Die Stelle, die Werner Brandeis bei der Deutschen Krebshilfe eingeworben hatte, war im Grunde genau das, was ich suchte: klinische Arbeit mit krebskranken Kindern und gleichzeitig wissenschaftliche Tätigkeit. Auf dem Papier war das ein tolles Konstrukt. In der Praxis war es kompliziert.
Ich befand michzwischen zwei Welten. Ein Teil meiner Zeit gehörte der Klinik, ein anderer dem Labor. Ich sollte Kinderheilkunde lernen, mich in die pädiatrische Onkologie einarbeiten und gleichzeitig meine Forschung voranbringen. Das klang nach dem perfekten Modell für einen akademischen Arzt. Nur hatte niemand dazugeschrieben, wie man das im Alltag macht, ohne irgendwann in beiden Welten als halbfertig zu gelten.
Im Labor kam ich aus San Francisco, kannte Zellkulturen, Wachstumsfaktoren und Tumorbiologie, hatte ausgezeichnet publiziert und das Gefühl, wissenschaftlich etwas zu bewegen. In der Klinik war ich dagegen wieder Anfänger. Ich wusste gerade noch, wie man NaCl buchstabiert. Ich musste Station lernen, Dienste, Patientenvorstellungen, Visiten, Anordnungen, Notfälle und das ganze praktische Handwerk, das man nicht in einer Zellkulturflasche findet.
Für die Kliniker war ich bald „der Wissenschaftler“. Das klang manchmal fast wie ein milder Vorwurf. Einer, der Moleküle kannte, aber klinisch erst einmal zeigen musste, ob er auch ein krankes Kind richtig einschätzen konnte. Für die Wissenschaftler blieb ich wiederum der Mediziner. Einer, der immer wieder aus dem Labor verschwand, weil er auf Station musste, und der Experimente nicht den ganzen Tag begleiten konnte. Ich war also je nach Blickwinkel entweder zu klinisch oder zu wissenschaftlich.
Diese Zwischenposition war anstrengend, aber sie war auch prägend. Denn genau dort lernte ich, dass die Verbindung von Forschung und Klinik nicht durch Sonntagsreden entsteht. Jeder Universitätsmediziner sagt gern, dass Grundlagenforschung und Patientenversorgung zusammengehören. Im Alltag heißt das aber: Nachtdienst machen und trotzdem Anträge schreiben. Patienten vorstellen und trotzdem Daten auswerten. Auf Station funktionieren und trotzdem im Labor nicht den Anschluss verlieren.
Ich hatte dabei keinen Überschuss an Freizeit. Morgens Klinik, mittags der kurze Weg durch den Botanischen Garten zum Labor, abends zu Hause am Macintosh. Während andere Kollegen am Montag erzählen konnten, was sie am Wochenende gemacht hatten, konnte ich kaum etwas berichten. Ich war entweder in der Klinik gewesen, im Labor oder am Schreibtisch. Das klingt heute nach Selbstausbeutung, und vermutlich war es das auch. Damals gab es aber keinen anderen Weg.
Die Klinik verlangte eine andere Art von Aufmerksamkeit als das Labor. Im Labor konnte man einen Versuch wiederholen, wenn etwas nicht stimmte. In der Klinik war das schwieriger. Ein Kind wurde schlechter, ein Laborwert kam zurück, eine Mutter stellte eine Frage, eine Infusion lief nicht, eine Schwester wollte eine Entscheidung. Man musste handeln, auch wenn man noch unsicher war. Gerade am Anfang fiel mir das schwer. Ich war es gewohnt, über Zusammenhänge nachzudenken. Die Klinik verlangte vor allem Tempo.
Gleichzeitig gab mir das Labor Halt. Dort war ich nicht der unsichere Assistent, sondern jemand, der eine Fragestellung hatte, der Daten verstand und der wusste, warum er etwas tat. Diese Sicherheit war wichtig, weil ich sie in der Klinik nicht immer hatte. Wenn eine Morgenbesprechung schlecht lief oder ein Oberarzt mich vorführte, konnte ich mich daran erinnern, dass ich nicht nur der Anfänger auf Station war. Ich hatte eine wissenschaftliche Identität, und die war nicht völlig abhängig von Bremers Ansichten oder Nützenadels Launen.
Umgekehrt veränderte die Klinik meine Forschung. Ich dachte nicht mehr nur über Tumorzellen nach. Ich sah Kinder mit Leukämien, Lymphomen und soliden Tumoren. Ich sah Eltern, die zwischen Hoffnung und Angst lebten. Ich sah, wie brutal eine Therapie sein konnte und wie wenig das Labor manchmal von dieser Realität ahnte. Danach konnte man nicht mehr so tun, als sei ein Tumor nur ein Modell.
Vielleicht war genau diese Reibung der eigentliche Wert der Stelle. Sie zwang mich, beide Seiten ernst zu nehmen. Die Forschung ohne klinischen Bezug drohte, sich in eleganten Mechanismen zu verlieren. Die Klinik ohne wissenschaftlichen Blick drohte, Fakten abzuarbeiten, ohne nach dem Warum zu fragen. Ich saß dazwischen, oft müde, gelegentlich frustriert, aber trotzdem überzeugt, dass genau dort mein Platz war.
Natürlich wurde diese Rolle nicht immer verstanden. Bremer hielt mich eher kurz. Für ihn war ich lange nicht der Kliniker, den er besonders fördern wollte. Andere passten besser in sein Bild. Klinisch eifrige Kollegen, die verlässlich funktionierten, weniger Fragen stellten und wissenschaftlich keine Sonderwege gingen, waren ihm angenehmer. Ich war für solche Strukturen unbequem: nicht aufsässig im offenen Sinn, aber auch nicht leicht einzuordnen.
Das führte immer wieder zu Unsicherheit. Verträge, Stellen, Perspektiven – nichts wirkte selbstverständlich. Ich hatte wissenschaftliche Erfolge, aber in der Klinik musste ich mir meinen Platz mühsam erarbeiten. Diese Kombination aus äußerer Anerkennung und innerer Unsicherheit war typisch für meine Heidelberger Jahre. Draußen bekam ich Preise. Drinnen musste ich manchmal froh sein, wenn meine Stelle verlängert wurde.
Trotzdem würde ich diese Zeit nicht aus meiner Biografie streichen wollen. Sie war unangenehm, aber sie formte mich. Ich lernte, wie sich junge Ärzte fühlen, wenn sie in einer Hierarchie klein gehalten werden. Ich lernte, wie wichtig klare Entscheidungen sind, wie belastend unklare Verträge sein können und wie viel Kraft es kostet, gleichzeitig in Klinik und Forschung ernst genommen werden zu wollen.
Später, als ich selbst Mitarbeiter führte, hatte ich diese Jahre im Hinterkopf. Ich wusste, wie es sich anfühlt, wenn man nicht weiß, ob man dazugehört. Ich wusste auch, wie viel ein wenig Vertrauen bewirken kann. Wenn ich jungen Ärzten oder Wissenschaftlern Freiraum gab, dann nicht, weil ich ein besonders weicher Chef sein wollte. Ich wusste schlicht, wie schlecht das Gegenteil funktioniert.
In Heidelberg war ich lange nicht Fisch und nicht Fleisch. Damals empfand ich das oft als Schwäche. Heute sehe ich es anders. Aus dieser Zwischenlage entstand mein Beruf. Nicht der reine Forscher, nicht der reine Kliniker, sondern jemand, der versuchte, beide Welten miteinander zu verbinden. Bequem war das selten. Aber bequem war auch nie mein eigentliches Talent.