Das erste Heidelberger Paper

Autokrine Wachstumsfaktoren, Zellkultur und der Moment, in dem aus San Francisco Heidelberg wurde.

Wissenschaft beginnt selten mit einem großen Satz. Meistens beginnt sie mit einer Frage, die erst einmal ziemlich klein aussieht. Bei mir lautete sie in Heidelberg: Was macht N-MYC eigentlich mit dem Wachstum von Neuroblastomzellen?

Das klang nicht spektakulär. Aber für mich war es genau die richtige Frage. Ich kam aus den USA, hatte dort mit Zellkulturen und Wachstumsfaktoren im Bereich der Tumorbiologie gearbeitet und stand nun im Labor von Manfred Schwab vor Neuroblastomzellen, die sich in einem entscheidenden Punkt unterschieden: Manche hatten wenig N-MYC, andere viel. Für einen Zellkulturmenschen war das ein ziemlich brauchbarer Einstieg.

Manfreds Gruppe hatte damit ein Modell geschaffen, das man nicht einfach in jeder Schublade fand. Man konnte vergleichen, wie sich Zellen mit niedriger und hoher N-MYC-Aktivität verhielten. Für mich war sofort interessant, ob diese Zellen sich nur schneller teilten oder ob sie auch ihre Umgebung veränderten. Tumorzellen sind ja keine passiven Objekte. Sie betreiben gewissermaßen Innen- und Außenpolitik.

Besonders interessierten mich Wachstumsfaktoren. Wenn eine Tumorzelle solche Faktoren produziert und dann selbst wieder darauf reagiert, entsteht ein autokriner Kreislauf. Die Zelle ruft sich selbst zu: weiter wachsen. Das ist biologisch elegant und medizinisch unerfreulich.

Also machte ich das, was man im Labor macht. Zellen wachsen lassen, Überstände sammeln, Aktivität messen, Kontrollen einbauen, wiederholen, zweifeln, noch einmal wiederholen. Die Ergebnisse passten zu meiner Vermutung. Die Neuroblastomzellen mit hoher N-MYC-Aktivität produzierten mehr Wachstumsfaktoren. Damit wurde aus dem prognostischen Marker N-MYC eine biologische Geschichte. Das Gen war nicht nur ein Schild an der Tumorzelle, auf dem „gefährlich“ stand. Es schien das Verhalten der Zelle tatsächlich zu verändern.

Für mich war das wichtig, weil es genau an der Schnittstelle lag, an der ich arbeiten wollte. Molekulare Veränderung, Zellbiologie, klinische Bedeutung. Ich hatte keine Lust, mich ausschließlich in eine Technik zu verlieben. Mich interessierte, was ein Befund für die Erkrankung eines Kindes bedeuten konnte. Das war vielleicht der Unterschied zwischen mir und manchen Grundlagenwissenschaftlern. Ich bewunderte gute Grundlagenforschung, aber ich wollte am Ende immer wissen, wohin sie führt.

Aus diesen Experimenten entstand mein erstes Heidelberger Manuskript. Wir reichten es bei Cancer Research ein, einer Zeitschrift, die in der Onkologie einen hohen Stellenwert hatte. Nicht ganz oben im akademischen Himmel, aber deutlich über der Baumgrenze. Für jemanden, der gerade erst aus den USA zurückgekommen war und in Heidelberg seinen Platz suchte, war das ein ordentlicher Anfang.

Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, wieder ein Manuskript zu schreiben. In San Francisco hatte ich gelernt, dass ein Paper nicht nur aus Daten besteht. Daten sind die Knochen. Aber ein Paper braucht auch eine Wirbelsäule. Man muss eine Geschichte erzählen, ohne Märchen zu schreiben. Was ist die Frage? Was ist die Beobachtung? Warum ist sie wichtig? Was darf man daraus schließen und was ausdrücklich nicht?

Dieses Handwerk hatte ich aus Denis Gospodarowicz´s Labor mitgebracht. Dort hatte ich gesehen, wie gute Wissenschaft präsentiert wird. Nicht bescheiden bis zur Unkenntlichkeit, aber auch nicht so, als habe man gerade die Schwerkraft abgeschafft. Das Manuskript war für mich mehr als eine Veröffentlichung. Es war der Beweis, dass ich meine Erfahrungen aus San Francisco in Heidelberg weiterführen konnte. Ich war nicht einfach zurückgekehrt und musste wieder bei null anfangen. Ich konnte etwas, das gebraucht wurde. Das tat gut.

Während ich im Labor zunehmend sicherer wurde, begann ich gleichzeitig in der Kinderklinik. Dort war ich nicht der Mann mit den Publikationen, sondern der Assistenzarzt, der morgens in der Besprechung sitzen und Rede und Antwort stehen musste. Im Labor konnte ich biologische Zusammenhänge erklären. In der Klinik konnte ich anfangs froh sein, wenn ich meine Notizen richtig sortiert hatte und nicht vor versammelter Mannschaft ins Schwimmen geriet.

Das erste Heidelberger Paper wurde so auch zu einem kleinen Gegengewicht. In der Klinik war ich der Wissenschaftler, der klinisch noch nicht richtig dazugehörte. Im Labor war ich der Mediziner, der wissenschaftlich erst einmal akzeptiert werden musste. Das Paper half, diese Zwischenposition auszuhalten. Es sagte mir: Ganz falsch kann der Weg nicht sein.

Rückblickend war diese Arbeit kein Endpunkt, sondern ein Übergang. Sie führte von N-MYC und Neuroblastom zu Wachstumsfaktoren, von der Zellkultur zur Frage nach Tumorwachstum und schließlich zur Angiogenese. Noch wusste ich nicht, dass daraus später ein eigenes Labor, eigene Mitarbeiter, PNAS, Nature und mehrere Preise entstehen würden. Damals war es einfach das erste Heidelberger Paper.