Die Heidelberger Universitäts-Kinderklinik. Im Hintergrund das Hochhaus mit den Stationen, rechts der Hörsaal.
Die Heidelberger Universitätskinderklinik war damals in mehrere Kliniken gegliedert. Neben der Allgemeinen Pädiatrie gab es eigenständige Kliniken für Neonatologie, Kardiologie, Endokrinologie und Neuropädiatrie. Dennoch bestimmte die Allgemeine Pädiatrie den Alltag der Kinderklinik. Sie war das eigentliche Machtzentrum.
Als ich im Oktober 1987 meinen Dienst in der Klinik begann, wurde ich pflichtgemäß in der Mittagsbesprechung im Hörsaal vorgestellt. Allgemeines Tischeklopfen und zunächst Freundlichkeit. Das sollte sich ändern. Bald merkte ich, dass ich beinahe täglich ein Schauspiel erlebte, das mich an meine Zeit in der gymnasialen Oberstufe in Bernkastel erinnerte – nur, dass es sich an einer Universitätskinderklinik abspielte.
Dazu muss ich zunächst Strukturen und Darsteller des Schauspiels vorstellen. Die Klinik war in fünf Bereiche gegliedert. An der Spitze stand der geschäftsführende Direktor und Leiter der Klinik für Allgemeine Pädiatrie mit den Sektionen Stoffwechsel, Nephrologie und Hämatologie / Onkologie. Daneben gab es die Klinik für Neuropädiatrie, die kommissarisch vom Leiter der Allgemeinen Pädiatrie geführt wurde. Hinzu kamen die Kliniken für Endokrinologie, Kardiologie, Neonatologie und der selbständige Bereich Pädiatrische Radiologie.
Die Allgemeine Pädiatrie war zu Beginn meiner Tätigkeit unbesetzt, wurde aber schon bald mit Prof. Hans-Joachim Bremer besetzt, einem gebürtigen Mecklenburger, der aus der Kinderklinik Düsseldorf nach Heidelberg berufen worden war. Ihm zur Seite stand Professor Walter Nützenadel, ebenfalls ein ehemaliges Ostgewächs, das sich nach Heidelberg verirrt hatte. Nützenadel leitete die Klinik kommissarisch bis zu Bremers Berufung. Fortan war er nur noch Bremers Knecht fürs Grobe.
Die Sektion Stoffwechsel wurde von Fritz Trefz geleitet, einem extrovertierten Selbstdarsteller mit fußballerischen Ambitionen. In den Startlöchern für seine Nachfolge stand damals der Altassistent Georg Hoffmann.
Die Sektion Nephrologie wurde von Prof. Konrad Schärer geleitet, einem gebürtigen Schweizer und aus meiner Sicht dem eigentlichen Star der Heidelberger Kinderklinik. Er prägte die pädiatrische Nephrologie wie kein anderer in Deutschland. Entsprechend souverän trat er auf und beteiligte sich kaum an der Selbstinszenierung im Hörsaal. Ihm zur Seite stand sein Oberarzt Otto Mehls, ein angenehmer Mensch ohne Allüren. Dann gab es noch den Altassistenten Burkhard Tönshoff, einen sympathischen ehemaligen IAG. Er würde später Stellvertreter des Bremer-Nachfolgers Georg Hoffmann werden.
Schließlich die Sektion Hämatologie und Onkologie, der ich zugeordnet war. Leiter war Rolf Ludwig, der später die Klinik verließ und Neuapostolischer Bischof wurde. Sein Altassistent war Klaus-Michael Debatin. Er sollte Ludwig später beerben und – so wie ich – Leiter einer Universitätskinderklinik werden.
Die Klinik für Neuropädiatrie war damals unbesetzt und wurde oberärztlich von Christian Benninger und Gerda Mittermaier geführt. Benninger war ein gutmeinender, bärtiger Schluffi, der die harte Arbeit nicht erfunden hatte. Mittermaier war so halbwegs das Gegenteil: bemüht, aber völlig ineffektiv. Entscheidungen zu treffen oder gar eine Abteilung zu führen gehörte nicht zu ihren Stärken.
Die Klinik für Endokrinologie wurde geleitet von Prof. Dietrich Schönberg, einem griesgrämigen älteren Herrn. Wenn er anwesend war, gefiel er sich darin, andere vor versammelter Mannschaft bloßzustellen. Oberärztlich vertreten wurde er von dem dauergebräunten Cabriofahrer und Golfexperten Udo Heinrich. Nach Schönbergs Ausscheiden sollte Heinrich Sektionsleiter werden und der damalige Assistent Markus Bettendorf sein Stellvertreter.
