Blick auf die Golden Gate Brücke von Francisco. Ende 1984 begann hier für Hilde und mich ein neuer Lebensabschnitt.
1984
Noch bevor meine Promotionsarbeit abgeschlossen war, stand mein Entschluss fest: Ich wollte in den USA weiterforschen.
Ich war zwar nicht der geborene Wissenschaftler. Aber ich war neugierig. Mich faszinierte alles Neue. Forschung bedeutete, ständig an der Grenze des Wissens unterwegs zu sein, internationale Kontakte zu knüpfen und Entwicklungen oft Jahre früher zu sehen als andere. Das hatte einen besonderen Reiz.
Die Endorphinforschung, mit der ich mich in Gießen beschäftigt hatte, begann mich etwas zu langweilen. In anderen Bereichen überschlugen sich die Entwicklungen. Besonders aufregend war damals die Krebsforschung.
Wissenschaftler in den USA und Schweden hatten die DNA-Sequenz des krebserzeugenden Simian-Sarcoma-Virus entschlüsselt. Dabei zeigte sich etwas Überraschendes: Das Virus hatte im Laufe der Evolution einen Teil eines menschlichen Wachstumsgens in sein eigenes Erbgut übernommen. Es nutzte gewissermaßen körpereigene Wachstumsmechanismen für seine eigenen Zwecke.
Noch spannender war die Erkenntnis, die daraus entstand. Die sogenannten „Krebsgene“ waren gar keine fremden Gene. Es handelte sich um normale körpereigene Gene, die für Wachstum und Entwicklung verantwortlich sind, aber außer Kontrolle geraten können. Diese Entdeckung veränderte das Verständnis von Krebs grundlegend und wurde mit einem Nobelpreisbelohnt. Den Preisträger J. Michael Bishop sollte ich überraschend später kennen lernen.Ich fand das Thema ungeheuer spannend und beschloss, meine wissenschaftliche Zukunft in diesem Bereich zu suchen.
Mein Ziel war nun klar: Ich wollte als Postdoktorand in ein amerikanisches Labor wechseln, das sich mit Wachstumsfaktoren beschäftigte. Ich fand heraus, dass die führenden Arbeitsgruppen damals überwiegend ander Ost- oder Westküste der USA zu finden waren.
Zu dieser Zeit lebte meine Schwester Ulli bereits in Kalifornien. Sie war mit einem Amerikaner verheiratet und wohnte im Silicon Valley, etwa sechzig Kilometer südlich von San Francisco und nur wenige Kilometer von Stanford entfernt. Für Hilde und mich war schnell klar, dass wir in ihrer Nähe sein wollten.
Ich erkundigte mich also, welche Arbeitsgruppen in Nordkalifornien erfolgreich auf dem Gebiet der Wachstumsfaktoren arbeiteten. Zwei Labore kamen schließlich in die engere Wahl: eines an der Stanford University und das andere am Krebsforschungszentrum der University of California in San Francisco (UCSF).
Im Sommer 1984 flogen Hilde und ich in die USA. Wir wollten schauen, was uns in den USA erwarten würde. Es war überwältigend. Die Offenheit der Menschen, die Dynamik des Landes, die Möglichkeiten, die überall spürbar waren – all das beeindruckte uns. Amerika erschien uns damals wie ein Land, in dem fast alles möglich war.
Dazu trug auch unser Empfang bei.
Als wir am Flughafen von San Francisco ankamen, wartete dort nur meine Schwester Ulli auf uns. Von ihrem Mann Derek war nichts zu sehen. Sie erklärte beiläufig, er habe leider nicht kommen können, und wir sollten ihr einfach zum Auto folgen. Am Ausgang stand ein Chauffeur in Uniform neben einem Rolls-Royce Silver Shadow. Der Mann sah Derek ziemlich ähnlich.
Ulli fragte trocken: „Sollen wir den nehmen?“ Erst in diesem Moment begriffen wir, dass der Chauffeur tatsächlich Derek war.
Ullis Firma vertrieb Siliziumchips und verdiente damals richtig viel Geld. Die Mitarbeiter durften sich den Firmen-Rolls-Royce kostenlos ausleihen. Derek und Ulli hatten beschlossen, unsere Ankunft entsprechend zu inszenieren. So saßen Hilde und ich wenige Minuten später auf dem Rücksitz eines Rolls-Royce. Zwischen uns standen ein Sektkühler und zwei Gläser. Wir kamen uns vor Prinz Philip und Queen Elizabeth.
