Professor Hannsjörg Seyberth lernte ich in Heidelberg kennen. Er war dort Oberarzt an der Universitätskinderklinik, ich war Assistenzarzt und stand kurz vor meiner Habilitation. Für einige Zeit arbeitete ich unter seiner oberärztlichen Leitung auf der H10, der damaligen Neugeborenenstation. Seyberth stammte aus Wiesbaden, wo er auch sein Abitur gemacht hatte. Anschließend studierte er in Mainz Humanmedizin und wurde dort promoviert. Seine berufliche Laufbahn begann er in der Pharmakologie. Danach arbeitete er ein Jahr in der Inneren Medizin, bevor er für einen Forschungsaufenthalt an die Vanderbilt University in Nashville ging. Dort beschäftigte er sich intensiv mit dem Prostaglandinstoffwechsel und legte damit den Grundstein für sein späteres wissenschaftliches Arbeitsgebiet. 1976 kehrte Seyberth nach Deutschland zurück und wechselte an die Universitätskinderklinik Heidelberg, wo er seine Weiterbildung zum Kinderarzt absolvierte. 1977 habilitierte er sich, 1982 erhielt er in Heidelberg die Venia legendi. 1984 wurde er als Kinderarzt anerkannt. Wissenschaftlich blieb er der Prostaglandin- und Prostanoidforschung verbunden, auf deren Gebiet er sich international einen Namen machte.
Seyberth war wissenschaftlich ausgesprochen beschlagen und sehr aufgeschlossen gegenüber neuen Entwicklungen. Das war damals an einer Universitätsklinik ein wichtiges Kriterium. Man kannte die Leute und wusste ziemlich genau, wen man aufgrund seiner wissenschaftlichen Leistungen respektierte. Ich fiel ihm offenbar früh auf. Schließlich kam ich nicht als blutiger Anfänger an die Kinderklinik, sondern mit einer weitgehend abgeschlossenen Habilitation. Auch persönlich war mir Seyberth zunächst sehr sympathisch. Er saß nicht auf dem hohen Ross, war ansprechbar und im Umgang angenehm. Einfach ein netter Kerl. Wenn man ihn ließ, redete er allerdings gern und lange. Später lernte ich, dass ein oder zwei Gläser Wein diese Neigung noch erheblich verstärken konnten. Das machte ihn mir nicht unbedingt unsympathischer. Schließlich trank ich selbst gern Wein.
1988 wurde Seyberth auf die C4-Professur für Kinderheilkunde an der Philipps-Universität Marburg berufen. Er übernahm dort den Bereich Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie. Die Marburger Universitätskinderklinik war mit, soweit ich mich erinnere, ungefähr fünfzig Betten eine der kleinsten Universitätskinderkliniken Deutschlands. Und selbst diese kleine Klinik war noch einmal in zwei Abteilungen geteilt. Neben Seyberths Bereich gab es die Neuropädiatrie, die später Georg Hoffmann übernahm. Auch Hoffmann war zuvor Oberarzt in Heidelberg gewesen. Er war Neuropädiater und Stoffwechselspezialist.
Eines Tages sprach Seyberth mich noch in Heidelberg an. Er wollte in Marburg eine Klinische Forschergruppe aufbauen. Als Leiter war zunächst Cord-Michael Becker vorgesehen, ein Molekularbiologe aus der Arbeitsgruppe von Heinrich Betz am Zentrum für Molekulare Biologie Heidelberg, dem ZMBH. Betz war ein hoch angesehener Neurowissenschaftler, und Becker gehörte wissenschaftlich zur internationalen Spitze. Er hatte wesentlich zur Aufklärung des Stiff-Man-Syndroms beigetragen, einer seltenen neurologischen Erkrankung mit ausgeprägten Muskelversteifungen, und hervorragend publiziert. Die geplante Forschergruppe stand offenbar kurz vor der Bewilligung. Die Begutachtung vor Ort war sehr gut verlaufen. Dann erhielt Becker jedoch einen Ruf nach Erlangen, wo er die Leitung der Biochemie übernehmen sollte. Er nahm den Ruf an und stand damit für Marburg nicht mehr zur Verfügung. Seyberth brauchte einen Ersatz. Er kannte mich, kannte meine wissenschaftliche Arbeit und dachte sich offenbar: Dann kann der Schweigerer das machen.
