Das zentrale Thema im Labor von Manfred Schwab war das Neuroblastom. Für Nichtmediziner klingt das zunächst wie eines dieser Wörter, bei denen man froh ist, wenn man sie nicht selbst buchstabieren muss. Für Kinderonkologen war es damals einer der am meisten gefürchteten Tumoren.
Das Neuroblastom entsteht aus unreifen Zellen des sympathischen Nervensystems. Es kann sehr unterschiedlich verlaufen. Manche Tumoren verhalten sich relativ gutartig, andere wachsen aggressiv, streuen früh und sind trotz intensiver Therapie kaum zu beherrschen. Genau diese Spannbreite machte das Neuroblastom wissenschaftlich so interessant und klinisch so schwierig.
Manfred Schwab hatte bei diesem Tumor eine Entdeckung gemacht, die später weltweit Bedeutung gewann. In besonders aggressiven Neuroblastomen war das Onkogen N-MYC häufig stark vermehrt. Ein Onkogen ist, vereinfacht gesagt, ein Gen, das Wachstum antreiben kann. Wenn es in einer Tumorzelle zu stark aktiv ist, verhält sich diese Zelle nicht mehr wie ein ordentliches Mitglied der Gewebegemeinschaft, sondern eher wie ein schlecht erzogenes Einzelkind mit Expansionsdrang.
Heute ist es selbstverständlich, Tumoren molekular zu untersuchen. Damals war das neu. Man behandelte Kinder nach Alter, Stadium, Tumorausbreitung und histologischen Befunden. Dass ein genetisches Merkmal in der Tumorzelle helfen konnte, das Risiko eines Kindes besser einzuschätzen, war ein gewaltiger Schritt. N-MYC wurde zu einem der wichtigsten prognostischen Faktoren beim Neuroblastom.
Für mich war dieses Thema ideal. Ich kam aus den USA mit Erfahrungen in Zellkultur und Wachstumsfaktoren. Dort hatte ich gelernt, Tumorzellen nicht nur als bösartige Klumpen unter dem Mikroskop zu betrachten, sondern als aktive biologische Systeme. Tumorzellen wachsen nicht einfach. Sie senden Signale aus, reagieren auf ihre Umgebung und schaffen sich Bedingungen, unter denen sie besser überleben.
In Heidelberg gab es Neuroblastomzellen, in denen N-MYC unterschiedlich stark ausgeprägt war. Manfreds Gruppe hatte Zellen so verändert, dass man praktisch vergleichen konnte: dieselbe Zelllinie einmal mit niedriger und einmal mit hoher N-MYC-Aktivität. Für einen Wissenschaftler ist so etwas ein Geschenk. Für einen Mediziner mit Hang zur Anwendung erst recht.
Mich interessierte nicht nur, dass N-MYC mit einer schlechten Prognose verbunden war. Mich interessierte, warum das so sein könnte. Was machte dieses Gen mit der Tumorzelle? Wurde sie schneller? Unabhängiger? Produzierte sie eigene Wachstumsreize? Hatte sie plötzlich eine Art eingebautes Gaspedal?
Also schauten wir uns an, ob die Zellen mit hoher N-MYC-Aktivität mehr Wachstumsfaktoren produzierten. Das passte zu meinem Hintergrund. Ich kannte Zellkulturen, ich kannte Wachstumsfaktoren, und ich hatte eine gewisse Vorliebe dafür, biologische Beobachtungen mit klinischen Fragen zu verbinden.
Tatsächlich fanden wir Hinweise darauf, dass diese Zellen autokrine Wachstumsfaktoren bildeten. Autokrin bedeutet, dass eine Zelle einen Faktor produziert, auf den sie selbst wieder reagiert. Die Zelle gibt sich also gewissermaßen selbst den Befehl zum Weiterwachsen. Man braucht dafür keinen Professor, keine Kommission und keine Morgenbesprechung. Die Tumorzelle erledigt das intern.
Für mich war das ein wichtiger Gedanke. N-MYC war nicht nur ein Marker, den man messen konnte. Es hatte biologische Konsequenzen. Es veränderte das Verhalten der Tumorzelle. Genau an dieser Stelle trafen sich Grundlagenforschung und klinische Onkologie. Wenn ein genetischer Befund erklärt, warum ein Tumor aggressiver ist, dann wird aus Molekularbiologie plötzlich Medizin.
Natürlich war das damals alles noch weit davon entfernt, unmittelbar eine Therapie zu verändern. So ehrlich muss man sein. Nicht jede spannende Laborbeobachtung führt am nächsten Morgen zu einem neuen Medikament. Die meisten führen zunächst einmal zu weiteren Fragen, und wer in der Wissenschaft arbeitet, lernt schnell, dass Fragen eine robuste Spezies sind. Sie vermehren sich verlässlicher als Antworten.
Trotzdem war diese Arbeit für mich entscheidend. Sie verband meine San-Francisco-Erfahrung mit der pädiatrischen Onkologie. Ich merkte immer deutlicher, dass ich nicht einfach Internist werden wollte. Ich hatte in den USA an kindlichen Tumoren gearbeitet. In Heidelberg arbeitete ich wieder an einem Kindertumor. Und direkt gegenüber lag die Kinderklinik. Manchmal muss einem das Leben die Richtung nicht dreimal auf ein Schild schreiben.
Die Arbeit am Neuroblastom brachte mich also nicht nur wissenschaftlich weiter. Sie brachte mich fachlich an einen Punkt, an dem die Pädiatrie plötzlich logisch wurde. Wenn man schon Jahre damit verbracht hatte, Tumoren von Kindern im Labor zu untersuchen, war es nicht völlig abwegig, irgendwann auch die Kinder zu behandeln, bei denen solche Tumoren auftraten.
Im Rückblick war N-MYC für mich daher mehr als ein Onkogen. Es war eine Art Wegweiser. Es führte mich von der reinen Laborwissenschaft in die Kinderonkologie. Nicht abrupt, nicht dramatisch, eher Schritt für Schritt. Aber am Ende war klar: Mein Platz würde irgendwo zwischen Laborbank und Krankenbett liegen.
Das war eine unbequeme Position. Den Biologen war ich zu medizinisch, den Klinikern zu wissenschaftlich. Aber genau aus dieser Zwischenlage entstand später mein eigentliches Profil. Ich wollte verstehen, was in der Zelle passiert, aber ich wollte am Ende wissen, was das für ein krankes Kind bedeutet.