Wenn ich heute auf meine Zeit als Klinikdirektor zurückblicke, sehe ich vieles anders als damals. Ich habe Fehler gemacht. Wie sollte es auch anders sein? Ich war zum ersten Mal in einer Führungsposition dieser Größenordnung und hatte keinen Mentor, der mir erklärte, wie man so etwas macht. Also musste ich mir vieles selbst beibringen. Man lernt als Chef ziemlich schnell, dass man "dort oben" alleine ist und ehrliche Rückmeldungen selten werden. Mitarbeiter sind abhängig, Kollegen häufig Konkurrenten. Beide Gruppen sagen einem oft nicht, was sie wirklich denken. Die ehrlichsten Gespräche führte ich deshalb meistens zu Hause mit Hilde. Sie war mein "coach" undsagte mir schlicht ihre Meinung. Rückblickend war das wahrscheinlich meine wichtigste Form der Supervision.
Ich habe immer versucht, Menschen zu fördern. Nicht nur fachlich. Ich schrieb Forschungsanträge, vermittelte Stipendien an Bekannte und Freunde, stellte Kontakte zu Laboren in Deutschland und den USA her und sorgte dafür, dass junge Kollegen wissenschaftlich arbeiten konnten. Das gehörte für mich zu meinen schönsten Aufgaben. Es machte mir Freude zu sehen, wenn jemand seinen Weg fand. Die meisten gingen diesen dann auch. Manche bedankten sich dafür. Andere nie. Einige nutzten die Möglichkeiten, die ich ihnen verschafft hatte, um ganz andere Wege einzuschlagen. Einer nahm mit einem von mir vermittelten Stipendium eine völlig andere Stelle an. Ein anderer wechselte während eines von mir organisierten Forschungsaufenthaltes in ein anderes Labor. Ein anderer ging gleich nach seiner Rückkehr nach Deutschland zu meinem ehemaligen Oberarzt. Letzterer hatte eine Professur außerhalb von Göttingen angenommen, über die ich erst durch Zufall erfuhr, obwohl ich ihm mit viel persönlichem Aufwand eine Professur in Göttingen beschafft hatte.
Damals haben mich solche Dinge persönlich getroffen. Heute sehe ich sie gelassener. Menschen verfolgen ihre eigenen Ziele. Karrieren verlaufen selten geradlinig, und Loyalität ist im Klinik- und Wissenschaftsbetrieb oft nur so lange vorhanden, wie gemeinsame Interessen bestehen. Darüber sollte man sich nicht wundern. Eine Erfahrung hat mich allerdings nachdenklich gemacht. Nach meinem Ruhestand schrieb ich einigen früheren Mitarbeitern persönliche Zeilen. Mit einer Ausnahme erhielt ich keine Antwort. Anfangs empfand ich das als Enttäuschung. Heute glaube ich, dass ich meine Bedeutung überschätzt hatte. Für mich waren viele von ihnen über Jahre wichtige Wegbegleiter gewesen. Für sie war ich vermutlich nur ein Abschnitt ihres Berufslebens.
Das ist kein Vorwurf. Es ist wahrscheinlich einfach der Lauf der Dinge. Zum Glück gibt es Ausnahmen. Es gibt ehemalige Mitarbeiter, mit denen ich bis heute verbunden bin. Nicht, weil sie sich verpflichtet fühlen, sondern weil aus einem beruflichen Verhältnis im Laufe der Jahre gegenseitiger Respekt entstanden ist. Über diese wenigen freue ich mich mehr, als ich mich früher über die vielen geärgert habe, von denen nichts mehr kam. Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis: Respekt kann man sich erarbeiten. Dankbarkeit darf man nicht erwarten.