Die Pädiatrische Kardiologie wurde von Prof. Dieter Wolf geleitet. Er war alte Schule und der Meinung, der Rest der Pädiatrie sei im Grunde Randgeschehen und habe dem eigentlich wichtigen Fach, der Kardiologie, zuzuarbeiten. An den Inszenierungen im Hörsaal beteiligte er sich kaum, denn meistens war er gar nicht da. Mittags ging er lieber schwimmen.
Seine Stationsvisiten waren grotesk und seinem damaligen Oberarzt gegenüber geradezu entwürdigend. Wolf saß am Schreibtisch, ihm gegenüber seine Stationeuse. Sein Oberarzt Herbert Ulmer musste das Ganze stehend über sich ergehen lassen. Das Absurde daran: Als Ulmer später Wolfs Nachfolger wurde, führte er dasselbe Schauspiel mit seinem eigenen Oberarzt Klaus Schmitt auf.
Die Klinik für Neonatologie wurde von Prof. Otwin Linderkamp geleitet. Er war aus München nach Heidelberg berufen worden und gehörte zu den Ersten, die die Besuchszeiten für Eltern von Frühgeborenen abschafften. Man kannte ihn auch unter dem Namen „Windy Lindi“, denn gelegentlich war er einfach vom Winde verweht und nicht auffindbar. Nach einem sich anbahnenden Skandal wurde er plötzlich und über Nacht entsorgt. Als Mensch war er angenehm und keiner, der sich an den Selbstinszenierungen des Heidelberger Laientheaters beteiligte. Dafür umso mehr seine beiden Oberärzte Gonne Kühl und Eugen Zilow. Gonne Kühl war eloquent und souverän. Zilow war ebenfalls eloquent, zugleich aber maßlos von sich selbst überzeugt – eine Nützenadel-Miniausgabe.
Schließlich gab es noch die angeschlossene, aber selbständige Klinik für Pädiatrische Radiologie unter der Leitung von Prof. Jochen Tröger. Fachlich war er hervorragend, zugleich aber geradezu extrem von sich und seinem Können überzeugt. Meist hielt er sich aus den Inszenierungen im Hörsaal heraus. Wenn er sich jedoch einmischte, dann richtig – und gelegentlich auch auf eine Art, die ins Unfaire abdriftete.
Nun zum täglichen Schauspiel, das sich während der unzähligen Besprechungen beobachten ließ. Natürlich sind Besprechungen ein unverzichtbares Instrument. Alle an der Betreuung der Patienten Beteiligten müssen so informiert werden, dass die Versorgung optimal funktioniert und keine Komplikationen durch Informationsdefizite entstehen.
In Heidelberg dienten Besprechungen – nach meiner persönlichen Wahrnehmung – jedoch noch einem weiteren Zweck: der Sebstinszenierung. Die von Bremer vermutlich in bester Absicht als pädagogische Fortbildung mit erzieherischem Anspruch geschaffenen Veranstaltungen orientierten sich häufig nicht an den tatsächlichen Erfordernissen des Klinikalltags. So gab es langatmige Visiten auf den Stationen, die sich in Anwesenheit eines riesigen Personenkreises regelmäßig zu akademischen Diskussionen entwickelten. Die Pflegekräfte hätten sich in dieser Zeit vermutlich lieber um ihre Patienten gekümmert. Stattdessen mussten sie die verlorene Zeit später mit Überstunden ausgleichen.
Während dieser Visiten versuchte Bremer mit seinem nahezu enzyklopädischen Detailwissen über seltene Stoffwechselkrankheiten zu glänzen. Die Entourage lauschte äußerlich andächtig und beflissen. Innerlich machte sich Langeweile breit. Knecht Nützenadel bewies seine Unterwürfigkeit, indem er allem zustimmte, was Bremer sagte. Widerspruch anderer Beteiligter wurde von ihm oft mit persönlichen Angriffen abgebügelt.