Derek kutschierte uns vom Flughafen direkt nach Downtown San Francisco zum Bank of America Building (BofA). Das BofA Building war damals das höchste Gebäude der Stadt. Es war Sonntag, die Straßen nahezu leer. Und wir blickten von oben über die Stadt, die Bucht und die Hügel von San Francisco. Ich weiß noch heute, wie überwältigt ich war. Ich hätte weinen können. So schön war dieser Empfang.
Und es ging gerade so weiter. Ulli hatte in eine Großfamilie eingeheiratet. Der Joosten-Clan waren in den Nachkriegsjahren von Wisconsin nach Kalifornien gezogen und hatten sich hier ihre Existenzen aufgebaut. Alle hatten es gut getroffen, besonders Ulli´s Schwiegeronkel Jim. Er hatte "Ernies Liqour", eine Spirituosenkette gegründet und es zu großem Wohlstand gebracht. Gleichzeitig waren seine Frau Ag und er total bescheiden geblieben. Und großzügig. Sie luden uns auf ihre Yacht ein, die im Hafen von San Francisco vor Anker lag. Wir waren erstmals auf dem Pazifik. In der Bay von San Francisco. Auf einer Yacht. Irre! Es war ein wunderschöner Sonntag. Unvergesslich.
Ulli und Derek waren beide berufstätig. Ihren Firmen ging damals blendend - und die Firmen gaben dies an die Mitarbeite weiter. Anders als heute. Über eine ihrer Firmen gab es ein Ferienhaus vergünstigt - oder sogar umsonst. Weiß ich nicht mehr genau. Jedenfalls lag das Haus direkt am Lake Tahoe, wo wir ein tolles Wochenende verbrachten. Abends gingen wir essen. Wer noch nicht in den USA war: das kann ein kleines Vermögen kosten, wenn man Trinkgelder in Höhe von (heutzutage) 20% des Verzehrs dazu rechnet. Ich fühlte mich verpflichtet, als Anerkennung für all die Wohltaten die Rechnung zu übernehmen. Dann kam die Rechnung: Über vierhundert Dollar. Wir waren damals arme Schlucker und hatten weder Erspartes noch andere Reserven. Und wir waren gerade mal am Anfang unseres Urlaubs mit insgesamt 500 US$ Urlaubsgeld. Mir wurde schlecht! Wie sollten wir den Rest des Urlaubs verbringen?
Ulli merkte sofort, was mit mir los war und übernahm die Rechnung. Ich war total erleichtert und ich glaube, das war für alle sichtbar. In diesem Moment nahm ich mir vor, dass ich Ulli diese wunderbare Geste irgendwann einmal erwidern würde. Meine tolle Schwester Ulli. Viele Jahre später konnte ich diesen Vorsatz umsetzen. Und es machte mir einen Riesenspaß!
Am Ende unseres Aufenthaltes entschieden wir uns für San Francisco. Dort arbeitete Denis Gospodarowicz, einer der weltweit führenden Forscher auf dem Gebiet der Wachstumsfaktoren. Er bot mir die Möglichkeit, in seinem Labor zu arbeiten.
Offenbar hatte ihn meine bisherige Publikationsliste überzeugt. Hinzu kam, dass er selbst Europäer war. Als Franzose war er einst als Postdoktorand in die USA gekommen und dort geblieben. Er kannte den Weg, den viele junge Wissenschaftler aus Europa einschlugen.
Allerdings gab es eine Bedingung: Die Finanzierung musste ich selbst mitbringen. Das war damals nichts Ungewöhnliches. Europäische Nachwuchswissenschaftler kamen häufig mit Stipendien in die USA. Sie waren zeitlich begrenzt im Land, hoch motiviert und für die amerikanischen Institute attraktiv. Zurück in Deutschland bewarb ich mich deshalb um ein Stipendium der Max-Kade-Foundation. Die Gutachter beurteilten das Vorhaben positiv, und wenige Monate später war alles geregelt.
Ich hatte eine Zusage aus San Francisco. Ich hatte ein Stipendium. Und ich hatte eine Frau, die bereit war, dieses Abenteuer mit mir zu wagen. Wir buchten ein Ticket mit TWA nach Oakland, auf der anderen Seite der Bucht von San Francisco. Wenig später begann mein neues Leben.
Ich war nun Postdoktorand in den Vereinigten Staaten – im Land der wissenschaftlichen Träume, in einem der besten Labore meines Fachgebietes. Mein Arbeitsplatz befand sich im 12. Stock des Forschungsgebäudes der UCSF mit Blick über San Francisco und den Pazifik. Fast jeden Tag schien die Sonne.
Und manchmal fragte ich mich, wie der Hunsrücker Lothar eigentlich hierher geraten war.
Was hätte es damals Besseres geben können?