Der Fall Lakomek

Als ich die Leitung der Göttinger Kinderklinik übernahm, war Professor Max Lakomek dort leitender Oberarzt. Nach dem Ausscheiden meines Vorgängers Professor Schröter hatte er die Klinik kommissarisch geführt, die inzwischen Pädiatrie I hieß.

Erst später erfuhr ich, dass Lakomek sich ebenfalls um die Leitung beworben hatte. Eine Hausberufung war zwar ungewöhnlich, insbesondere wenn ausgewiesene auswärtige Bewerber vorhanden waren. Seine Bewerbung zeigte aber, dass er selbst auf diese Stelle gehofft hatte. Im Nachhinein wurde mir klar, dass ich ihm seinen Wunschposten weggenommen hatte. Unter diesem Gesichtspunkt hätte ich manches, was später geschah, vermutlich früher erkennen können.

Schon bei den Visiten fiel mir sein Verhalten auf. Während ich noch im Patientenzimmer mit einem Kind oder dessen Eltern sprach, hielt er sich gelegentlich bereits an der Tür oder draußen auf dem Flur auf. Auf mich wirkte das wie eine Demonstration, als wollte er zeigen, dass ihn nicht interessierte, was ich dort noch zu besprechen hatte. Ich hätte ihn zur Rede stellen und ihm klarmachen müssen, dass die Visite erst beendet war, wenn ich sie beendet hatte. Dazu fehlten mir als neuem Klinikchef aber noch Erfahrung und Durchsetzungskraft. Ich nahm sein Verhalten hin, obwohl es mir zu denken hätte geben müssen.

Im persönlichen Umgang sprach Lakomek mir meistens nach dem Mund. Besonders sympathisch war er mir nicht, aber zunächst war unser Verhältnis freundschaftlich-distanziert. Das änderte sich, als die Auseinandersetzungen innerhalb der Kinderklinik immer heftiger wurden. Ich geriet damals vor allem mit den beiden anderen Abteilungsleitern und mit dem Ärztlichen Direktor Günther Bergmann (hauptsächlich aber nicht exklusiv wegen der Ressourcenverteilung)in Konflikt.

Bergmann hatte mir unter anderem vorgeworfen, mich vor einem Urlaub nicht schriftlich abgemeldet und keinen Stellvertreter benannt zu haben. Beides stimmte nicht. Ich hatte die vorgeschriebenen Unterlagen eingereicht; sie waren lediglich im Büro seines Sekretariats untergegangen. Trotzdem nahm Bergmann seine Vorwürfe nicht zurück und entschuldigte sich auch nicht. Hinzu kamen öffentliche Äußerungen über meinen Führungsstil, die sich zumindest teilweise als unbegründet erwiesen.

Solche Vorgänge hielt ich schriftlich fest. Für jedes Vorstandsmitglied hatte ich einen eigenen Ordner angelegt, und der Ordner Bergmann wurde mit der Zeit immer umfangreicher. Ich bewahrte ihn in meinem Sekretariat auf, allerdings nicht in einem besonders gesicherten Schrank. Nach Feierabend hatten nur wenige Personen mittels Schlüssel Zugang zu den Räumen: meine beiden Sekretärinnen, Lakomek und ich. Möglicherweise konnten auch Mitglieder des Vorstands hinein.

Als ich nach einem Wochenende in die Klinik zurückkam, berichteten mir meine Sekretärinnen, dass der Reißwolf verstopft sei. Darin hatte sich eine größere Menge geschredderten Papiers befunden. Gleichzeitig war der Ordner Bergmann verschwunden. Ich meldete den Vorgang dem Vorstand und bat darum, die Polizei einzuschalten. Bergmann wiegelte jedoch ab. Das sei nicht notwendig, der Vorstand werde der Sache selbst nachgehen.

Nach einiger Zeit erhielt ich den Ordner zurück. Bergmann hatte einen Brief beigelegt, wonach er wieder aufgetaucht und zum Verbleib bei mir bestimmt sei. Auffällig war, dass der Brief offenbar von ihm selbst geschrieben worden war; das sonst übliche Kürzel einer Sekretärin fehlte. Der Ordner war damit zwar wieder da, nicht aber sein wesentlicher Inhalt. Die Schriftstücke, in denen ich die gegen mich erhobenen Vorwürfe und meine Gegendarstellungen gesammelt hatte, waren verschwunden.

Wer den Ordner genommen hatte und was mit den fehlenden Papieren geschehen war, ließ sich nicht beweisen. Der Kreis der möglichen Täter war allerdings klein. Es musste jemand gewesen sein, der Zugang zum verschlossenen Sekretariat hatte, dort kein Aufsehen erregte und ein Interesse daran haben konnte, dass gerade diese Unterlagen verschwanden. Mein Verdacht richtete sich deshalb gegen Lakomek, auch wenn ich ihm nichts beweisen konnte.

Eine weitere Geschichte erfuhr ich erst, nachdem ich Göttingen verlassen hatte. Eine meiner früheren Sekretärinnen erzählte mir vertraulich, Lakomek habe sich ihr in meiner Abwesenheit nach Feierabend in unangemessener Weise genähert (um es milde auszudrücken). Diese Mitteilung traf mich völlig unvorbereitet. Ich hatte mit einem solchen Verhalten nicht gerechnet, glaubte ihr aber. Sie war für mich eine vertrauenswürdige Frau, und ich hatte keinen Grund, an ihrer Schilderung zu zweifeln. Selbst erlebt hatte ich diese Vorgänge nicht, und überprüfen konnte ich sie zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr.

Was mir selbst bei den Visiten aufgefallen war, was ich im Zusammenhang mit dem verschwundenen Ordner vermutete und was mir meine frühere Sekretärin später anvertraute, ergab im Rückblick ein erschütterndes Bild. Es war eine enttäuschende Erfahrung mit einem Mann, mit dem ich über Jahre hinweg eng zusammengearbeitet hatte.

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