Die H7 war die onkologische Station der Heidelberger Kinderklinik. Dort lagen Kinder mit Leukämien, Lymphomen, Neuroblastomen und anderen bösartigen Erkrankungen. Für die Eltern war H7 meist der Ort, an dem ihr bisheriges Leben plötzlich aufgehört hatte. Für mich war sie die Station, auf der ich zum ersten Mal wirklich verstand, was Kinderonkologie außerhalb des Labors bedeutete.
Wer eine Kinderkrebsstation nie erlebt hat, stellt sie sich meist als einen Ort vor, an dem ständig Trauer herrscht. Das stimmt nur zum Teil. Natürlich gab es Angst, Verzweiflung und auch Kinder, die wir verloren. Aber genauso gab es Alltag. Nach einiger Zeit stellte sich eine erstaunliche Normalität ein. Die Schwestern kannten ihre Patienten seit Wochen oder Monaten, die Eltern kannten sich untereinander, und auch wir Ärzte entwickelten Routinen. Das Leben ging weiter – nur eben unter völlig anderen Vorzeichen.
Besonders deutlich fiel mir das bei den jüngeren Leukämiekindern auf. Die meisten waren zwischen zwei und fünf Jahre alt. Sie lebten noch ganz im Augenblick. Sie beschäftigten sich nicht mit der Frage, ob sie sterben könnten. Für sie war wichtig, ob die Mutter da war, ob eine Untersuchung wehtat und wann sie wieder spielen durften. Viele kannten sich von ihren immer wiederkehrenden Therapieaufenthalten. Im Laufe der Zeit entstand auf der Station eine kleine Gruppe von Freunden. Sie freuten sich regelrecht, wenn sie sich auf H7 wiedersahen. Wenn man das zum ersten Mal erlebt, erscheint es fast absurd: Kinder freuen sich auf eine Krebsstation. In Wirklichkeit freuten sie sich nicht auf die Chemotherapie, sondern auf die anderen Kinder.
Auch das Ende einer Behandlung gehörte zu diesem besonderen Stationsleben. Wenn ein Kind nach Monaten oder Jahren seine Therapie abgeschlossen hatte und als geheilt entlassen werden konnte, wurde das gefeiert. Für die Eltern endete eine Zeit, in der ihr Leben aus Blutbildern, Fieber, Chemotherapie und der Angst vor einem Rückfall bestanden hatte. Für uns waren das die schönsten Tage auf der Station.
Der medizinische Alltag war dagegen alles andere als idyllisch. Chemotherapie bedeutete damals fast immer Übelkeit und Erbrechen. Moderne Medikamente gegen diese Nebenwirkungen gab es noch nicht. Neben fast jedem Bett stand ein Eimer. Wenn auf der Station mehrere Chemotherapien gleichzeitig liefen, sprachen wir manchmal nur vom „großen Kotzen“. Außenstehende mögen das zynisch finden. Für uns war es eine Form des Selbstschutzes. Dieser Humor richtete sich nie gegen die Kinder, sondern half uns, den Alltag auszuhalten.
Musa war einer der Kollegen, mit denen ich am liebsten zusammenarbeitete. Wir verstanden uns auf Anhieb. Er war türkischstämmig, ausgesprochen intelligent und besaß einen trockenen Humor, der genau meinem entsprach. Wir konnten innerhalb weniger Minuten zwischen höchster Konzentration und völliger Albernheit wechseln.
Einer unserer Patienten hieß Kudroff. Er litt an einer Leukämie, die schlecht auf die Therapie ansprach. Seine Situation war alles andere als komisch. Trotzdem entstand daraus einer dieser Sätze, die sich auf einer Station verselbständigen. Morgens fragte einer von uns: „Wie geht’s dem Kudroff?“ Der andere antwortete: „Is nich gut druff.“ Mehr musste nicht gesagt werden.
Auch wissenschaftlich entwickelten Musa und ich gelegentlich höchst kreative Ideen. Eine davon war der CRP-Antagonist. Das C-reaktive Protein steigt bei Entzündungen an. Also kamen wir auf die absurde Idee, einen Wirkstoff zu entwickeln, der einfach den Laborwert senkt. Die Entzündung wäre zwar weiterhin da, aber der Laborzettel sähe deutlich besser aus. Medizinisch war das natürlich völliger Unsinn. Gerade deshalb fanden wir die Idee so großartig.
Ähnlich verhielt es sich mit dem Chemotherapeutikum Zavedos. Zur gleichen Zeit brachte Mazda den Xedos auf den Markt. Von da an sprachen wir nur noch vom neuen Xavedos. Solche Wortspiele begleiteten unseren Alltag.
Nicht jeder teilte allerdings unseren Humor. Besonders Emy konnte damit wenig anfangen. Musa und ich ordneten sie dem Typus des Pseudo-Kümmerers zu. Solche Menschen begegnen einem in der Pädiatrie immer wieder. Sie kümmern sich zweifellos um ihre Patienten, aber auf eine Weise, die zugleich von allen gesehen werden soll. Sie bleiben demonstrativ länger auf der Station, übernehmen jede zusätzliche Aufgabe und vermitteln den Eindruck, nur sie allein nähmen das Leid der Kinder wirklich ernst. Wer anderer Meinung ist oder versucht, Prioritäten zu setzen, gilt schnell als oberflächlich oder wenig engagiert. Irgendwann folgt oft der Burn-out. Emy gehörte zu Bremers Lieblingsärzten. Musa und ich standen eher auf der anderen Seite.
Zur Arbeit auf H7 gehörten Chemotherapien, Knochenmarkpunktionen, Lumbalpunktionen und leider auch Narkosen, die wir Kinderärzte damals häufig selbst durchführten. Ich hatte dabei nie ein gutes Gefühl. Einmal mussten wir ein Kind während einer solchen Narkose reanimieren. Das Kind überlebte, aber diese Erfahrung hat mich nachhaltig geprägt. Später, als ich selbst Verantwortung trug, ließ ich Narkosen grundsätzlich von Anästhesisten durchführen.
Fast alle Kinder trugen Hickman-Katheter. Sie ersparten unzählige Venenpunktionen, konnten aber auch Probleme bereiten. Einmal kamen Mutter und Kind von einer Untersuchung zurück. Beide stiegen in den Aufzug, der Infusionsständer blieb draußen. Die Tür schloss sich, der Hickman-Katheter spannte sich und riss heraus. Zum Glück ließ sich die Situation beherrschen, aber sie zeigte, wie schnell selbst kleine Unachtsamkeiten Folgen haben konnten.
Rückblickend war H7 wahrscheinlich die Station, auf der ich am meisten gelernt habe. Nicht über Krebszellen – das hatte ich im Labor gelernt. Sondern über Kinder, Eltern und das Leben mit einer schweren Erkrankung. Dort wurde mir klar, dass Kinderonkologie weit mehr ist als Chemotherapieprotokolle und Blutwerte. Sie besteht aus Angst und Hoffnung, aus Routine und Ausnahmezustand, aus schwarzem Humor und stiller Verzweiflung. Gerade diese Mischung hat die H7 für mich unvergesslich gemacht.