Die morgendliche Übergabe vom Nacht- an den Tagdienst fand um acht Uhr im Hörsaal statt, allerdings in deutlich kleinerem Kreis. Anwesend waren immer Bremer und Nützenadel, meist auch Linderkamp oder seine Vertreter. Es fehlten die Kardiologen. Sie waren verhindert, denn sie mussten sich schließlich um das wichtigste Organ kümmern und betrachteten sich deshalb als Elite der akademischen Pädiatrie. So jedenfalls meine damalige Deutung, die ich später an anderer Stelle bestätigt fand. Vielleicht hatten sie aber auch einfach keine Zeit. Die Übergabe war nach etwa fünfzehn Minuten beendet. Da nur wenige Personen anwesend waren, entfielen die langatmigen akademischen Pseudodiskussionen.
Die Mittagsbesprechung war dagegen der eigentliche "Höhepunkt" des Tages. Alle strömten in den Hörsaal. Anwesenheitspflicht bestand für sämtliche Stationsärzte, denn sie mussten über die Entwicklungen auf ihren Stationen berichten. Fehlte einer, ließ Bremer ihn anrufen. Bis zu seinem Eintreffen mussten alle anderen warten. Für den Zuspätkommenden war das eine Lektion – und eine öffentliche Zurschaustellung.
Dann begann das tägliche akademische Laientheater. Manche der Älteren hielten endlose Monologe. Die eigentliche Frage lautete dabei nicht, wie man Patienten am besten versorgte, sondern wie man sich vor der versammelten Mannschaft als Wissender präsentieren und gleichzeitig andere bloßstellen konnte.
Besonders einfach war das für die in den vorderen Reihen Sitzenden – Bremer, Nützenadel, Schönberg und deren Vertreter. Vorgeführt wurden die Anfänger in den hinteren Reihen. Selbst die Sitzordnung hatte Symbolcharakter. Vorne saßen die Etablierten, hinten die Anfänger, darunter Musa, Karl und Uwe. Immerhin konnten wir dem Affront räumlich etwas entgegensetzen.
Wir und die anderen Anfänger versuchten, den Angriffen durch möglichst knappe Informationen auszuweichen. Meist hieß es: „Keine Veränderung.“ Oder: „Nichts Neues.“
Nützenadel war allerdings hervorragend informiert. Er wusste, wo die Schwachstellen lagen. Mit sichtlichem Vergnügen bohrte er nach, deckte Lücken in der Informationsweitergabe auf und konnte sich anschließend vor Bremer und dem übrigen Publikum als derjenige präsentieren, der alles wusste. Die Art, wie Nützenadel dabei vorging, hatte etwas Schulmeisterliches und Ekliges. Wahrscheinlich hing das auch mit seiner eigenen Biographie zusammen. Er verachtete die Neuen, insbesondere diejenigen, die sich wissenschaftlich weitergebildet hatten. Sie würden nicht dort enden, wo er gelandet war – als ewiger Stellvertreter. Sie würden die Bremers der nächsten Generation werden. Jedenfalls war das meine Interpretation.
Aber weshalb war die Stimmung dieser Mittagsbesprechungen insgesamt so mies? Ich glaube, das hatte viel mit Bremer zu tun. Er war kein schlechter Mensch. Im Gegenteil. Er gehörte zu den Aufrechten. Kein Opportunist wie manche andere Ärzte, denen ich später begegnete. Er war aber auch keine Führungspersönlichkeit, die ihre Mannschaft mit Begeisterung mitreißen konnte. Nicht der Typ Jürgen Klopp, sondern eher Jupp Derwall – um es fußballerisch auszudrücken. Vielleicht sogar noch etwas norddeutscher. Ein Betonklotz aus dem Norden. So jemand war außerstande, die Atmosphäre in einer Mannschaft positiv zu beeinflussen oder Missgunst gar nicht erst entstehen zu lassen.
Bremer war geradezu besessen vom Besprechen. In seiner Anfangszeit hielt er zusätzlich am Nachmittag noch eine weitere Besprechung mit den Ärzten seiner Abteilung ab. Alle mussten erscheinen. Währenddessen blieb die Stationsarbeit liegen. Aus meiner Sicht war diese Besprechung vollkommen überflüssig und an den Bedürfnissen von Stationen und Patienten vorbeiorganisiert. Wolkenkuckucksheim.
Trotzdem habe ich aus all diesen Besprechungen enorm viel mitgenommen. Zum einen lernte ich Pädiatrie in ihrer ganzen Breite und Tiefe kennen. Zum anderen lernte ich, wie man eine Klinik besser nicht organisiert. Oder anders formuliert: Besprechungen sind unverzichtbar. Sie müssen aber auf das sinnvolle Maß beschränkt bleiben.