Der Weg durch den Botanischen Garten

Zwischen Kinderklinik und Labor lagen nur wenige Minuten – aber zwei völlig verschiedene Welten.

Im Neuenheimer Feld lagen die Wege dicht beieinander. Die Kinderklinik, das Deutsche Krebsforschungszentrum, theoretische Institute, Laborgebäude, Parkplätze, Hörsäle und dazwischen der Botanische Garten. Für die Universität war der Botanische Garten eine wissenschaftliche Einrichtung, für Studenten ein Ort mit Pflanzen, für Spaziergänger ein grünes Stück im Universitätsgelände. Für mich wurde er eine Art Schleuse.

Wenn ich in der Klinik Dienst hatte und die anderen mittags in die Mensa gingen, lief ich durch den Botanischen Garten zu meinem Labor. Es war kein langer Weg. Aber er hatte eine besondere Wirkung. Hinter mir lag die Kinderklinik mit ihren Hierarchien, Morgenbesprechungen, Visiten, Oberärzten, Stationsproblemen und dem dauernden Gefühl, klinisch noch nicht richtig ernst genommen zu werden. Vor mir lag das Labor, in dem ich wusste, was ich tat.

In der Klinik war ich anfangs unsicher. Ich wusste gerade einmal wie man NaCl buchstabiert und musste mir anfangs für die Morgenbesprechung genau aufschreiben, was ich sagen wollte. Ich hatte Bauchschmerzen, wenn ich wusste, dass ich vor der versammelten Mannschaft berichten musste. Ein falscher Begriff, eine unklare Formulierung, eine Lücke im klinischen Wissen – und schon konnte man davon ausgehen, dass man von jemandem bloßgestellt wurde.

Prof. Bremer hielt mich kurz. Andere lagen ihm mehr, zum Beispiel Emy, eine Kollegin auf der onkologischen Station. Klinisch eifrig, wissenschaftlich unterbelichtet. Sie hatte einen langfristigen Vertrag. Ich dagegen musste zittern, ob Bremer meinen Vertrag verlängern würde. In seiner Mecklenburg-Vorpommerschen Betonklotz-Mentalität ließ er kaum erkennen, ob ihn mein Anliegen überhaupt berührte. Meine Stelle würde in wenigen Wochen auslaufen und er meinte, er könne nichts für mich tun. Für jemanden, der gerade versuchte, Klinik, Forschung, Familie und die eigene wissenschaftliche Existenz zusammenzuhalten, war das keine Nichtigkeit.

Nach diesem Gespräch ging ich nicht sofort zurück auf Station und auch nicht ins Labor. Ich ging in den Botanischen Garten und setzte mich auf eine Bank. Allein. Ich war verzweifelt. Alles erschien jetzt unsicher: die Klinik, die Forschung, der Vertrag, die Zukunft.

Der Botanische Garten war in diesem Moment ein Zufluchtsort. Ich saß einfach im Grünen und ließ die Sache sacken. Keine Mittagsbesprechung, kein Oberarzt, kein Telefon, kein Patient, keine Laborfrage. Nur eine Bank, ein paar Pflanzen und meine Ängste vor der Zukunft. Für einen Moment war ich aus der Mühle heraus.

Am Ende bekam ich gerade rechtzeitig meine Stellenverlängerung. Wie so oft in Universitätskliniken war vorher viel Unsicherheit erzeugt worden, die am Ende vielleicht gar nicht nötig gewesen wäre. Ich verstand nicht, warum man einen Menschen, der arbeitete, publizierte, Anträge schrieb und sich in der Klinik durchkämpfte, so kurz halten musste.

Im Labor war das anders. Dort gab es auch Probleme, aber es waren meine Probleme. Eine Zellkultur wuchs nicht, ein Experiment musste wiederholt werden, ein Antrag musste geschrieben werden. Das alles war manchmal anstrengend, aber es war nicht fremd. Es war mein Gelände.

Der kurze Weg durch den Botanischen Garten war für mich mehr als eine Mittagspause. Er war ein Rollenwechsel. Auf der einen Seite war ich Assistenzarzt, der sich durch die Pädiatrie kämpfte. Auf der anderen Seite war ich Wissenschaftler, der aus den USA etwas mitgebracht hatte und in Heidelberg eine eigene Arbeitsgruppe aufbaute. Dazwischen standen Gewächshäuser, Bäume und Beete.

Im Labor angekommen, machte ich keine großen Sitzungen. Ich fragte, wie es lief. Was gibt es Neues? Wo hängt es? Welche Zellen sind gewachsen? Welche Fraktion hemmt? Was macht der Versuch? Es waren oft kurze Gespräche, manchmal zwischen Tür und Angel, aber sie hielten die Arbeitsgruppe zusammen. Wenn man nicht den ganzen Tag im Labor sein konnte, musste man eben in wenigen Minuten erfassen, was wichtig war. Das war vielleicht meine erste praktische Übung in knapper Führung.

Später als Chefarzt habe ich viele Besprechungen kurz gehalten. Das war kein Managementkonzept aus einem Seminarhotel. Das hatte seine Wurzeln in solchen Heidelberger Tagen. Ich hatte gelernt, dass man in begrenzter Zeit Entscheidungen treffen muss. Wer nur diskutiert, erzeugt noch keine Bewegung. Und wer alle Menschen ständig in Sitzungen festhält, verhindert oft genau die Arbeit, über die gesprochen wird.

Der Botanische Garten verband für mich auch zwei Denkweisen. In der Klinik musste ich schnell handeln, Patienten einschätzen, Anordnungen treffen, nachts Entscheidungen fällen. Im Labor musste ich langsamer denken, Kontrollen prüfen, Hypothesen verändern, Fehlerquellen suchen. Beides war notwendig, aber es hatte einen anderen Rhythmus. Der Weg dazwischen half mir, den Rhythmus zu wechseln, ohne völlig aus dem Takt zu geraten.

Natürlich war diese Doppelrolle nicht immer gesund. Man kann sich einreden, dass man besonders produktiv ist, wenn man mittags statt zu essen ins Labor läuft und abends zu Hause am Macintosh weiterarbeitet. Man kann sich auch einreden, dass Schlaf eine etwas überschätzte Einrichtung ist. Heidelberg war in dieser Hinsicht ein gutes Trainingslager für Selbstausbeutung. Ich war jung genug, um das eine Zeit lang für normal zu halten.

Trotzdem möchte ich diesen Weg nicht missen. Er steht für eine Phase, in der sich mein berufliches Leben endgültig zwischen Klinik und Forschung aufspannte. Ich war nicht mehr nur Laborwissenschaftler, aber auch noch kein selbstverständlicher Kliniker. Ich pendelte zwischen beiden Welten, und manchmal war dieses Pendeln anstrengend. Aber es war genau das, was mich weiterbrachte.

Wenn ich heute an Heidelberg denke, sehe ich oft diesen kurzen Weg. Kinderklinik im Rücken, Labor vor mir, dazwischen der Botanische Garten. Und manchmal sehe ich mich auf dieser Bank sitzen, allein mit meinem Kummer, wenige Wochen vor dem möglichen Ende meiner Stelle. Es ging weiter. Aber an diesem Tag wusste ich das noch nicht.