Das erste eigene Labor

Ein Antrag, ein Raum, eine technische Assistentin und der Kampf um ein paar Quadratmeter.

Ein eigenes Labor beginnt nicht mit einer feierlichen Übergabe. Jedenfalls nicht in Heidelberg. Da steht niemand mit einem Schlüsselbund vor einem frisch gestrichenen Raum und sagt: Herr Schweigerer, hier dürfen Sie nun die Wissenschaft voranbringen. Es beginnt eher mit einem Antrag, mit viel Papier, mit Warten und mit der leisen Hoffnung, dass irgendjemand am Ende sagt: Ja.

Ich hatte in der Kinderklinik eine Stelle, die klinisch und wissenschaftlich gedacht war. Eine Woche Klinik, eine Woche Forschung. Kaum hatte ich in der Klinik wieder halbwegs verstanden, was gerade los war, war ich wieder im Labor. Und wenn ich im Labor gerade einen Gedanken zu Ende gedacht hatte, musste ich wieder auf Station.

Trotzdem war diese Konstruktion für mich eine große Chance. Ich hatte Zeit, Anträge zur Förderung meiner Forschungsarbeiten zu schreiben. Und Anträge waren damals, wenn man jung war und etwas Eigenes aufbauen wollte, der einzige Weg aus der Abhängigkeit. Ohne Drittmittel war man jemand, der bei anderen mitarbeiten durfte. Mit Drittmitteln war man noch lange kein König, aber man hatte wenigstens ein kleines Stück eigenes Land.

Mein erster größerer Antrag wurde von der Deutschen Krebshilfe bewilligt. Das war für mich ein gewaltiger Schritt. Ich bekam eine Postdoc-Stelle und eine Stelle für eine technische Assistentin. Eine technische Assistentin hatte ich damit. Einen Postdoc würde ich suchen müssen. Was ich noch nicht hatte, war ein Labor.

In der Zwischenzeit war ich bei Andreas Habenicht und Peter Nawroth untergekommen. Die beiden hatten im Neuenheimer Feld Laborräume und waren in einer ähnlichen Situation wie ich: Rückkehrer, wissenschaftlich ehrgeizig, noch nicht oben angekommen, aber auch nicht mehr bereit, nur brav auf Anweisung zu arbeiten. Andreas Habenicht war in dieser Phase enorm hilfreich. Er half nicht mit großen Reden, sondern mit etwas viel Wertvollerem: Platz.

Habenicht und Nawroth
Peter Nawroth (links) und Andreas Habenicht (rechts)

Peter Nawroth war ebenfalls aus den USA zurückgekehrt und hatte erfolgreiche Arbeiten mitgebracht. Wir verstanden uns gut. Wir waren alle in diesem Zwischenbereich unterwegs, in dem man wissenschaftlich schon etwas vorweisen konnte, institutionell aber noch nicht viel galt. In Heidelberg war das eine eigene Lebensform: zu gut, um ignoriert zu werden, aber noch nicht wichtig genug, um automatisch Räume zu bekommen.

Denn Laborflächen waren keine neutralen Flächen. Sie waren kleine Königreiche. Irgendein Ordinarius hatte sie irgendwann bekommen, und wenn dort nur einmal in der Woche jemand eine Pipette schwenkte, galt der Raum als besetzt. Für Nachwuchswissenschaftler war das ärgerlich. Man hatte Ideen, Mitarbeiter und bewilligte Mittel, aber die Wissenschaft sollte offenbar vorzugsweise in der Luft stattfinden.

Es gab Kommissionen, Gespräche, Zuständigkeiten und all die anderen Einrichtungen, mit denen Universitäten Beweglichkeit vortäuschen. Irgendwann bekam ich tatsächlich einen Raum. Einen Raum. Nicht viel mehr. Aber für mich war das ein Anfang.

Meine erste technische Assistentin hieß Gudrun Fleischmann. Damit wurde aus dem Antrag plötzlich Alltag. Man musste nicht mehr nur überlegen, was man tun könnte. Man musste sagen, was getan werden sollte. Wenn die anderen mittags in die Mensa gingen, nahm ich den Weg durch den Botanischen Garten zu meinem Labor. Das war einer meiner schönsten Wege in Heidelberg, denn hier konnte ich innerlich umschalten. Hinter mir blieb die Klinik mit ihren Morgenbesprechungen, Hierarchien, Visiten und der dauernden Gefahr, von irgendeinem schlecht gelaunten Oberarzt vorgeführt zu werden. Vor mir lag das Labor.

Ich ging also mittags durch den Botanischen Garten, schaute im Labor nach dem Rechten und fragte: Wie läuft es? Was gibt es Neues? Wo hängt es? Das waren keine großen Laborbesprechungen mit Protokoll und Tagesordnung. Es waren kurze Gespräche, oft zwischen Tür und Angel. Aber sie waren wichtig. Sie hielten die Arbeit zusammen.

In diesem kleinen Labor entstand mein erstes Gefühl dafür, was wissenschaftliche Selbstständigkeit bedeutet. Es ging nicht nur um die Frage, ob ich ein Experiment verstand. Ich musste überlegen, welche Richtung wir einschlagen, welche Daten wir brauchen, welchen Antrag wir als Nächstes schreiben und wie wir aus einem kleinen Raum eine Arbeitsgruppe machen konnten, die ernst genommen wurde.

Es war alles improvisiert. Platz und Mittel waren knapp, die Zeit sowieso. Die Klinik nahm viel Raum ein, manchmal zu viel. Und trotzdem war diese Phase unglaublich produktiv. Vielleicht gerade deshalb. Wenn man nicht viel hat, überlegt man genauer, wofür man es verwendet. Verschwendung konnten wir uns nicht leisten. Weder bei Reagenzien noch bei Zeit.

Das erste eigene Labor war auch der Moment, in dem ich merkte, dass Forschung nicht nur aus Einfällen besteht. Ein guter Einfall ist schön, aber er reicht nicht. Man braucht Menschen, die ihn umsetzen. Man braucht Verlässlichkeit, Geld und Geduld. Und man braucht eine gewisse Sturheit, wenn wieder einmal jemand meint, dieser Raum werde eigentlich von jemand anderem gebraucht, der dort seit drei Jahren nichts mehr gemacht hat.

Später kam Theo Fotsis dazu, mein erster Postdoc. Mit ihm begann eine neue Phase, die noch ihre eigene Geschichte verdient. Aber bevor Theo kam, bevor Genistein, 2-Methoxyöstradiol und Nature kamen, gab es diesen ersten Raum, Gudrun Fleischmann, einen bewilligten Antrag und meinen mittäglichen Weg durch den Botanischen Garten.

Rückblickend war das vielleicht kein spektakulärer Anfang. Aber es war meiner. In Heidelberg wurde ich nicht nur jemand, der in einem Labor arbeitete. Ich wurde jemand, der ein Labor verantwortete. Und das war etwas völlig anderes.