Die H4 war die pädiatrische Intensivstation der Heidelberger Kinderklinik. Im vierten Stock des Hochhauses gelegen – so kam der Name zustande. Auf die H4 kam man nicht als Anfänger. Zu Recht. Denn wenn man dort arbeiten wollte, dann musste man schon die Grundgerüste der Pädiatrie verstanden haben. Und das lernte man über mehrere Jahre auf den Normalstationen. Erst dann kam man in die Auswahl derjenigen, denen man die Arbeit mit schwer kranken Säuglingen und Kindern zutraute. Es half, wenn man nicht auf den Kopf gefallen und kein reiner Theoretiker war. Praktische Fähigkeiten und ein Blick für die klinische Einschätzung waren ebenfalls vorteilhaft. Wer die Zeit auf H4 hinter sich gebracht hatte, der war für die, die noch nicht dort gewesen waren wie ein Wesenvon einem anderen Planeten. Man war ein wenig ehrfürchtig.
Ab und zu durfte man auch als Anfänger auf die H4. Aber nur, wenn man einen intensivpflichtigen Patienten ablieferte oder die Blutgase bestimmen ließ. Ansonsten war die H4 unbekanntes Terrain. So etwas wie eine Insel. Nicht umsonst nannten wir sie so. Und das hatte Gründe. Wenn man auf H4 arbeitete,hatte man einen völlig anderen Lebensrhythmus als die Ärzte im Rest der Klinik. Man war nur auf H4 – und das über mindestens ein Jahr. Es gab einen eigenen Schichtdienst. In der Woche drei, am Wochenende zwei Schichten.
Die Dienste auf H4 laugten aus. Besonders die Wochenenden. Von Samstag bis Montag jeweils zwölf Stunden Dienst am Stück. Im Sommer war es besonders schrecklich. Ich vergesse nie das Gefühl, wenn ich gegen 22:00 abends zur Klinik aufbrach, während draußen die Menschen den warmen Sommerabend genossen. Es roch nach Gegrilltem, nach Freizeit, Freiheit und Unbeschwertheit. Und ich musste in die Mühle, wo mich Krankheit, Schrecken und Tod erwarteten.
Tagsüber musste ich schlafen. Als Jan noch Kleinkind war, bedeutete das, dass Hilde mit ihm aus der Wohnung musste, damit ich einige Stunden unruhigen Schlaf finden konnte. Das war familienfeindlich, aber so war der Klinikalltag. Man machte Dienst, schlief, stand wieder auf und ging zurück ins Hamsterrad.
An meinen ersten Tag kann ich mich nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich ging es mir wie allen anderen. Respekt und Herzklopfen und die Hoffnung, dass man in einer kritischen Situation nicht versagte. Aber darauf konnte man sich vorbereiten. Abends las ich Lehrbücher und Handbücher über pädiatrische Intensivmedizin: Wie erkennt man eine lebensbedrohliche Situation? Was macht man in welcher Reihenfolge? Wie läuft eine Reanimation ab, welche Medikamente gibt man in welcher Dosierung? Das musste sitzen und das konnte man nicht schnell mal im Buch nachschlagen.
Man war gut beraten, nicht den Klugscheißer zu spielen, der schon alles wusste. Und tatsächlich wusste man als Anfänger ja auch kaum etwas über pädiatrische Intensovmedizin. Man war gut beraten, wenn man auf die erfahrenen Schwestern hörte. Wie auf Marianne, die aus Trier stammte. Sie strahlte eine natürliche Autorität aus – und war ein Vollweib, Typ Bettina Tietjen. Marianne, Beate und der Rest des Teams halfen einem gerne mit ihrem Erfahrungsschatz. Aber man musste sich darauf einlassen. Es gab nicht diese klassische Trennung zwischen Pflege und Ärzten. Extremsituationen konnte man nur als Team bestehen. Bei der Wiederbelebung eines Kindes musste es fluppen. Wie in der Bäckerei beim Brötchenbacken. Routine. Alle hatten ihre Aufgaben und alle hatten das gemeinsame Ziel, das junge Leben zu erhalten. Wenn es gelang, dann war das ein unbeschreibliches Gefühl. Es gab wenige Dinge im Berufsleben, die mehr befriedigten.
Und dann wurde auch gefeiert. Auf H4 hielten sich keine Angsthasen. Keine Zauderer, sondern Macher. Auch ich fand hier meinen Platz. Hier war ich nicht mehr IAG. Denn ich konnte auch anpacken – so wie in meinem Leben außerhalb der Wissenschaft.
Die H4 war in zwei Bereiche aufgeteilt. Im einen Raum lagen die Früh- und Neugeborenen, im anderen die größeren Kinder. Ärzte und Schwestern hatten ihre Vorlieben. Meine gehörten den größeren Kindern. Mit den Frühgeborenen konnte ich nicht so viel anfangen. Sie wirkten auf mich immer etwas Gaga – sie konnten einfach nicht anders. Aber meine Aversion lag nicht nur an den Kindern, sondern an der Medizin, die wir damals machten.
Wie oft mussten wir den beatmeten Frühgeborenen Blut aus der Ferse abnehmen, um die Blutgase zu bestimmen. Dazu benutzten wir eine Lanzette und stachen immer wieder in dieselbe kleine Ferse. Im Vergleich war das so, als ob man einem Erwachsenen mit einem kleinen Küchenmesser in die Ferse haut. Ich fand das furchtbar, aber damals war das „state of the art“. Man konnte die Beatmung nur über die Bestimmung der Blutgase steuern.
