H10 war die Neugeborenenstation im zehnten Stock des Hochhauses der Heidelberger Kinderklinik. Hier lagen die Frühgeborenen und die Kinder, die zwar nicht mehr intensivmedizinisch behandelt werden mussten, aber noch nicht nach Hause konnten. Manche waren zu früh geboren, konnten ihre Körpertemperatur noch nicht halten oder tranken zu wenig. Andere hatten gelegentliche Atem- oder Herzstillstände und mussten überwacht werden. Hinzu kamen die ehemaligen Intensivpatienten auf dem Weg der Besserung. Wie alle Assistenzärzte rotierte ich auch über diese Station. Ziel war es, das gesamte Spektrum der Kinderheilkunde kennenzulernen.
Mein Fall war H10 allerdings nie so richtig. Nicht weil die Arbeit unwichtig gewesen wäre. Im Gegenteil. Aber die Krankheitsbilder wiederholten sich ständig. Hirnblutungen bei Frühgeborenen, Herzfehler, Darmprobleme und ihre Folgen. Vieles drehte sich weniger um Diagnostik als um Ernährung und Gewichtszunahme. Das Zauberwort lautete damals: päppeln. Durfte man aber nicht sagen, da zu despektierlich. Es hieß Aufzucht! Für alles gab es genaue Pläne. Wann welche Nahrung gegeben wurde, welche Zusätze notwendig waren und welche Vitamine unverzichtbar waren. Vieles war mit großem Engagement entwickelt worden und galt beinahe als unumstößliche Wahrheit.
Der Oberarzt der Station war Dieter Sontheimer. Er war das, was ich später einen „Kümmerer“ nannte. Menschen, die Arzt nicht nur als Beruf, sondern als moralischen Auftrag verstanden. Sie kümmerten sich mit großer Hingabe um ihre Patienten und waren überzeugt, dass ihre Art der Medizin die einzig richtige war. Wissenschaftliche Skepsis erschien ihnen dagegen eher als Bedrohung. Wer Dinge hinterfragte, galt schnell als kühl oder als jemand, der den eigentlichen Sinn des Arztberufes nicht verstanden hatte. Zwischen uns lagen Welten.
Das zeigte sich besonders beim damals fast obligatorischen Vitamin E. Jedes ehemalige Frühgeborene erhielt täglich 1.000 Einheiten. Über den Nutzen war nichts bekannt. Man machte es einfach so. Wer Zweifel äußerte oder die Gabe einmal vergaß, bewegte sich auf dünnem Eis. Einige Jahre später zeigte sich, dass die hohe Dosierung des Vitamins wahrscheinlich mehr schadete als nützte. Für mich war das eine wichtige Lektion. Ein erheblicher Teil dessen, was Ärzte mit bester Absicht tun, ist nicht gesichertes Wissen, sondern beruht auf persönlichen Erfahrungen oder vorläufigen Erkenntnissen. Manche davon verschwinden nach wenigen Jahren wieder. Gerade deshalb gehört das kritische Hinterfragen zum ärztlichen Beruf.
Noch deutlicher wurde unser unterschiedliches Denken bei den Laboruntersuchungen. Dieter ließ regelmäßig eine Vielzahl von Blutwerten bestimmen, obwohl sie für die Behandlung der Kinder häufig keinerlei Konsequenz hatten. Als ich ihn fragte, weshalb wir all diese Untersuchungen machten, antwortete er: „Weil wir eine Universitätskinderklinik sind.“Für ihn war das Begründung genug. Für mich nicht. Schon damals erschien mir dieses Denken problematisch. Medizin wird nicht dadurch besser, dass man möglichst viele Untersuchungen anordnet. Sie wird besser, wenn man die richtigen Untersuchungen macht. Rückblickend bin ich überzeugt, dass genau diese Haltung mit dazu beigetragen hat, warum unser Gesundheitssystem später immer stärker reguliert und ökonomisiert wurde. Wer ständig Ressourcen verbraucht, ohne ihren Nutzen kritisch zu hinterfragen, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann jemand anfängt, den Rotstift anzusetzen.
Der zweite Oberarzt der Station war Hannsjörg Seyberth. Er war in vieler Hinsicht das Gegenmodell. Wissenschaftlich hervorragend, kritisch, humorvoll und völlig frei von akademischer Eitelkeit. Mit ihm konnte man an ruhigen Tagen auf dem Balkon der Station bei einer Tasse Kaffee über Medizin, Forschung oder das ganz normale Leben sprechen. Er hörte zu, stellte Fragen und änderte seine Meinung, wenn ihn gute Argumente überzeugten. Wir verstanden uns gut, und er gehörte zu den wenigen Oberärzten, die meine wissenschaftliche Arbeit früh ernst nahmen. Dass sich unsere Wege später noch einmal kreuzen sollten, wusste damals keiner von uns.
Rückblickend habe ich auf H10 mehr gelernt, als ich damals ahnte. Nicht nur etwas über Frühgeborene, sondern auch darüber, wie unterschiedlich Ärzte Medizin verstehen können. Die einen verlassen sich vor allem auf Erfahrung und Tradition, die anderen auf wissenschaftliche Evidenz und kritisches Denken. Mein Platz war eindeutig auf der zweiten Seite. Trotzdem schlug mein Herz schon damals für einen anderen Bereich der Kinderheilkunde. Die Onkologie faszinierte mich jedenfalls mehr als die Kunst des Päppelns.