Über das anschließende Scheitern der Klinischen Forschergruppe habe ich an anderer Stelle ausführlich berichtet. Entscheidend für meine Beziehung zu Seyberth war etwas anderes. Er hatte mir zugesagt, dass ich eine Oberarztstelle bekommen würde, falls die Forschergruppe wider Erwarten nicht bewilligt werden sollte. Die Marburger Kinderklinik besaß eine kleine kinderonkologische Einheit, die damals von Professor Eschbach betreut wurde. Eine richtige Sektion war das kaum. Der Bereich war erheblich kleiner als die nahe gelegene Kinderonkologie in Gießen. Aber genau dort sollte nach Seyberths Zusage mein künftiges klinisches Zuhause sein.
Als die Forschergruppe tatsächlich scheiterte, wollte Seyberth von dieser Zusage nichts mehr wissen. Für eine Oberarztstelle, so erklärte er mir nun, fehle mir noch die notwendige Erfahrung in der Neonatologie und Pädiatrischen Intensivmedizin. Das war der größte und auch wirtschaftlich wichtigste Bereich seiner Abteilung. Ich sollte deshalb zunächst wieder als Assistenzarzt auf der Neonatologie und Intensivstation arbeiten. Damit war ich auch zurück im Schichtdienst. Das war nicht das, was wir vereinbart hatten. Später begriff ich, dass solche Zusagen bei Seyberth offenbar keine allzu lange Halbwertszeit besaßen. Er meinte es mit allen gut, vielleicht sogar mit zu vielen Menschen gleichzeitig. Er versprach manches und konnte sich später nicht mehr recht daran erinnern. Salopp gesagt: Manchmal wusste er am nächsten Morgen nicht mehr, was er am Abend zuvor zugesagt hatte.
Das habe ich mir gemerkt. In meinem späteren Berufsleben überlegte ich mir sehr genau, ob ich einem Mitarbeiter eine Stelle oder eine bestimmte Position in Aussicht stellte. Wenn ich eine solche Zusage machte, hielt ich sie auch ein. Ich hatte in Marburg erlebt, was es für den Betroffenen bedeutete, wenn ein Chef damit großzügiger umging. Seyberth war ein leutseliger Rhein-Mainländer. Er erzählte gern, trank gern Wein und wollte mit möglichst vielen Menschen gut auskommen. Anfangs bemühte er sich sehr darum, aus seiner Mannschaft ein Team zu machen. Einmal lud er die Mitarbeiter des Labors zu einer gemeinsamen Veranstaltung auf eine Burg in der Umgebung ein. Heute würde man das wohl ein Labor-Retreat nennen.
Die Laborwissenschaftler waren eine etwas eigene Truppe. Es waren die typischen Kellerwissenschaftler: etwas verschroben, eher wortkarg und nicht unbedingt gesellige Naturen. Aber sie verstanden ihr Geschäft. Im Labor wurde unter anderem Massenspektrometrie betrieben. Die damit durchgeführten Bestimmungen brachten Einnahmen, mit denen Seyberth einen Teil seiner Forschung finanzieren konnte. Mit dabei war Rolf Nüsing, den Seyberth aus Konstanz nach Marburg geholt hatte. Nüsing kannte sich hervorragend mit der Prostaglandinforschung aus und übernahm später, nach dem Scheitern der Klinischen Forschergruppe, die Leitung des Labors.
