Von Bali flogen wir zunächst zurück nach Jakarta und von dort weiter nach Bangkok. Es war noch hell, als wir ankamen. Lange hielten wir uns nicht auf. Wir schnappten uns ein Tuk-Tuk und ließen uns direkt zum Bahnhof fahren. Unser Ziel lag weit im Süden Thailands und am besten kam man dort hin mit dem Nachtzug. Ein kleines Abenteuer.
Der Bahnhof war ein einziges Gewimmel. Familien, Mönche, Backpacker, Händler – alle waren gleichzeitig unterwegs. Irgendwann durften wir einsteigen. Es gab Platzkarten. Zunächst saß jeder geschniegelt auf seinem Platz. Der Zug tuckerte gemütlich durch die Landschaft. Wir genossen es, all die tropischen Pflanzen und Bäume an uns vorbei ziehen zu sehen. Als der Abend näher rückte, verwandelte sich der ganze Zug.
Die Kinder wurden großzügig mit weißem Puder eingerieben, das gegen Hitze und Mücken helfen sollte. Überall wurden Essenspakete geöffnet. Es roch nach Reis, Gemüse und gebratenem Fleisch. Dann erschienen die Schaffner und klappten mit routinierten Handgriffen die Schlafplätze herunter. Aus den Sitzbänken entstanden kleine Kabinen mit Vorhängen. Und bald schlief der ganze Zug. Asiaten sind gut darin, rasch in den Schlaf zu fallen, wen sie mal liegen. Die Betten waren allerdings eher für zierliche Thailänder gebaut als für einen Hunsrücker mit 1,86 Metern. Entweder stieß ich mit den Füßen an oder mit dem Kopf – je nachdem, ob der Zug gerade beschleunigte oder bremste. Irgendwann fiel ich dann auch in den Schlaf. Gelernt habe ich, dass Thailänder sehr gesittet und ruhig sind. Es gab wenig Geschrei während der Nacht, auch nicht von den Kindern. Sehr angenehm. Auch aus diesem Grund mag ich die Thai-Mentalität.
Am frühen Morgen erreichten wir Surat Thani. Die Betten verschwanden wieder in der Wand, alle frühstückten noch. Und dann ging’s ab in den Bus zum Hafen. Koh Samui hatte damals noch keinen Flughafen. Jeder musste mit dem Schiff kommen. Was Vorteile hatte. Denn der Massentourismus mit all seinen Nachteilen und Verrückten existierte noch nicht. Wir saßen an Deck, halb verschlafen, halb euphorisch, und beobachteten die kleinen Inseln, die langsam an uns vorbeizogen. Genau diese Mischung aus Müdigkeit, salziger Luft und Vorfreude gehört bis heute zu meinen schönsten Reiseerinnerungen. Unser Ziel war Lamai Beach.
Unsere Hütte stand auf Stelzen. Luxus gab es keinen. Aber wir hatten alles, was wir brauchten. Das Bad erinnerte an Indonesien. Es gab keinen Wasserhahn und keine Dusche, sondern ein Mandi. Neben einem gemauerten Wasserbecken stand eine Kelle. Man schöpfte kaltes Wasser heraus und goss es sich über Kopf und Schultern. Anfangs erschien uns das etwas gewöhnungsbedürftig, nach zwei Tagen wollten wir gar nichts anderes mehr. Nach der tropischen Hitze war ein Mandi herrlich erfrischend.
Die Übernachtung kostete vielleicht fünf Dollar. Eine Flasche Singha-Bier ungefähr einen Dollar. Beides erschien uns unglaublich günstig. Beim Essen waren wir vorsichtig. Eiswürfel kamen für uns nicht infrage, ebenso wenig ungeschältes Obst. Dafür aßen wir ohne Bedenken an den kleinen Straßenständen. Was direkt vor unseren Augen frisch gekocht wurde, konnte kaum sicherer sein. Hier verliebten wir uns endgültig in die thailändische Küche. Besonders Tom Yam, die Kokossuppe mit Zitronengras, Galgant, Limettenblättern und Koriander, wurde schnell zu unserem Lieblingsgericht. Zusammen mit einem eiskalten Singha-Bier. Es gab wenig schöneres am Abend.
Abends trafen sich alle am Strand. Die Bungalowanlage zeigte jeweils einen Film. Ich glaube, an einem Abend lief sogar Easy Rider. Alles von CD´s und auf eine Leinwand projiziert. Und im Hintergrund rauschte das Meer.
