Biologen und Mediziner

Warum dieselben Daten im Labor zu völlig unterschiedlichen Fragen führen können.

Im Labor von Manfred Schwab war ich zunächst der Mediziner unter Biologen. Das war eine ungewohnte Rolle. Bis dahin hatte ich eher erlebt, dass Mediziner auf Grundlagenforscher herabschauten. Jetzt saß ich auf der anderen Seite. Die Biologen hatten jahrelang nichts anderes gemacht als Forschung, kannten ihre Methoden, ihre Modelle und ihre Fachliteratur. Ich dagegen kam zwar aus San Francisco und hatte ein paar gute Arbeiten vorzuweisen, war aber in dieser Umgebung trotzdem derjenige, der nicht ganz dazugehört.

Es war nicht feindselig gemeint, sondern ein eher feines, manchmal kaum ausgesprochenes Gefühl. Da kommt einer aus der Medizin, hat im Labor gearbeitet, redet von Tumorzellen und Wachstumsfaktoren, denkt aber am Ende doch immer an Patienten. Für viele Biologen ist das eine verdächtige Abkürzung. Sie wollen das Phänomen verstehen, bevor jemand fragt, ob man daraus eine Therapie machen kann. Und damit haben sie nicht unrecht.

Ein Biologe kann sich an einer Beobachtung erfreuen, weil sie biologisch interessant ist. Warum verhält sich eine Zelle so? Welcher Signalweg ist beteiligt? Was passiert, wenn man dieses Gen ausschaltet oder jenes Protein hemmt? Das sind gute Fragen. Sie sind oft sauberer als die Fragen von Medizinern, weil sie nicht sofort an den Patienten herangezerrt werden. Grundlagenforschung braucht diese Geduld. Wer jede Entdeckung am nächsten Morgen in eine Therapie verwandeln will, macht meistens schlechte Wissenschaft und am Ende auch keine bessere Medizin.

Mediziner ticken trotzdem anders. Wenn ein Mediziner ein Phänomen sieht, fragt er fast automatisch: Was bedeutet das für Diagnose, Prognose oder Therapie? Kann man damit einen Patienten besser einschätzen? Kann man eine Behandlung verändern? Kann man erklären, warum ein Kind auf eine Therapie anspricht und ein anderes nicht? Diese Denkweise kann stören, aber sie kann auch nützlich sein. Sie verhindert nämlich, dass Forschung nur um sich selbst kreist.

Genau zwischen diesen beiden Welten bewegte ich mich in Heidelberg. Für die Biologen war ich zu klinisch, für die Kliniker später zu wissenschaftlich. Das klingt wie ein Nachteil, war aber vielleicht mein eigentliches Profil. Ich konnte mich für ein molekulares Detail interessieren, wollte aber am Ende wissen, ob dieses Detail für ein krankes Kind irgendeine Bedeutung hatte. Das machte manche Gespräche schwierig, aber es gab meiner Arbeit eine Richtung.

In San Francisco hatte ich gesehen, wie fruchtbar diese Verbindung sein konnte. Napoleone Ferrara war dafür das beste Beispiel. Er sah VEGF nicht nur als biologisch interessantes Molekül. Er verstand, dass übermäßige Gefäßbildung bei bestimmten Erkrankungen eine Rolle spielt. Aus einer Entdeckung wurde eine Anwendung, und aus der Anwendung wurden später Medikamente, die in der Augenheilkunde und Onkologie enorme Bedeutung bekamen. Das war für mich eine prägende Erfahrung. Eine Entdeckung ist nicht automatisch eine Therapie, aber manchmal ist sie der erste Satz einer sehr langen Geschichte.

In Heidelberg war diese Denkweise noch nicht selbstverständlich. Das DKFZ befand sich damals in einer Übergangsphase. Es gab ältere medizinische Strukturen, die mit moderner Molekularbiologie nicht viel anfangen konnten, und junge Gruppen, die neue Methoden und Fragen mitbrachten. Manfred Schwab gehörte zu denen, die die molekulare Tumorforschung ernsthaft nach Heidelberg brachten. Für mich war das ein Glück. Ich kam in ein Umfeld, in dem ich mich wissenschaftlich weiterentwickeln konnte, ohne den klinischen Bezug zu verlieren.

Die Arbeit am Neuroblastom zeigte diesen Unterschied sehr deutlich. Für einen Biologen war N-MYC ein spannendes Onkogen. Wie wird es reguliert? Was verändert es in der Tumorzelle? Welche Gene werden dadurch beeinflusst? Für mich waren diese Fragen ebenfalls interessant. Aber im Hintergrund stand immer: Warum haben Kinder mit hoher N-MYC-Aktivität eine schlechtere Prognose? Was macht diesen Tumor aggressiver? Kann man aus diesem Wissen irgendwann etwas ableiten, das den Kindern hilft?

Diese klinische Frage veränderte den Blick auf die Experimente. Wenn Neuroblastomzellen mit hoher N-MYC-Aktivität mehr Wachstumsfaktoren produzierten, dann war das nicht nur eine hübsche Zellkulturbeobachtung. Es konnte erklären, warum solche Tumoren biologisch anders auftreten. Die Zelle veränderte ihr eigenes Milieu. Sie gab sich Wachstumssignale. Sie wurde unabhängiger von normalen Kontrollen. Plötzlich verband sich ein molekularer Befund mit dem klinischen Bild eines aggressiven Tumors.

Natürlich muss man bei solchen Übertragungen vorsichtig sein. Das Labor ist nicht der Patient. Eine Zellkultur ist kein Kind. Man kann sich im Labor wunderbar täuschen, besonders wenn man zu gern an die eigene Hypothese glaubt. Aber ohne diese gedankliche Brücke zwischen Labor und Klinik bleibt vieles folgenlos. Man sammelt Daten, publiziert sauber und weiß am Ende doch nicht, warum es für die Medizin wichtig sein könnte.

Ich habe in Heidelberg gelernt, beide Seiten zu respektieren, auch wenn sie mich gelegentlich beide nervten. Die Biologen, weil sie manchmal so taten, als sei klinische Anwendung eine primitive Verunreinigung reiner Erkenntnis. Die Kliniker, weil sie umgekehrt oft Fakten auswendig lernten, ohne sich ernsthaft für die Mechanismen dahinter zu interessieren. Dazwischen stand ich, nicht immer elegant, aber zunehmend überzeugt, dass dieser Zwischenraum der richtige Ort für mich war.

Später hat mir diese Erfahrung sehr geholfen. In Marburg, Essen, Göttingen und Berlin musste ich immer wieder Menschen zusammenbringen, die unterschiedliche Sprachen sprachen: Kliniker, Wissenschaftler, Pflegekräfte, Geschäftsführer, Spender, Politiker, Eltern. In Heidelberg begann ich zu verstehen, dass Übersetzen eine eigene Fähigkeit ist. Man muss nicht nur wissen, was man selbst meint. Man muss auch begreifen, aus welcher Welt der andere kommt.

Vielleicht war das der eigentliche Gewinn dieser Zeit im DKFZ. Ich lernte nicht nur etwas über N-MYC, Neuroblastom oder Angiogenese. Ich lernte, dass gute Medizin mehr braucht als klinische Routine und gute Forschung mehr als elegante Methoden. Sie braucht Menschen, die zwischen den Welten gehen können, ohne sich in einer davon völlig einzurichten.