg mehr sah.

Dann kam Berlin. Das Angebot, nach Berlin zu wechseln, war neben dem Losentscheid zu Beginn meines Studiums wahrscheinlich die glücklichste Wendung meines Berufslebens. Ich durfte eine neue Kinderklinik planen. Die große Maren-Otto-Kinderklinik wurde später zwar nicht in der ursprünglich vorgesehenen Form verwirklicht, aber ich bekam dennoch eine nagelneue Klinik.

Vor allem war ich dort der einzige Chefarzt. Nach den Göttinger Erfahrungen war das keine Nebensache. Ich musste mich nicht mehr mit zwei anderen Klinikdirektoren darüber streiten, wem welche Betten, Mitarbeiter, Patienten oder Erlöse gehörten. Ich konnte entscheiden und die Klinik so organisieren, wie ich es medizinisch für richtig hielt. Damit fand mein eigentliches Berufsleben einen glücklichen Abschluss.

Frankfurt an der Oder war anschließend die Kür. Dorthin führte mich kein besonderer Zufall mehr. Ein Headhunter hielt mich aufgrund meiner Erfahrungen für den geeigneten Kandidaten, und ich übernahm noch einmal eine Klinik. Das war eine überschaubare Aufgabe für eine begrenzte Zeit.

Ganz zum Schluss verließ ich dann sogar die Klinik. Bei dem medizinischen Start-up medudoc wollte ich ursprünglich lediglich als Schreiber arbeiten. Übersichten und Lehrbuchartikel schreiben konnte ich schließlich. Beim Vorstellungsgespräch erklärte man mir jedoch, dafür sei ich weit überqualifiziert. Also wurde ich medizinischer Berater. Nach Jahrzehnten in Kinderkliniken lernte ich noch die Welt eines jungen Unternehmens kennen, mit Videokonferenzen, Investoren, Produktentwicklung und all den anderen Dingen, von denen ich vorher ebenfalls wenig verstanden hatte.

So wurde aus dem Losentscheid am Anfang tatsächlich eine runde Geschichte. Allerdings nicht, weil alles nach Plan verlief. Es verlief überhaupt nichts nach Plan. Einige Türen öffneten sich zufällig, andere musste ich selbst aufstoßen. Hinter manchen lag etwas Großartiges. Hinter anderen lag Marburg oder Göttingen.

Die Gedanken auf dieser Seite habe ich in einem meiner Songs musikalisch verarbeitet: „Was noch kommt“.

← Zurück zu Was geblieben ist