Eine Universitätskinderklinik schläft nie. Irgendjemand ist immer wach. Irgendjemand untersucht ein Kind, legt eine Infusion, schreibt einen Arztbrief oder wartet darauf, dass das Telefon klingelt. Tagsüber ist das Haus voller Menschen. Stationsärzte, Oberärzte, Professoren, Studenten, Schwestern, Eltern, Physiotherapeuten – überall Bewegung. Nachts bleibt davon eher wenig übrig.
Die Intensivstation H4 hatte ihren eigenen Tag- und Nachtdienst. Für alle übrigen Stationen war der sogenannte Hausdienst zuständig. Meist bestand er aus zwei Assistenzärzten. Der erste hatte bereits Intensiverfahrung, der zweite meistens noch nicht. An Wochenenden kam häufig noch ein dritter, unerfahrener Assistent hinzu. Gegen Mitternacht durfte er nach Hause gehen.
Der Dienst begann nicht erst mit Dienstschluss, sondern schon etwas früher. Zunächst stand der Rundgang über sämtliche Stationen an. Station für Station ließen wir uns von den Stationsärzten berichten: Welche Kinder sind kritisch? Wer ist instabil? Worauf müssen wir in der Nacht besonders achten? Bei mehr als zehn Stationen musste das zügig gehen. Das gelang nicht immer. Manche Stationsärzte machten aus der Übergabe eine Visite. Dann hatte man aber noch neun Stationen vor sich. Ich ließ mich auf so etwas meist nicht ein und drängte darauf, nur von den potentiellen Problemfällen der Nacht zu hören. Auf banale Probleme konnte ich mich selbst einstellen.
Während der Nacht waren wir außerdem für die Ambulanz zuständig. Dort arbeitete eine erfahrene Schwester, die meist zuverlässig erkannte, ob tatsächlich ein Notfall vorlag oder ob ein Kind warten konnte. Ihre Einschätzung war Gold wert. Denn die stationären Patienten hatten Vorrang. Kam die Ambulanzschwester allerdings zu dem Schluss, dass wirklich ein Notfall vorlag, musste man sofort hinunter und entscheiden: Intensivstation oder normale Station?
Bis etwa Mitternacht legten wir neue Infusionen, wechselten defekte Zugänge, schlossen Bluttransfusionen an, punktierten, spritzten Medikamente und versorgten Notfälle. Das gesamte Spektrum der Kinderheilkunde. Man konnte unmöglich alle Krankheitsbilder und Medikamentendosierungen im Kopf haben. Deshalb hatte ich mir ein kleines Büchlein angelegt. Darin standen Dosierungen, Notfallschemata und die wichtigsten Vorgehensweisen. Es war mein zweites Gehirn.
Bis Mitternacht hatten sich die Warteschlangen in der Ambulanz meist aufgelöst. Dann wurde es ruhiger. Jetzt begann der zweite Rundgang. Wir gingen noch einmal über alle Stationen. War alles stabil geblieben? Wo hatte sich eine Veränderung ergeben, die wir im Auge behalten mussten? Was sollte die Schwester beachten? Für jeden kritischen Patienten versuchte ich einen klaren Plan für den Rest der Nacht festzulegen. Was musste unmittelber geschehen? Wann bei welcher Konstellation sollte ich geweckt werden? Im Zweifelsfalll natürlich immer. Und es machte einen Unterschied, ob eine Stationsschwester erfahren und souverän war oder Anfängerin oder auch nur ängstlich. Und wenn man geweckt wurde, dann war es eben so. Jedenfalls konnte man mit einem klaren Plan das Ganze etwas steuern.
Erst danach teilten wir die Nacht untereinander auf. Einer schlief, der andere blieb zuständig. Später wurde gewechselt.
Unsere Schlafkoje lag im zehnten Stock. Die Ambulanz befand sich im Erdgeschoss. Wenn der Piepser oder das Telefon losging, musste man also zunächst mit dem Aufzug nach unten fahren. Ich übernahm fast immer die erste Schlafhälfte. Erfahrungsgemäß verlief die zweite Nachthälfte ruhiger, und so konnte ich oft drei oder sogar vier Stunden am Stück schlafen. Das war wichtig. Häufig ging es morgens ohne jede Pause mit dem normalen Arbeitstag weiter. Heute wäre so etwas kaum noch vorstellbar.
Nach dem Rundgang hatte ich für mich erst einmal alles erledigt. Der Kollege war zuständig und für mich ging’s ans Einschlafen. Ich hatte immer einen kleinen Flachmann mit Brandy im Gepäck. Den leerte ich und schwupps, war ich im Tiefschlaf. Wenn jetzt kein Notfall auftrat, dann konnte ich sogar manchmal bis morgens zur Übergabe durchschlafen.
Geweckt wurde man allerdings nicht immer wegen lebensbedrohlicher Notfälle. Manche Eltern kamen ganz bewusst frühmorgens gegen sechs Uhr in die Ambulanz. Um diese Zeit gab es keine Warteschlangen wie später beim Kinderarzt. Häufig waren es türkische Familien. Der Vater brachte Frau und Kind vor Beginn seiner Schicht mit dem Auto vorbei, weil die Mutter weder fahren noch ausreichend Deutsch sprechen konnte. Andere erschienen wegen eines Wurms im Stuhl, eines harmlosen Hautausschlags oder weil das Kind seit drei Tagen keinen Stuhlgang gehabt hatte.
Im ersten Moment ärgerte ich mich manchmal. Doch bis der Aufzug vom zehnten Stock im Erdgeschoss angekommen war, war ich meistens richtig wach. Und mit dem Wachwerden verschwand auch der Ärger. Oft waren die Eltern tatsächlich überzeugt, dass ihr Kind schwer krank war. Eigentlich konnte ich ihnen das nicht verdenken. Ich sagte mir dann immer: Du hast dir diesen Beruf ausgesucht. Solche Situationen wird es immer geben. Du wirst sie nicht ändern. Also gewöhn dich daran und bleib freundlich.
Wenn sich die Morgenbesprechung näherte, ging ich noch einmal zu den Patienten, die in der Nacht Probleme bereitet hatten. Ich wollte wissen, wie es ihnen jetzt ging. Die wichtigsten Punkte notierte ich auf einem kleinen Zettel. Mit ihm ging ich anschließend in die Morgenbesprechung zu Nützenadel und Kollegen.
Mit gemischten Gefühlen. Einerseits wusste ich, dass jederzeit eine seiner Gemeinheiten kommen konnte. Andererseits freute ich mich auf den Feierabend und auf meine Familie. Merkwürdigerweise fühlte ich mich nach einer durchwachten Nacht oft erstaunlich gut. Schlafentzug befreit bekanntlich von depressiven Gedanken. Vielleicht hatten die Endorphine bereits übernommen.