Von außen wirkte die alte Kinderklinik fast würdevoll.
Die Gebäude lagen in einem weitläufigen Park mit altem Baumbestand. Im Frühjahr war das sogar richtig schön. Hohe Kastanien und Buchen verdeckten vieles von dem, was sich dahinter verbarg. Erst wenn man näher kam, fielen die grauen Fassaden auf. Dieser typische DDR-Sandstein, der weniger aus gestalterischem Willen als aus Materialmangel entstanden war. Alles wirkte etwas müde, aber nicht hoffnungslos.
Sobald sich die Eingangstür hinter einem schloss, änderte sich der Eindruck schlagartig. Es roch nach altem Linoleum. Nach diesem eigenartigen DDR-Belag, den ich bis dahin kaum gekannt hatte. Jahrzehnte später könnte ich diesen Geruch wahrscheinlich noch immer unter hundert anderen wiedererkennen. Er zog sich durch das ganze Gebäude.
Mein Büro lag im ersten Stock. Zunächst musste jeder durch das Vorzimmer mit dem Sekretariat. Dahinter befand sich mein eigentlicher Arbeitsraum. Was mir sofort auffiel, war die Tür. Sie war dick gepolstert. So gepolstert, dass vermutlich kein Wort nach draußen dringen konnte. Mein erster Gedanke war völlig irrational, aber er war sofort da:
Stasi.
Natürlich hatte diese Tür wahrscheinlich einen ganz banalen Grund. Trotzdem passte sie für mich in diese Atmosphäre einer Klinik, die noch an vielen Stellen den Geist einer vergangenen Zeit ausstrahlte.
Auch das Büro selbst war schlicht. Ein großer Schreibtisch, ein Teppich mit einem etwas eigenwilligen Geruch und Tapeten, die aussahen, als hätten sie die Wende zwar erlebt, aber nie wirklich zur Kenntnis genommen. Alles war funktional. Mehr nicht. Schnell merkte ich jedoch, dass man Gebäude und Menschen getrennt betrachten musste.
Meine Stellvertreterin Barbara Distler – sie hieß später nach ihrer Heirat Barbara Korinth – war ausgesprochen loyal. Auf sie konnte ich mich vom ersten Tag an verlassen. Sie gehörte zu den Menschen, die Probleme nicht lange diskutierten, sondern lösten.
Eine kleine Szene ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Frau Distler warf bedruckte Seiten nie weg, sondern schrieb auf die leere Rückseite. Zunächst musste ich schmunzeln. Im Westen hatte ich so etwas kaum erlebt. Für sie war das völlig selbstverständlich. Papier war nichts, was man einfach wegwarf. Erst später wurde mir klar, dass dahinter keine Schrulligkeit steckte, sondern jahrzehntelang gelebter Alltag. Wer gelernt hatte, mit Mangel zu leben, ging auch mit Papier anders um.
Überhaupt beeindruckten mich viele Mitarbeiter. Sie hatten oft unter Bedingungen gearbeitet, die mit westdeutschen Kliniken kaum vergleichbar waren. Improvisation gehörte zum Alltag. Aus wenig machten sie erstaunlich viel. Viele waren hervorragende Kliniker mit großer Erfahrung. Was ihnen häufig fehlte, war nicht Können, sondern der Zugang zu aktueller wissenschaftlicher Literatur. Während wir im Westen selbstverständlich internationale Fachzeitschriften lasen, war das in der DDR nur eingeschränkt möglich gewesen. Trotzdem begegnete ich vielen Ärzten und Pflegekräften mit großem medizinischem Sachverstand und bemerkenswerter Hingabe.
Die Infrastruktur dagegen war ernüchternd.
Die Neonatologie bestand aus einem kleinen Bereich in einem Nebengebäude. Einige wenige Beatmungsplätze, wenig Raum und technische Möglichkeiten, die weit hinter dem zurückblieben, was ich gewohnt war. Niemand machte dort schlechte Medizin. Aber man arbeitete unter Bedingungen, die den Möglichkeiten der modernen Neonatologie längst nicht mehr gerecht wurden.
Die Kinderonkologie war in einem anderen Gebäude untergebracht. Lange Flure führten zu den Patientenzimmern. Manche Kinder lagen noch in Vierbettzimmern. Heute wäre das kaum noch vorstellbar. Damals gehörte es zum Alltag.
Während meiner ersten Rundgänge führte mich mein Weg auch in den Keller. Dort entdeckte ich Räume, die weniger nach Krankenhaus als nach Aufenthaltsbereich aussahen. Kaffeemaschine, Liegen, bequeme Sessel. Einige Oberärzte hatten sich dort offenbar einen Rückzugsort geschaffen, während auf den Stationen die Assistenzärzte den Betrieb aufrechterhielten. Mir war schnell klar, dass diese Form der Arbeitsteilung nicht zu meiner Vorstellung von Führung passte. Wer Verantwortung trug, sollte dort sein, wo die Patienten waren. Die Kellerräume verloren deshalb schon bald ihre bisherige Funktion.
Nicht alle begrüßten den neuen Chefarzt mit derselben Begeisterung. Einige begegneten mir offen und freundlich. Andere beobachteten zunächst abwartend, wohin die Reise gehen würde. Wieder andere sahen ihre bisherige Stellung gefährdet. Das gehörte zu einem Neuanfang dazu und überraschte mich nicht. Trotz allem fuhr ich abends meist mit einem guten Gefühl nach Hause. Die Gebäude waren alt. Die Wege waren lang. Vieles funktionierte nicht so, wie ich es mir vorstellte.
Aber ich hatte den Eindruck, dass hier Menschen arbeiteten, mit denen man etwas aufbauen konnte. Und das war am Ende wichtiger als jede Tapete und jeder Linoleumboden.