Marburg hatte damals rund 30.000 Einwohner und etwa 15.000 Studenten. Während des Semesters war die Stadt voller Leben. In den Semesterferien wirkte sie wie ausgestorben. Genau diesen Eindruck hatte ich, als ich nach der Verabschiedung von Professor Habermann zum ersten Mal allein durch die Stadt ging. Kaum Menschen auf den Straßen, alles still und leer. Damals bekam ich zum ersten Mal ein ungutes Gefühl.
Dabei ist Marburg zweifellos eine schöne Stadt. Die Oberstadt mit ihren schmalen Gassen, den Fachwerkhäusern und den vielen kleinen Kneipen hat ihren ganz eigenen Charme. Für Studenten ist Marburg wahrscheinlich eine der angenehmsten Universitätsstädte Deutschlands. Alles ist zu Fuß erreichbar, man kennt sich, trifft sich abends in den Kneipen oder auf dem Marktplatz, und das Schloss hoch über der Stadt bildet eine eindrucksvolle Kulisse.
Für mich war die Stadt allerdings etwas anderes. Ich kam aus Heidelberg, hatte zuvor mehrere Jahre in San Francisco gelebt und war größere wissenschaftliche Zentren gewohnt. Marburg erschien mir dagegen wie eine kleine Insel mitten in Oberhessen. Damals endete die Autobahn noch in Gießen. Der Weiterbau nach Marburg wurde über Jahre blockiert. Viele Einwohner wollten gar keine bessere Anbindung. Marburg sollte so bleiben, wie es war.
Damals hörte man häufig den Satz: „Marburg hat keine Universität – Marburg ist eine Universität.“ Diejenigen, die ihn verwendeten, meinten ihn vermutlich mit Stolz. Auf mich wirkte er eher etwas selbstgefällig. Ich hatte den Eindruck, dass manche Marburger ihre kleine Welt für den Mittelpunkt derselben hielten, obwohl viele von ihnen nie längere Zeit außerhalb dieser Stadt gelebt hatten.
Eigentlich war Marburg ein beschauliches oberhessisches Provinzstädtchen mit einer traditionsreichen Universität. Genau das machte seinen Reiz aus – und zugleich seine Begrenztheit. Außer der Oberstadt, dem Schloss und einigen wenigen Geschäften spielte sich das Leben auf überschaubarem Raum ab. Das Kaufhaus Ahrens war damals fast schon das Zentrum der Stadt. Wer am Wochenende Besuch bekam, ging durch die Oberstadt, hinauf zum Schloss und anschließend vielleicht noch etwas essen. Viel mehr gab es nicht.
Vielleicht war ich Marburg gegenüber auch deshalb nicht gerecht, weil ich unter denkbar schlechten Voraussetzungen dorthin gekommen war. Die Ablehnung der Klinischen Forschergruppe und die gebrochenen Zusagen lagen erst wenige Tage zurück. Meine Begeisterung hielt sich entsprechend in Grenzen.
An eine Begebenheit erinnere ich mich noch gut. Eines Tages klingelte Frau Seyberth bei uns und brachte Brot und Salz vorbei – eine alte Tradition zur Begrüßung neuer Nachbarn. Sie konnte nichts dafür und tat mir fast leid. Wahrscheinlich hatte Hansjörg Seyberth gehofft, auf diese Weise etwas Normalität herzustellen. Für mich kam diese Geste jedoch völlig zur Unzeit. Unser Verhältnis war zu diesem Zeitpunkt bereits schwer belastet. Brot und Salz konnten daran nichts mehr ändern.
So blieb Marburg für mich eine Stadt voller Gegensätze. Objektiv betrachtet war sie schön, überschaubar und für Studenten sicher ein idealer Ort. Für mich aber war sie mit einer beruflichen Enttäuschung verbunden, die meinen Blick auf die Stadt von Anfang an prägte. Auch nach drei Jahren hatte sich dieser erste Eindruck kaum verändert.