Heute läuft das völlig anders. Frühgeborene werden möglichst wenig gestört. Minimal handling ist inzwischen der Standard, Blutgase misst man über Sensoren. Damals wusste man vieles noch nicht. Zum Beispiel, dass der permanente Streß des Blutabnehmens bei den kleinsten Frühgeborenen schwere Hirnblutungen auslösen konnte. Dreißig Jahre später war ich selbst für eine große Neonatologie verantwortlich. Wenn ich diese beiden Zeiten miteinander vergleiche, liegen Welten dazwischen. Frühgeborene ab etwa der 27. Schwangerschaftswoche verließen unsere Klinik meist ohne bleibende neurologische Schäden. Kaum irgendwo habe ich den medizinischen Fortschritt so eindrucksvoll erlebt wie in der Neonatologie.
Nachdem ich eine gewisse Sicherheit erlangt hatte, meldete ich mich freiwillig für die Spät- und Nachtdienste. Aus zwei Gründen: Erstens ging mir die Klugscheißerei von Menschen auf den Geist, die weit weg von der Intensivmedizin waren, tagsüber zur Visite kamen und sich wichtig taten. Nützenadel gehörte dazu. Und zweitens, weil ich nach einem solchen Dienst einige freie Tage hatte, an denen ich mich um mein Labor und alles, was dazu gehörte, kümmern konnte. Anträge schreiben, Publikationen schreiben, Geräte bestellen, mich mit meinen Mitarbeitern und der Bürokratie herumschlagen. Meine nichtwissenschaftlich tätigen Kollegen hatten es da einfacher. Sie hatten nur eine, ich hatte mehrere Baustellen.
Auf H4 war nicht immer alles ernst. Wie auf H7. Man kam besser zurecht mit einer Art Galgenhumor. So begrüßten wir uns Assistenten untereinander bei der Schichtübergabe schon einmal mit dem Satz: „Und? Heute schon reanimiert?“ Einer von uns war auch Jürgen Magsaam. Von der Klinikleitung angesichts eines Personalengpasses vom Altassistenten zum Funktionsoberarzt befördert. Jürgen stammte aus Frankfurt, war trocken im Humor, uneitel und vom übrigen Klinikbetrieb ziemlich genervt. So wie ich. Sein Standardspruch lautete: „Das kannst du dir in die Haare schmieren.“ Sinngemäß: Vieles ist unwichtig. Klugscheißerei zum Beispiel. Oft kommt es darauf an, keine schöngestige Diskussionenn zu führen und statt dessen die Probleme praktisch zu lösen. Denn Theorie und Praxis sind auf Intensivstation manchmal zweierlei.
Wie bei dem kleinen Jungen, bei dem man dachte, dass er hirntot sei. Die Möglichkeiten, den Hirntod sicher festzustellen, waren damals längst nicht so differenziert wie heute. Es wurde lange von den Oberen diskutiert, ob man die Beatmung beenden sollte. Schließlich entschied man sich ganz knapp dafür, noch einen Tag abzuwarten. Der Junge hatte während der Beatmung über längere Zeit hohe Dosen von Sedativa erhalten. Wir setzten sie ab. Der Junge wurde wieder wach und entwickelte sich später ganz normal. Seit dieser Zeit habe ich Entscheidungen über das Beenden einer Therapie immer mit größtem Respekt getroffen. Manchmal entscheidet eben ein einziger Tag.
Eine andere Geschichte habe ich ebenfalls in bleibender Erinnerung behalten. Ein Junge kam mit einer fulminanten bakteriellen Infektion, wahrscheinlich ausgelöstdurch Haemophilus influenzae oder Pneumokokken. Gegen beide Erreger werden Kinder heute geimpft. Damals sah man solche Krankheitsverläufe noch. Zunächst schien sich die Situation zu stabilisieren. Dann brach der Kreislauf zusammen, und wir mussten reanimieren. Irgendwann übernahm ich das Kommando. Warum gerade ich, weiß ich heute nicht mehr. Es ergab sich einfach. Nach etwa einer halben Stunde war klar, dass wir den Jungen nicht zurückholen würden. Ich entschied, die Reanimation zu beenden. Das war die schwerste Entscheidung, die ich bis dahin als Arzt treffen musste.
Als ich nach einigen Monaten wieder auf eine Normalstation zurückkehrte, war ich zwar kein fertiger Intensivmediziner. Aber ich war souveräner geworden. Viele Situationen, die mich vorher nervös gemacht hätten, brachten mich nicht mehr aus der Fassung. Wer die H4 hinter sich hatte, ging anders durch den Klinikalltag. Man wusste, dass man kritische Situationen überstehen konnte.
Viele Jahre später erfuhr ich, dass Jürgen Magsaam mit seiner Frau Anette in Indien unterwegs gewesen war. Auf der Fahrt zum Flughafen verursachte der Taxifahrer einen schweren Unfall. Jürgen saß vorne und starb noch an der Unfallstelle. Anette überlebte. Sie war selbst pädiatrische Intensivmedizinerin und versuchte noch, ihren eigenen Mann zu reanimieren. Vergeblich.
Wenn ich heute an Jürgen denke, sehe ich ihn aber nicht in Indien. Ich sehe ihn auf der H4. Irgendwo zwischen Beatmungsgerät und Monitor. Und ich höre wieder seinen trockenen hessischen Satz:
„Das kannst du dir in die Haare schmieren.“