Keine Ahnung

Neuropädiatrie, Röntgenbilder, ein kompletter Blackout und der Satz, der mir damals noch einfiel.

Als ich ungefähr ein Jahr in Heidelberg war, wollte ich endlich etwas anderes sehen als nur die Onkologie. Meine Stelle wurde von der Deutschen Krebshilfe finanziert und war ausdrücklich für die Betreuung krebskranker Kinder geschaffen worden. Deshalb konnte ich nicht einfach wie die anderen Assistenzärzte durch alle Stationen rotieren. Ich war gewissermaßen auf die Onkologie festgenagelt. Das war nachvollziehbar, aber ich wollte eigentlich kein Fachidiot für Leukämien werden.

Schließlich fand sich ein Kompromiss. Ich wechselte auf die Neuropädiatrie und war dort für die neuroonkologischen Patienten zuständig. Auf dem Papier war das eine elegante Lösung. In der Praxis bedeutete es, dass ich mich mit Hirntumoren inzwischen ziemlich ordentlich auskannte, vom übrigen Gehirn aber wenig verstand.

Meine Oberärztin war Gerda Mittermaier. Sie war kein unangenehmer Mensch, aber als Oberärztin völlig überfordert. Entscheidungen schienen ihr körperliche Schmerzen zu bereiten. Kaum hatte man einen Patienten aufgenommen, erschien sie auf Station und fragte, was man gerade mache. Zehn Minuten später kam sie wieder. Und zehn Minuten danach noch einmal. Für einen jungen Assistenzarzt war das eine schlechte Kombination. Wenn man selbst keine Ahnung hat, braucht man jemanden, der Ruhe ausstrahlt. Das war jedenfalls nicht Gerda Mittermaier.

Das war eher Christian Benninger, der zweite neuopädiatrische Oberarzt. Ein liebenswerter Schludri, bärtig, ein bisschen Lebenskünstler. Nicht gerade der Mann, der morgens als Erster das Licht auf Station anmacht. Wissenschaft interessierte ihn nur am Rande. Dafür hatte er etwas, was Gerda Mittermaier fehlte: Gelassenheit. Mit ihm konnte man arbeiten. Er ließ einen machen und blieb ruhig, wenn etwas nicht gleich perfekt lief. Für Anfänger war das Gold wert.

Ganz wohl fühlte ich mich trotzdem nicht. Ich war der Rückkehrer aus Amerika. Der Forscher. Der IAG. In den Augen mancher Altassistenten war ohnehin klar, dass solche Leute vielleicht hochwertig publizieren konnten, von richtiger Klinik aber keine Ahnung hatten. Die klassischen Kümmerer – Leute wie Dieter oder Emy – galten als die eigentlichen Leistungsträger. Sie kannten seit Jahren jede Stationsroutine, waren immer präsent und machten alles so, wie man es eben machte. Ich war anders. Das machte mich nicht gerade beliebt.

Dann kam meine erste Patientenvorstellung auf der Neuropädiatrie. Damals gab es weder PowerPoint noch digitale Bildarchive. Die Röntgenbilder wurden vor der Besprechung auf einen großen Leuchtschirm gehängt. Das war Aufgabe des Assistenzarztes. Ich war schon froh, wenn ich alle Bilder richtig herum hingehängt hatte.

Vor der Vorstellung standen alle um den Rüntgenkasten. Chefärzte, Oberärzte, Assistenzärzte, Schwestern, Studenten. Ein großer Halbkreis vor dem Leuchtschirm. Und ich vorne. Neben mir die Röntgenbilder. Dann sollte ich den Patienten vorstellen und anschließend die Bilder erklären.

Ich hatte das noch nie gemacht. In einem Sekundenbruchteil verließ mich mein Gehirn. Nicht langsam. Wie ein Blitzeinschlag. Der Name des Patienten war weg. Die Diagnose. Die Vorgeschichte. Alles. Ich wusste nicht einmal mehr, warum die Röntgenbilder überhaupt dort hingen. Ich stand einfach da und starrte auf den Leuchtschirm.

Im selben Moment fiel mir Axams wieder ein. Als Neunjähriger hatte ich dort im Ferienlager auf einer kleinen Bühne gestanden. Damals war mir der Text entfallen. Genau das gleiche Gefühl. Alle schauen einen an, und im Kopf herrscht gähnende Leere. Ich lief rot an und wäre am liebsten im Boden versunken. Ich überlegte, wie ich aus dieser Nummer wieder herauskommen könnte. Dann fiel mir genau ein Satz ein.

„Ich schau mal, wo Frau Mittermaier bleibt.“

Ich drehte mich um und ließ die gesamte versammelte Mannschaft einfach stehen. Irre. Total bekloppt. Aber in diesem Moment erschien mir das tatsächlich als die beste aller schlechten Lösungen. Natürlich war ich überzeugt, dass jetzt alle wussten, was sie ohnehin schon vermutet hatten. Der IAG hat keine Ahnung. Wir wussten es schon immer.

Die Gedanken dazu habe ich in diesem Songs musikalisch verarbeitet: „I.A.G.“

Heute sehe ich das entspannter. Ich konnte durchaus Klinik. Ich konnte nur noch keine Neuropädiatrie und wusste nicht, wie man einen Patienten vorstellt. Das ist ein Unterschied. Vor allem aber war ich lernfähig. Schon vor dem Physikum hatte ich gelernt, dass gute Vorbereitung durch nichts zu ersetzen ist. Von diesem Tag an bereitete ich jede Patientenvorstellung am Abend akribisch vor. Ich schrieb mir den Ablauf auf, ging alle Befunde durch, sah mir jedes Röntgenbild noch einmal an und überlegte mir schon vorher, welche Fragen kommen könnten.

Es war erstaunlich, wie gut dieses revolutionäre Verfahren funktionierte. Einen Blackout bei einer Patientenvorstellung hatte ich danach nie wieder.