Nach unserem Umzug nach Marburg schickte Seyberth seine Frau mit Brot und Salz zu uns, um uns willkommen zu heißen. Sie tat mir fast leid. Nach dem Fehlschlag der Forschergruppe und den nicht eingehaltenen Zusagen war das Verhältnis zu Seyberth bereits so belastet, dass sich daraus kaum noch ein freundschaftlicher Kontakt zwischen unseren Familien entwickeln konnte. Auch mein erstes Büro gehörte zu diesen Enttäuschungen. Es war neu eingerichtet und roch noch nach frischer Farbe. Für mich war das zunächst ein großartiges Gefühl. Endlich hatte ich einen eigenen Raum in der Klinik. Nach dem Scheitern der Forschergruppe dauerte es jedoch nicht lange, bis es hieß, ich müsse das Büro wieder räumen. Ich bekam einen anderen Raum, etwas weiter unten. Der war allerdings völlig leer. Geld für eine Einrichtung gab es nicht. Also ging ich am Wochenende in die Klinik, baute mir einen Schreibtisch und montierte Regale. Auf diese Weise richtete ich mir mein Büro in der Universitätskinderklinik selbst ein. Für jemanden, der als künftiger Leiter einer Klinischen Forschergruppe nach Marburg gekommen war, war das eine bemerkenswerte Entwicklung.
Unterstützung fand ich vor allem bei Jürgen Maagsam, einem Oberarzt der Neonatologie, und bei Andreas Leonhardt. Mit Jürgen arbeitete ich, soweit ich mich erinnere, nur ungefähr ein Jahr zusammen, bevor auch er Marburg verließ. Die beiden halfen mir immer wieder und gehörten zu den wenigen Menschen in der Klinik, bei denen ich mich gut aufgehoben fühlte. Bei vielen Altassistenten war das anders. Für sie war ich vor allem ein Forscher, der die Klinik angeblich nicht richtig beherrschte. Entsprechend genau wurde ich beobachtet. Einer von ihnen war Förster, von dem an anderer Stelle noch die Rede sein wird. Er kannte den klinischen Betrieb sehr gut, hatte aber wenig Vorstellung davon, wie Forschung funktionierte. Ich fühlte mich zunehmend wie ein gefallener Engel. Nach Marburg war ich mit der Aussicht gekommen, eine Klinische Forschergruppe zu leiten. Nun arbeitete ich wieder als Assistenzarzt im Schichtdienst und baute mir am Wochenende meinen eigenen Schreibtisch.
Wie sehr die Spannungen inzwischen auch in unserer Familie angekommen waren, zeigte mir eines Tages mein Sohn Jan. Hilde lag damals während ihrer Schwangerschaft mit Kaja in der Klinik. Jan war deshalb häufiger bei mir und spielte gelegentlich auf dem Kinderspielplatz im Innenbereich der Kinderklinik. Als ich zu ihm kam, bog gerade Seyberth um die Ecke. Jan trug schon damals das Herz auf der Zunge. „Bist du der Seyberth?“, fragte er. „Ja“, sagte Seyberth. „Warum?“ – „Warum bist du eigentlich immer so blöd zu meinem Papa?“ Ich hätte natürlich eingreifen und meinen Sohn zurechtweisen müssen. Innerlich freute ich mich allerdings ein wenig. Jan hatte ausgesprochen, was bei uns zu Hause offenbar längst angekommen war.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich innerlich bereits von Marburg verabschiedet. Ich hatte mich auf andere Stellen beworben und führte erste aussichtsreiche Gespräche. Nach drei Jahren verließ ich Marburg und ging nach Essen. Darüber war ich ziemlich froh. Seyberth führte seine wissenschaftliche Arbeit in Marburg weiter und konzentrierte das Labor gemeinsam mit Rolf Nüsing zunehmend auf die Prostaglandinforschung. Seine fachlichen Leistungen standen für mich nie infrage. Persönlich blieb das Verhältnis schwierig. Ich hatte ihn in Heidelberg als sympathischen, wissenschaftlich aufgeschlossenen Oberarzt kennengelernt. In Marburg lernte ich eine andere Seite von ihm kennen.