Als ich zum Vorstellungsgespräch in Berlin-Buch erschien, war ich bereits eine halbe Stunde zu spät. Das war kein besonders guter Anfang.
Am Berliner Hauptbahnhof war ich in die S-Bahn gestiegen und hatte die Entfernungen völlig unterschätzt. Auf dem Liniennetz sah Berlin-Buch aus, als läge es gleich hinter der nächsten Kurve. Tatsächlich schien die Bahn endlos durch die Stadt zu fahren. Mit jeder Station wanderte mein Blick häufiger auf die Uhr. Irgendwann war klar: Pünktlich würde ich nicht mehr ankommen.
Der kleine S-Bahnhof von Berlin-Buch lag nur wenige Gehminuten vom Klinikum entfernt. Der Weg führte vorbei an den typischen Plattenbauten der ehemaligen DDR. Viel Beton, wenig Charme. Dahinter öffnete sich überraschend ein parkähnliches Gelände mit alten Bäumen. Die Gebäude stammten aus einer anderen Zeit. Es war Frühjahr. Das viele Grün nahm der Umgebung etwas von ihrer Tristesse. Ich rechnete fest damit, dass sich das Vorstellungsgespräch erledigt hatte.
Im Besprechungszimmer warteten bereits Professor Josef Zacher, der Ärztliche Direktor, Professor Wolf-Dieter Ludwig und ein junger Verwaltungsmitarbeiter. Christian Straub hieß er. Gepflegte Frisur, tadelloser Anzug – und beim Händeschütteln auffallend feuchte Hände. Jahre später sollte er Geschäftsführer des Klinikums werden. Erstaunlicherweise spielte meine Verspätung kaum eine Rolle. Das Gespräch verlief freundlich und sachlich.
Anschließend zeigte man mir die Kinderklinik. Je länger der Rundgang dauerte, desto skeptischer wurde ich. Die Gebäude wirkten müde. Der Linoleumboden verströmte den typischen Geruch alter Krankenhäuser aus DDR-Zeiten. Die Zimmer waren klein, die Wege lang und vieles machte den Eindruck, als hätte seit Jahrzehnten niemand grundlegend darüber nachgedacht, wie moderne Kinderheilkunde eigentlich funktionieren sollte. Ich versuchte mir vorzustellen, wie hier eine wirtschaftlich und organisatorisch gut geführte Kinderklinik arbeiten sollte.
Das würde nicht funktionieren.
Dabei waren die fachlichen Voraussetzungen ausgesprochen attraktiv. Eine große Kinderonkologie, eine Neonatologie und die Lage in der Bundeshauptstadt boten Möglichkeiten, die viele andere Kliniken nicht hatten. Gerade deshalb war der Zustand der Infrastruktur so enttäuschend. Auf der Rückfahrt nach Göttingen war meine Entscheidung bereits gefallen. Ich sagte ab. Damit hätte die Geschichte eigentlich zu Ende sein können.
Sie war es aber nicht. Einige Tage später meldete sich der Klinikgeschäftsführer Jörg Reschke. Er akzeptierte meine Absage nicht. Statt lange zu telefonieren, setzte er sich ins Auto und kam nach Göttingen. Wir trafen uns im Freizeit Inn. Nach ein paar einleitenden Worten stellte er eine einzige Frage.
„Herr Professor Schweigerer, was muss ich tun, damit Sie nach Berlin kommen?“
Ich musste nicht lange überlegen.
„Bauen Sie mir eine neue Kinderklinik.“
Ich erklärte ihm, warum die vorhandene Klinik auf Dauer nicht funktionieren konnte. Es ging nicht um schöne Fassaden. Es ging um kurze Wege, klare Strukturen und eine Kinderklinik mit direkter Anbindung an Intensivstation, Radiologie und die übrige Infrastruktur. Wenn man chronisch kranke Kinder gut versorgen wollte, musste alles ineinandergreifen. Reschke hörte aufmerksam zu.
Er versprach nichts Unmögliches. Aber er machte deutlich, dass Helios bereit war, groß zu denken. Für das gesamte Klinikum war eine Investition von rund 250 Millionen Euro vorgesehen. Zehn Millionen davon sollten in eine neue Kinderklinik fließen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass mir jemand nicht erklärte, warum etwas nicht ging, sondern fragte, wie es gehen könnte.
Wenig später unterschrieb ich den Vertrag.
Unter der Woche wohnte ich zunächst allein in einer kleinen Wohnung in der Nähe der Klinik. Am Wochenende fuhr ich nach Göttingen zurück. Unsere Familie war Umzüge inzwischen gewohnt. Trotzdem fiel mir diese Entscheidung nicht leicht. Unsere Kinder mussten ihr gewohntes Umfeld verlassen, besonders Jan, der gerade begann, seinen eigenen Platz zu finden.
Für mich selbst gab es dagegen keine wirkliche Alternative mehr. Ich wollte mein Ordinariat nicht behalten, nur um irgendwann mit einem Herzinfarkt in den Ruhestand zu gehen.
Als ich an einem Sonntagabend mit meinem Koffer nach Berlin zurückfuhr, ahnte ich nicht, dass gerade der Ort, den ich zunächst abgelehnt hatte, der wichtigste Abschnitt meines Berufslebens werden würde.