Nach einigen Tagen wechselten wir hinüber nach Koh Phangan. Mit einem kleinen Boot erreichten wir die Insel und fuhren anschließend in einem offenen Sammeltaxi nach Haad Rin. Schon unterwegs kamen wir mit einer jungen Thailänderin ins Gespräch. Sie hatte eine Tüte Rambutans dabei und verteilte sie großzügig an alle Mitfahrer. Diese kleinen Gesten begegneten uns in Thailand immer wieder. Unser Bungalow lag ruhig am Rin Nai Beach. Das Wetter war inzwischen etwas wechselhaft geworden, aber das störte kaum. In der ersten Nacht wachten wir allerdings unsanft auf. Irgendetwas hatte mich in den Hals gebissen. Ich suchte alles ab, fand aber nichts. Hilde meinte, ich hätte wohl schlecht geträumt. Wir schauten im Bett und unter dem Bett nach. Und fanden nichts. Aber wenig später schrie Hilde plötzlich auf. Und da fanden wir die Missetäter: Unter unserem Kopfkissen wohnte eine Tausendfüßlermutter mit ihrem gesamten Nachwuchs. Offenbar hatten wir ihre Nachtruhe gestört. Ich nahm die Mutter und erledigte sie mit einer Nagelschere und dann war Ruhe.
Natürlich schauten wir uns auch den berühmten Haad Rin Beach an. Dort soll einige Jahre nach unserem Besuch der Film „The Beach“ mit Leonardo di Caprio gedreht werden sein. Zu unserer damaligen Zeit sammelten sich dort die schrägeren Gestalten. Hippies, Aussteiger, Kiffer, Nichtstuer und allerlei selbst ernannte Weltverbesserer. Die meisten liefen nackt herum und übten am Strand Schattenboxen. Das war nicht unsere Welt. Uns gefielen die kleinen Dörfer, die freundlichen Menschen und die Ruhe deutlich besser.
Die Rückfahrt vom Haad Rin Beach zum Baan Tai Pier im Westen der Insel entwickelte sich dann noch einmal zum spannendsten Teil unseres Thailandaufenthalts. Ein Gewitter zog auf, als wir mit einem der schmalen Longtail-Boote übersetzen wollten. Schon das Ablegen war schwierig. Der Motor setzte immer wieder aus, funktionierte aber bald. Wir mussten bei dem Sturm erst einmal um das von Klippen gesäumte Südostende der Insel herumkommen. Das war lebensgefährlich. Der starke Südwind drückte das Boot immer wieder gegen die Felsen der Landzunge. Mit viel Geschick schaffte der Bootsführer schließlich die enge Passage. Wir waren ein wenig erleichtert, dass wir diese Etappe gemeistert hatten. Aber unser Martyrium war noch nicht vorüber.
Draußen wartete hoher Seegang. Das kleine Boot sprang förmlich über die Wellen. Das raue Meer hatte keine Gnade mit uns. Unsere Rucksäcke lagen ungesichert auf dem Boot vorne und machten jeden Satz mit. Ich war mir sicher, sie würden irgendwann im Meer verschwinden. Als wir endlich völlig durchnässt in Thong Sala ankamen, waren wir alle ziemlich still geworden. Im Café nahe der Anlegestelle setzten wir uns erst einmal mit unseren Mitreisenden zusammen und zelebrierten die Tatsache, dass es uns noch gab.
Von dort ging es mit dem großen Schiff zurück nach Surat Thani und anschließend erneut im Nachtzug nach Bangkok. Zum Abschluss gönnten wir uns dort noch einige Tage. Wir besichtigten die Tempel, schlenderten durch die Einkaufsstraßen und kauften Dinge, die damals spottbillig waren – Kleidung, nachgemachte Uhren und allerlei Kleinigkeiten. Dank eines Stopover-Angebots der Thai Airways wohnten wir sogar in einem Fünf-Sterne-Hotel. Nach den einfachen Bungalows fühlte sich das richtig gut an.
Dann kam der Rückflug nach Frankfurt. Am Flughafen warteten unsere Familien. Besonders gefreut habe ich mich darüber, dass sogar mein alter KumpelAxel Hildebrandt gekommen war, mit dem ich allerhand lustige Zeiten in den Labors in Giessen und San Francisco erlebt hatte. Unsere sechs Wochen Weltreise waren vorbei. Und obwohl Deutschland sich in diesen sechs Wochen natürlich kein bisschen verändert hatte, fühlte es sich bei der Rückkehr doch ein wenig so an, als wären wir in einer anderen Welt gelandet.